Heutzutage hat jeder Ingrid Bergmans hervorragende Darstellung des Abdriftens in den Wahnsinn in „Gaslicht“ aka „Das Haus der Lady Alquist“ gesehen, aber viele Filme aus dieser Zeit, die ähnliche Sujets, in denen Frauen in Gefahr gerieten, behandelten, sind unberechtigterweise fast vergessen.
Einer davon ist „Dark Waters“, ein erzählerisch verblüffend ähnliches gelagertes Spannungsmelodram, welches jedoch die relative Beschaulichkeit eines weiträumigen englischen Stadthauses gegen eine Plantagenvilla in den Bayous eintauscht.
Statt der Bergman ist dieser Film eindeutig ein Showcase für Merle Oberon, die sich in den 30er Jahren in die absolute Oberliga hochgearbeitet hatte und auch heute noch vor allem für die Verfilmung von „Sturmhöhe/ Wuthering Heights“ bekannt ist. Ihr exotischer Gesichtsschnitt (tatsächlich stammte ihre Familie aus Indien/Ceylon, allerdings war sie dennoch rein britischen Ursprungs, was aber dennoch Probleme durch Typecasting machte) und ihre dunklen Augen machten ihre Rollen zu etwas Besonderem, doch war sie eben nicht überall passend und ihr zeitweiser Ehemann Alexander Korda schneiderte ihr Rollen auf den Leib.
Hier darf sie sich nun dreierlei dunklen Wassern hingeben, die die Handlung bestimmen: einmal die Wasser des Meeres, in denen ihre Eltern gestorben sind, nachdem das Passagierschiff von einem deutschen U-Boot torpediert wurden. Dann die Untiefen psychologischer Natur, hervorgerufen durch die traumatischen Erfahrungen als Überlebende in einem Rettungsboot, die offenbar ebenfalls noch reichlich Opfer zu beklagen hatten und dann die dunklen Wasser des Bayous, an dem nun das Haus ihrer letzten lebenden Verwandten, Tante Emily und Onkel Norbert, steht. Die haben ihr nun angeboten, sie bis zu ihrer vollständigen Erholung aufzunehmen, aber dass hier dunkle Wolken aufziehen, merkt man schon, dass unsere Heldin Leslie am Bahnhof strandet und in der Hitze der Südstatten kollabiert.
Auftritt Franchot Tones als lokaler Doc George Grover und wie sich bald zeigt, potentieller „love interest“, der die Gute nach Rehydrierung erstmal zur Plantage bringt, wo ihre Verwandten sie offensichtlich vergessen haben.
Die Atmosphäre in dem großen Haus ist für sie schon bald gewöhnungsbedürftig, was auch an zwei Hausgästen liegt, einmal dem scheinbar wohlüberlegten, aber selbstgefälligen Mr. Sydney, der scheinbar mit sanfter Stimme die Szene dominiert und der schon bald sehr um Leslie sich bemühende Cleeve, der ihr mit allerlei Geschichten von Flussuntiefen und Treibsand Angst macht.
Als sei das nicht genug, raschelt es überall im Gebüsch, lauern Schatten an jeder Ecke, das Licht flackert abends und von draußen tönen geisterhafte Stimmen, die Leslie zu sich bitten. Da darf auch die patenteste Heldin im eh schon angeknackten Zustand mal zweifeln, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat.
Etwa um die Halbzeitmarke herum entfernt der Film sich dann von seinem Vergleichsobjekt „Gaslicht“, denn während bei der Bergman die Verunsicherung zunimmt, nimmt bei Oberon die Sicherheit ab dem Moment zu, als der bereits gefeuerte, aber noch herumlungernde Verwalter des Anwesens ihr versichert, die geisterhaften Stimmen auch gehört zu haben. Von da an ahnt sie, dass sie zwar psychisch gesund ist, aber vermutlich in einer Falle steckt.
Was dann kommt, ist eine hübsche Abfolge aus Enthüllungen und bösen Überraschungen, bis zu einem Finale auf Booten und im Sumpf, das sich gewaschen hat.
Zwar zur Gänze im Studio gedreht, gehört die Verfolgungsjagd im Sumpf zu den besten Szenen eines sonst stark von geschliffenen Dialogen getragenen Films.
Nicht ganz geklappt hat es allerdings, den Fokus auf Oberon zu setzen, denn ausgerechnet zwei Nebendarsteller laufen ihr hier in jeder ihrer Szenen einzeln oder gemeinsam den Rang ab: einmal der ewige Handlanger Elisha Cook jr, der ihr hier sexuell repressiv hinterher schmachtet und der viel zu selten gefeierte Thomas Mitchell, der hier mit leider und höflicher Nonchalance eine Bedrohlichkeit ausstrahlt, die sonst Charles Laughton zugefallen wäre, was aber weniger subtil ausgefallen wäre. Wenn er ohne Druck und mit gigantischer Selbstsicherheit das Gespräch führt, dann ist er eben so unheimlich, weil er gar nichts Unheimliches sagt, eher weil man weiß, dass er Dinge unausgesprochen lässt.
Tone ist als männlicher Retter stabil, aber ohne große Ausstrahlung, Fay Bainter hat ein paar schöne Szenen als Tante Emily, aber von dem Verwalter, gespielt von Rex Ingram (ja, dem Djinn aus „Der Dieb von Bagdad“) hätten man gern noch mehr gesehen.
Eine uneingeschränkte Empfehlung von mir, das „Gothic“-Personenmelodrama auf dem direkten Weg in den Film Noir, bitte ablegen, rudern und genießen. (7,5/10)