Review

Als Nemo (Thomas Byrne) neun Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern. Die Mutter (Natasha Little) hatte einen neuen Mann kennen gelernt und wollte in die Großstadt ziehen. Als der Zug einfährt, kommt es am Bahnhof zum Moment der Entscheidung für Nemo - fährt er mit der Mutter oder bleibt er bei seinem Vater (Rhys Ifans)? - Erst als die Eisenbahn wieder losfährt, beginnt der Junge zu rennen und versucht die flehentlich ausgestreckten Hände seiner Mutter zu erreichen, während der Vater traurig hinterher sieht. Es gelingt ihm und die Mutter schließt glücklich die Arme um ihn. Doch da verliert Nemo im Laufen einen Schuh, gerät ins stolpern, und der ihm nachlaufende Vater umarmt ihn.

Wer diese unmögliche Parallelität nicht versteht, befindet sich schon mitten im Geschehen eines Films, der ein zuerst fast undurchschaubares Gewirr an Erzählsträngen vor dem Betrachter ausbreitet, dass kleine Nebenerzählungen, wichtige Hauptlinien und emotionale Ereignisse so kunstvoll miteinander verwebt, dass letztlich doch eine klare Linie entsteht. Allerdings keine, die eine Meinungshoheit für sich beansprucht.

"Mr. Nobody" ist nicht der erste Film, der sich mit den Unwägbarkeiten des Schicksals auseinandersetzt, auch nicht der erste, der verfolgt, wie sich auf Grund kleiner Unterschiede in der Vergangenheit, die weitere Lebensentwicklung ändert, aber sicherlich der erste, der dieses von einem Punkt in einer weit entfernten Zukunft betrachtet, die schon feststeht. Es ist der einzige Fixpunkt des Films, der den 118jährigen Mr.Nobody (Jared Leto) in einer weiß getünchten Welt zeigt, in der es keinen Tod mehr gibt. Von dort wird er als letzter Sterblicher zuerst von einem Psychiater, später einem Journalisten nach seiner Vergangenheit gefragt, die er - teilweise unter Hypnose - vor ihnen und damit dem Betrachter ausbreitet.

Entsprechend nimmt der Journalist auch die Position des Skeptikers ein, der nicht verstehen kann, wie Nemo Nobody gleichzeitig bei seinem Vater und seiner Mutter geblieben sein kann, und ob er nun Anna (Diane Kruger), Elise (Sarah Polley) oder Jean (Linh Dan Pham) geheiratet hat, ganz abgesehen von den vielen Toden oder schweren Unfällen, die er erlitten haben soll, obwohl er doch als uralter Mann noch lebendig ist. Man könnte dieses Konglomerat an sich widersprechenden Ereignissen als Erinnerung an eine lang zurückliegende Vergangenheit interpretieren, in der Mr.Nobody Fantasie, Wunschträume und Realität miteinander vermischt.

Aber damit täte man den sich zunehmend herauskristallisierenden Erzählsträngen unrecht, die immer mehr Eigenleben entwickeln. Und die eine Gewichtung in Fantasie oder Wahrheit nicht verdient haben. Während die Beziehung zu Jean den Anstrich einer realen Gleichförmigkeit einnimmt, sind es vor allem die Liebesbeziehungen zu Anna und Elise, die auf unterschiedlichste Weise berühren können. Dem Film gelingt es damit großartig, zwei Liebesgeschichten zu integrieren, die sich in ihrer Gewichtung einer klaren Zuordnung entziehen.

Angesichts rückwärts laufender Kamerabilder, im Stil von Fernsehsendungen eingefügter Kommentare oder zweiter Chancen des Protagonisten, die den Zukunftslauf in eine gewollte Richtung verändern, hätte "Mr. Nobody" leicht zum filmischen Experimentierfeld verkommen können, dass bei unzähligen Filmen räubert. Das es nicht dazu gekommen ist, liegt einerseits an den sehr guten Schauspielerleistungen (abgesehen leider von Diane Kruger, die als erwachsene Anna nicht annähernd die Emotionalität vermitteln kann, wie Juno Temple als 15jährige Anna), andererseits an der inneren Komplexität aller Erzählstränge. Selbst kurze Nebenläufe, von denen einer, als Nobody bei der Ankunft an einem Flughafen behauptet, einen anderen Namen zu haben, zu seinem schnellen Tod führt, steigern durch diesen Gegensatz noch den Eindruck der Vielfalt.

Vor allem aber ist es die Freiheit der Entscheidung, die der Film dem Zuschauer bei der Beurteilung der hier ausgebreiteten Leben lässt. Sicher schildert das Eine Momente des Glücks, das Andere des Unglücks, die die Präferenzen für das jeweilige Leben zu betonen scheinen, aber der Film macht kein Geheimnis daraus, dass nur ein Wimpernschlag genügt, um es in eine andere Richtung zu dirigieren. Die Frage, die am Ende bleibt, und die der Film nicht beantworten will - Was wäre - wie es Mr. Nobody in seinen Erinnerung tut - wenn man sich gar nicht entscheiden müsste? - Oder ist jede Entscheidung richtig? (9/10)

Details
Ähnliche Filme