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„Der Chill Faktor“ ist ein zu Unrecht wenig beachtetes Buddy-Action-Comedy-Movie, dem von Kritikern gerne das unliebsame Attribut der Zweitklassigkeit nachgesagt wird. Das mag mehrere Gründe haben: ein Regie-Neuling, ein Buddy-Couple bestehend aus Skeet Ulrich, der so richtig eigentlich nur in „Scream“ aufgefallen ist, und Oscarpreisträger Cuba Gooding Jr., dessen große Trophäe irgendwie ganz isoliert auf weiter Flur liegt.
Aber ist das nicht ungerecht, alleine aufgrund der nicht ganz so optimalen Voraussetzungen einen Film so runterzuspielen? Das ist es. Gerade die Kritik an dem angeblich schwachen Protagonisten-Zweigespann Ulrich/Gooding Jr. ist nur schwer nachvollziehbar. Schön zu sehen, dass zumindest hier in der ofdb die Qualitäten von Hugh Johnsons Erstling (und bislang offensichtlich auch Letztling) weitgehend erkannt werden.

Die Exposition erzählt die Jahre zurückliegende Vorgeschichte, hebt sich dabei vor allem optisch (der Schauplatz ist eine bewälderte Insel, später bekommt man vor allem staubige Landstraßen zu sehen) vom Rest des Films ab. Wenn diese unterschiedliche Optik rezeptiv auch etwas unschön wirken mag, ist sie doch zu verzeihen, weil ja erstens eine Jahre zurückliegende Zeit dargestellt wird und der Film im weiteren Verlauf angenehm einheitlich und stilsicher bleibt. Außerdem ist die Handlung rund um eine militärische Einheit auf einem vom Festland abgelegenen Testgebiet mit einem verheerenden Fehler bei dem Testlauf einer neuen chemischen Waffe sehr aufregend, um nicht zu sagen spektakulär, und stellt einmal mehr die Glaubwürdigkeit der FSK auf die Probe. Das wird an einem Beispiel deutlich: die Szene, in der ein Opfer des misslungenen Testlaufs mit zerfließendem Gesicht gegen die Panzertür klopft, um eingelassen zu werden, ist beinahe eins zu eins identisch mit einer Szene aus „The Rock“, die nur minimal expliziter ausfällt. Während diese Szene im Bruckheimer-Film jedoch nur ab 18 ungeschnitten gezeigt wird, kommt der „Chill Faktor“ mit einer 12 durch... na ja, der Cineast freut sich.

Die Ausgangsstory bietet nun einen etwas merkwürdigen Charakterumschwung einer Figur. Denn ausgerechnet der Offizier, der im folgenden zum Bösewicht mutiert, äußert als Oberbefehlshaber des Tests auf dem Atoll moralische Bedenken. Dass ihn die Rolle als Sündenbock und der lange Gefängnisaufenthalt nun zum rachsüchtigen Engel gemacht haben, mag zwar Sinn machen, ist aber doch sehr ungewöhnlich für einen Film gerade aus Hollywood. In der Regel würde man sich nämlich hüten, einen Skeptiker von Bombentests zum Gegner der Helden zu machen. Eigentlich sollte es honoriert werden, dass man in „Der Chill Faktor“ einen anderen Weg geht, aber einen faden Beigeschmack hat die charakterliche Veränderung des Offiziers schon; vielleicht, weil er so wunderbar unkonventionell in die Geschichte eingeführt wird und nach zwanzig Filmminuten doch zum skrupellosen Klischee-Offizier wird.

Jedenfalls macht sich der gute Brynner (so sein Name) nach seinem 10-jährigen Gefängnisaufenthalt sogleich auf, um den eigentlich für die Katastrophe verantwortlichen Wissenschaftler Long aufzuspüren und umzubringen. Das gelingt auch mehr oder weniger; immerhin kann sich Long aber noch schwerverletzt zu seinem Freund Tim (Skeet Ulrich) schleppen. Dabei hat er eine Bombe, die den besagten chemischen Kampfstoff enthält und bei einer Erwärmung auf 50 Grad Fahrenheit alles um sich herum in seine Atome aufspaltet. Tim soll nun die Bombe kühlen und ins Fort Magruder bringen, wo man sich um alles Weitere kümmert. Welch ein Glück, dass gerade der Eislieferant Arlo (Cuba Gooding Jr.) mit seinem Truck vorbeikommt...

