Wenn man über Filme belgischer Herkunft spricht, wird künftig der Name Erik Van Looy wahrscheinlich als erstes genannt werden, denn nicht nur sein vorheriger Streifen „The Alzheimer Chase“ war bereits ein gut durchdachtes Stück Kino.
Mit diesem Whodunit-Thriller geht er jedoch einen ganzen Schritt weiter und wandelt auf den Spuren von „Die üblichen Verdächtigen“, geht dabei aber mindestens genauso intelligent vor.
Hier haben wir eine ähnliche Ausgangssituation: Ein luxuriöses Loft, fünf Freunde und eine Frauenleiche auf dem Bett. Keiner der fünf zeichnet sich für die Tat verantwortlich, doch außer ihnen verfügt niemand über einen Schlüssel, noch über den Code, um die Alarmanlage auszustellen. Da das Loft als geheimer Ort galt, um sich beispielsweise mit einer Dame außerhalb der eigenen Ehe zurückzuziehen, könnte eine der Ehefrauen hinter das Geheimnis gekommen sein, vielleicht findet aber auch eine Verschwörung statt…
Da der Streifen dermaßen vertrackt aufgebaut ist, lässt sich schon fast nicht mehr über den Inhalt sagen.
Die Handlung wird in mehrere Erzählebenen aufgesplittet: Kurz und knapp gehalten werden die verschiedenen Aussagen auf dem Polizeirevier. Dann haben wir die Situation der fünf Männer in Umgebung der Frauenleiche (innerhalb dessen aber auch noch mal zeitversetzt, da Teile aufeinander aufbauen) und wir haben bedeutsamere Ereignisse wie eine Galerie-Eröffnung, eine Hochzeit, ein Meeting in Düsseldorf und einen Besuch im Kasino, was zeitlich vor dem Auffinden der Frauenleiche spielt und Puzzleteile liefert, die die einzelnen Figuren durchleuchten.
Häppchenweise, aber latent wird der Zuschauer an der Nase herum geführt und wer die endgültige Auflösung nach kurzer Zeit herausbekommen sollte, ist entweder ein Genie oder hat das Drehbuch verfasst.
Denn es vergehen kaum fünf Minuten, in denen nicht eine neue Wendung eintritt, eine Figur eine Überraschung parat hält und man seine eigene Theorie komplett über den Haufen werfen kann.
Über Psychiater Chris, seinem impulsiven Halbbruder Filip, den etwas schüchternen Luc, den Sprücheklopfer Marnix und den galanten Architekten Vincent bekommt man erst ganz am Ende eine komplette Meinung, bis dato wirken die in Glamour lebenden Männer zwar ein wenig kühl und unnahbar, doch ohne Tiefe erscheint zum Schluss niemand der fünf.
Da stört es auch nicht weiter, dass die Handlung im Grunde nur aus Dialogen und wenig Bewegung besteht (auch wenn ein, zwei Erotikszenen am Rande recht ästhetisch eingefangen wurden). Denn aus der Abfolge verschiedener Aufeinandertreffen schöpft der Streifen seine Dynamik, baut einen konstanten Spannungsbogen auf und weiß im rechten Moment sein Erzähltempo zu beschleunigen, was logischerweise zum Finale eintritt.
Wie die Faust aufs Auge passen da die luxuriösen Möbel in kühler Ausleuchtung, die reservierte Bar-Atmosphäre, der spärliche Score und die auf Distanz waltende Kamera, was dazu führt, mit keinem der fünf wirklich warm zu werden, ergo auch niemanden findet, den man nicht vielleicht doch einen Mord anhängen könnte.
Spätestens beim vierten Flashback im Flashback traut man jedem alles zu.
Dennoch verzettelt sich Van Looy nie und auch der Zuschauer behält jederzeit die Übersicht.
Dank der souverän und jederzeit glaubhaft agierenden Darsteller behält man jede Figur mit voller Aufmerksamkeit im Auge und ist gespannt, welcher Verrat, welche Lüge und welches dunkle Geheimnis noch ans Tageslicht gebracht wird.
„Loft“ zählt für mich zu den intelligentesten Streifen der letzten Monate im Genre des Thrillers, denn er ist überaus durchdacht aufgebaut, hinterlässt keinerlei Logiklöcher und weiß von A bis Z durch einen grandiosen Spannungsaufbau zu überzeugen.
Lediglich gegen Finale gibt es die eine oder andere Wendung zuviel und man überhastet sich mit der endgültigen Auflösung ein wenig.
Ansonsten ein klarer Tipp für alle, die sich gerne mit verschachtelten Konstellationen beschäftigen und auch gerne mal über das Ratespiel eines eventuellen Killers hinausgehen…
8,5 von 10