Review

„Wir hassen die Bösen nicht nur, weil sie uns schaden, sondern weil sie böse sind.“ – Jean-Jacques Rousseau

Regisseur Florian Schwarz‘ nach „Waffenschwestern“ zweiter „Tatort“ degradiert das Frankfurter Ermittlungsduo Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) zu nicht viel mehr als Statisten in einem Spiel um Macht, Moral und Sühne, erdacht von Matthias Tuchmann und Florian Schwarz, in Drehbuchform transkribiert von Michael Proehl. Die 2010 ausgestrahlte Episode wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis als bester Fernsehfilm des Jahres ausgezeichnet.

Rolf Herken (Milan Peschel, „12 Meter ohne Kopf“) muss als verwitweter Angestellter sich und seinen autistischen Sohn durchbringen, für den er dringend Geld für eine nachhaltig wirksame Therapie benötigt. Im Beruf sieht er sich jedoch starkem Konkurrenzdruck ausgesetzt und wird von der eigenen Kollegin (Sandra Borgmann, „Die Bluthochzeit“) übervorteilt, wodurch ihm eine fest eingeplante Gehaltserhöhung verwehrt bleibt. Rolf sieht nur noch eine Möglichkeit: Er sucht den vermögenden Kunstmäzen und Stiftungseigner Reinhard Staupen (Markus Boysen, „Tornado – Der Zorn des Himmels“) auf, um ihn zu bitten, sich bei dessen Stiftung für seinen Sohn einzusetzen. Doch Staupen reagiert überheblich und ablehnend, lässt sich auch nicht durch Rolfs Ahnenforschungen erweichen, die ergeben haben, dass die Herkens vor Generationen einst für die Staupens in die Bresche sprangen. Staupen wird beleidigend und verhöhnt Rolf und seinen Sohn, woraufhin Rolf ihn im Affekt mit einem mittelalterlichen Morgenstern erschlägt. Als der Staupen-Sprössling Balthasar (Matthias Schweighöfer, „Keinohrhasen“), ein junger Erwachsener, seinen toten Vater entdeckt und die Videos der Überwachungskamera auswertet, freut er sich über das Ableben des verhassten Erzeugers. Er lässt die Aufnahmen und die Tatwaffe verschwinden und wendet sich an Rolf, um sich bei ihm zu bedanken und ihm nicht nur finanziell unter die Arme zu greifen – aber auch, um mit seiner Hilfe auch seinen Onkel (Peter Davor, „Sommer ‘04“) und seine Tante (Adele Neuhauser, Wiener „Tatorte“), die nicht minder böse sind, als es sein Vater war, zu töten. Doch Rolf will davon nichts wissen, weshalb Balthasar zum Mittel der Erpressung greifen muss. Charlotte Sänger und Fritz Dellwo von der Kripo sind zwar auf den Fall angesetzt, aber viel zu sehr mit internen Querelen um ihre Posten und daraus resultierenden Befindlichkeiten beschäftigt, als dass sie das Spiel durchschauen würden…

Überzeichnete Charaktere, die zwischen klassischer Musik und Bob Dylans Folk-Klängen agieren, liefern sich Duelle bis aufs Blut. Graustufen gibt es kaum zu erkennen, mit einer entscheidenden Ausnahme: Während der Großteil klar in ein Gut-Böse-Schema gepresst werden kann, ist die Figur des Balthasar ambivalent. Um die Welt von seiner bösen Verwandtschaft zu befreien, wendet er selbst ungesetzliche, ja, „böse“ Methoden an und zwingt Rolf Herken in eine Vollstreckerrolle, in die dieser partout nicht hineinwill. Daraus entsteht die spannende Dramaturgie dieses außergewöhnlichen „Tatorts“, der zudem sehr launig gespielt wird – wenngleich Schweighöfers Dialoge oftmals etwas sehr gekünstelt wirken. „Weil sie böse sind“ mit seinem einleitenden Rousseau-Zitat geht davon aus, dass es das Gute und das Böse tatsächlich gibt. Und er zeigt interessante Möglichkeiten auf, sich missliebiger Mitmenschen zu entledigen, indem man sie so sehr provoziert, dass man sie in Notwehr um die Ecke bringen kann. Am Ende bleibt jedoch die „Tatort“-typische Konsequenz, dass niemand ungesühnt davonkommen darf, der einen geplanten Mord auf dem Gewissen hat, auch wenn er vielleicht gar nicht mal so falsch damit lag. Dank des Versagens der Polizei bleibt nur noch die eine finale Möglichkeit.

Die staatlich legitimierte Exekutive überhaupt in diesem „Tatort“ unterzubringen, bereite Schwarz & Co. spürbar Mühe. Ihre kindischen Ränkespiele um die Besetzung ihrer albernen Kripo-Pöstchen finden zum Glück nur am Rande statt, nerven dennoch jedes Mal kolossal und gehören anscheinend zur Kontinuität dieses hessischen „Tatort“-Ablegers, dessen nächste Episode bereits sein Schwanengesang wurde. Fazit: Für Realismus-Fetischist(inn)en und passionierte Whodunit?-Rätsler(innen) ist dieser Fall nichts – für Freunde des etwas experimentelleren, dicker aufgetragenen und philosophischen Fernsehkrimis jedoch fast ein Volltreffer, der sich in die moderne „Tatort“-Klassikerriege einreiht.

Bleibt nur noch die Frage: Was für Arschlöcher hören eigentlich den guten alten Bob Dylan?!

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