Hier beginnt die Action, und zwar mit Stil; ein Aspekt, der den direkten Blockbuster-Konkurrenten oft fehlte. Schon die Umstände des Kennenlernens der ungleichen Buddies auf Zeit punktet mit absolut dichter Atmosphäre. Es ist sehr früh am Morgen, der Himmel ist noch tiefschwarz, die Straßen leer. Tim bereitet in einer Tankstelle mit Café seine Frühschicht vor, es kommt beinahe „Hitcher“-Stimmung auf. Dann kommt der Eismann Arlo vorbei, um die Kühltruhe aufzufüllen, es gibt Diskussionen wegen der Bezahlung; ein paar Cops kommen vorbei und sprechen Tim darauf an, dass er einem Minderjährigen angeblich Alkohol ausgeschenkt hat (und zwar dem Sohn des Sheriffs, weshalb der sichtlich stinkig auf Tim ist; ein Ansatz, der danach nicht weiter verfolgt wird). Man schmeckt die Normalität geradezu, welche kurz danach durch das Eintreffen des stark blutenden Long radikal durchbrochen wird. Plötzlich ist es eine Extremsituation, die noch verstärkt wird, als kurz darauf eine Prüfungssituation im Stil des Prologs von „From Dusk Till Dawn“ mit John Hawkes eintritt.

Wenn das Ideal „Liebe auf den ersten Blick“ im Film existiert, hat uns das Buddy-Gespann hier bereits in den Bann gezogen. Die Verhaltensweisen der beiden Charaktere sind schon in dieser Einleitung unglaublich interessant zu verfolgen, und man will wissen, wie sich dieses Band verdickt. Cuba drückt von Beginn an im Martin Lawrence Kasperle-Style auf das Spaßpedal, wobei alleine schon die Anrede seines neuen Kollegen mit „Nachtschicht“ ein Brüller ist. Skeet wirkt cool wie Sau, ordert Brynner sogar noch mal zurück, damit der die 50 Cent für den Kaffee bezahlt.
Glücklicherweise darf auch für den weiteren Verlauf gesagt werden, dass – man möge das Wortspiel in Hinsicht auf die Thematik entschuldigen – die Chemie einfach stimmt. Ulrich und Gooding, das ist mal was anderes als die ewigen Chan/Wilson, Chan/Tucker, Smith/Lawrence-Paarungen und beinahe so erfrischend wie ein Matthau/Lemmon oder Gibson/Glover.

Der Hauptteil befasst sich dann mit dem eigentlichen Chill Faktor, der sich als eine etwas abgeänderte Variante von „Speed“ entpuppt. Da durften eben nicht die 50 km/h (oder waren es jetzt m/ph?) überschritten werden. Hier geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um Temperatur. Wenngleich das Konzept mehr oder weniger identisch ist, bietet das Spiel mit den Gradzahlen doch mehr Spielraum in eine andere Richtung. Es ist die Kreativität der ungewollten Helden gefragt, weil erstens der Eistruck schon sehr alt, ergo unzuverlässig ist, und weil zweitens bereits Major Brynner hinter den beiden her ist. Für lockere Spannung ist daher gesorgt; locker deswegen, weil Gooding jede noch so brenzlige Situation mit einem Spruch zu unterlegen weiß – auch, wenn mal ein Motorradfahrer zermantscht wird.

Optisch ist Hugh Johnsons Film wundervoll. Der Killer ist das für die MTV-Generation sicher nicht. Die staubigen Highways, Waldlichtungen und Staudämme strahlen stattdessen eine angenehme Schlichtheit aus, die schon „Lake Placid“ ausgezeichnet hatte, der übrigens optisch sehr ähnlich wirkte. Würde das Geschehen mal stehen bleiben, wären sicherlich auch Parallelen zu „Breakdown“ zu erkennen. Die darin enthaltene ruhige Spannung wird allerdings mit Schnelligkeit und Fun kompensiert.

Das Ende im Tunnel erinnert dann wiederum ein wenig an „Daylight“, ist dabei wirklich hochspannend und hat am Ende noch einen visuellen Geniestreich zu bieten, der einmal mehr die FSK 12 in Frage stellt (obwohl ich persönlich da keine Einwände habe). So etwas genial-Ekliges gab es schon lange nicht mehr.

Skeet Ulrich und Cuba Gooding Jr. geben entgegen der allgemeinen Erwartungshaltung ein „perfect match“. Es knistert einfach. Das Double reißt den gesamten Film an sich. Nur die sehr schönen Landschaftsaufnahmen und die intelligent geplante Stuntchoreographie durch die komplette Fauna begeistert ebenso wie die Hauptdarsteller. Etwas blass bleiben dagegen der Gegenspieler, der lediglich kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis eine gewisse Diabolität ausstrahlt, und die Story an sich. Deren zahlreiche Logiklöcher werden aber geschickt durch den temporeichen Bilderrausch kaschiert. „Der Chill Faktor“ begeistert mit ganz eigenem Underdog-Charme und überzeugt mit einer gelungenen Mischung aus Tempo und Witz. Wenn noch nicht gesehen, spätestens bei der nächsten TV-Ausstrahlung reinschalten!

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