Review

Als ich das erste Mal von diesem Film hörte, so schien es mir wie ein "match made in heaven": David Lynch produziert, Werner Herzog führt Regie. Als ich in den Trailer dann sah, war meine Neugier weiter geweckt und nun habe ich ihn gesehen und muss leider feststellen, dass er bei Weitem nicht die Summe seiner Teile ist.
Die spärliche Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit (was allerdings nie genauer erläutert wird): zwei Polizisten (Willem Dafoe und Michael Pena) werden zu einem Haus in einem Vorort von San Diego gerufen, wo man die erstochene Leiche einer älteren Frau gefunden hat. Schnell stellt sich heraus, dass ihr exzentrischer Sohn Brian (Michael Shannon) Hauptverdächtiger ist, zumal er kürzlich mit einem Samuraischwert gesichtet wurde. Er hat sich inzwischen in seinem Haus (wo er mit seiner überfürsorglichen Mutter und zwei Flamingos lebte) verbarrikadiert und droht, sich und seine zwei Geiseln zu töten. Seine Verlobte Ingrid (Chloe Sevigny) taucht auch noch auf, ebenso der Regisseur (Udo Kier) eines Theaterstücks, in dem Brian zeitweise die Hauptrolle spielte. Nun versuchen alle Beteiligten, nach Gründen für diesen Mord und die Geiselnahme zu suchen...

Eigentlich eine Steilvorlage für beide, Herzog und Lynch: Lynch als Sezierer kleinbürgerlicher Vorortidyllen (Blue Velvet und Twin Peaks), als Entlarver dunkelster Abgründe, umrahmt von rosa Flamingos. Herzog als Erforscher menschlicher Grenzsituationen, als Regisseur, der kraftvoll und innovativ Bilder kreiert, die immer auch eine spannende Geschichte erzählen. Irgendwie trifft das alles hier nicht so zu. Plus und Plus muss nicht Plus ergeben.
Hauptproblem war für mich v. a. die Hauptfigur Brian. Zwar wurde er faszinierend von Michael "Wann spiele ich mal einen Normalen?" Shannon verkörpert, aber als Person ist er so verstörend und zugleich so wenig interessant, dass der Zugang zu ihm extrem schwierig ist. Man muss ihn ja nicht mögen, aber etwas mehr über seine Motive hätte ich gerne erfahren.
Auslöser des Mords war eine griechische Tragödie, die er mit seiner Theatergruppe unter der Regie von Udo Kier einstudiert und als er sich immer mehr in seine Titelrolle als muttermordender Sohn hineinsteigert, wird's auch dem kölschen Jong Udo unheimlich und er ersetzt ihn mit einem weniger labilen Schauspieler. Alles an Brian schreit nach Hilfe - umso unverständlicher auch das Verhalten seiner Verlobten, die seine Probleme entweder nicht sehen will oder kann. Brians Probleme hätte jeder Mensch mit einer minimalen Empathie wahrgenommen. Manchmal sieht er Gott, dann sieht er ihn in der Skyline von San Diego, dann in einem Basketball, dann will alle Kranken im Marinehospital besuchen und sich um sie kümmern... Falls der Film dann eine Anklage gegen die Gleichgültigkeit der Gesellschaft ist, so kommt das auch nicht hin.
Und seine Mutter ist unheimlich und penetrant, aber nicht viel schlimmer als andere Mütter, deren Söhne mit Mitte 30 noch zu Hause wohnen. Auch seine Reise nach Peru, die seine Verlobte als Beginn seines seltsamen Verhaltens sieht, hat zwar einige interessante Szenen, letztendlich bleibt alles aber so im Vagen, dass einem die Figuren am Ende egal sind. Und da das Ende des Films schnell klar ist und somit nicht wirklich mit Überraschungen zu rechnen ist, müsste man sich eigentlich auf die Figuren konzentrieren, die aber hier seltsam eindimensional bleiben.
Die Schauspieler sind weitestgehend recht gut, aber auch sie können diesen Wirrwarr auch nicht retten. Das Psychogramm eines Mörders, der durch seine Mutter irre wird und sie am Ende ermordet, bleibt eindimensional, wenn die Hauptfigur lediglich lahme Projektionsflächen für verschwurbelte Andeutungen ist.
Der Spannungsaufbau des Films konkurriert mit einer lahmen Folge von "Ein Fall für zwei" und nur gelegentlich blitzt z. B. ein zynischer Humor (Brad Dourif als xenophober Strausszüchter) oder irritierende Szenen (der Zwerg im Wald) durch, die erahnen lassen, was möglich gewesen wäre.
Wie sehr mochte ich z. B. den letzten Herzog, "Bad Lieutenant", seine exzentrischen, faszinierenden Bilder und seine grandiose Hauptfigur und wie gern hätte ich das hier auch gemocht - aber so bleibt ein fades, statisches Filmchen mit guten Schauspielern, einigen schönen Momenten und die Erkenntnis, dass auch zwei Meister mal danebenliegen können. Schade.

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