Entfernt gialloverwandt ist das 1974 gedrehte Psychodrama "Perversione", das in den Staaten unter dem Titel "Diary of an Erotic Murderess" herauskam. Der Regisseur war der in Galizien geborene Manuel Mur Oti, der seit 1949 Filme drehte und mit diesem Werk seinen vorletzten Film absolvierte. An und für sich scheint Mur Oti ein relativ gehobener Regisseur gewesen zu sein. Gemessen daran, daß Mario Siciliano am Drehbuch beteiligt war, ist das Resultat recht erfreulich. Die unvergessene Marisa Mell spielt Gina, eine Psychologin, die von dem reichen Alexander Thurman (Richard Conte) angeheuert wird. Gina soll auf den geisteskranken Sohn Thurmans aufpassen, der seit dem Selbstmord seiner Mutter stumm ist und in einer verfallenden Prachtvilla vor sich hin vegetiert. Wie es scheint, war Sohn Mark der Mutter in leidenschaftlicher Liebe zugetan und haßt seinen Vater. Tatächlich gelingt es ihr, Marks Vertrauen zu erringen, für den sie ganz offensichtlich die Mutterrolle einnimmt. Daß Thurman, der nur an die Macht des Geldes glaubt, sich ebenfalls in die stramme Psychologin verkuckt hat, sorgt für Komplikationen. Noch unschöner wird der Kasus, als auch Anthony Steffen vorbeischaut als Ginas Ehemann Richard. Es stellt sich nämlich heraus, daß Gina in Wirklichkeit Elizabeth heißt und eine ganz gewöhnliche Diebin ist. Richard erpreßt sie dazu, ein wertvolles Collier zu entwenden. Dabei wird sie aber von Thurman ertappt, der sie in der ersten Aufregung aus dem Hause weist. Nachdem sich die Gemüter beruhigt haben, entschließt er sich aber dazu, sie trotzdem bei sich zu behalten. Gina/Elizabeth hat inzwischen das Tagebuch von Thurmans verstorbener Frau Alicia gefunden, in dem zu lesen ist, daß die Tote ihren herzlosen Gatten gehaßt hat und sogar umbringen wollte. Den Mordplan setzt nun Gina in die Tat um und vergast den Millionär im Badezimmer. Leider taucht auch Richard wieder auf, doch mit List und Tücke lockt sie ihn in den Abgrund eines nahegelegenen Templer-Klosters, wo sich der Miesnik das Genick bricht. Doch die bösen Überraschungen werden nicht alle, und der Lohn der bösen Tat führt in immer tieferen Schlamassel... Daß der Film eigentlich sogar recht anspruchsvoll konzipiert ist (und vergleichsweise unsleazig), läßt sich bei der miserablen Ami-Fassung (ca. 30 Minuten gekürzt!) und ihrer derben Synchro nur mehr erahnen. Im Mittelpunkt steht zu Beginn das Motiv der kaputten Familie, aus der letztlich nur kranker Nachwuchs hervorgehen kann. Richard Conte ist ein Rabenaas von Vater. Er war ein vorzüglicher Darsteller aus B-Movies der 50er Jahre, der den Schluß seiner Karriere größtenteils in italienischen Gangsterfilmen fristete. In "Perversione" spielt er seinen Charme und sein John Cassavetes nicht unähnliches Lurchgesicht zu großem Effekt aus und gibt einen hassenswerten, aber auch anziehenden Mann. Marisa Mell sieht so schön aus wie selten. Ihre Gesichtszüge waren prägnant, aber von einer fast unanständigen Makellosigkeit. Bei ihr hatte man immer den Eindruck von Eleganz und Hochmut, denen aber eine ständig durchsuppende Sexualität im Wege stand. Auch im Privatleben gab sie gerne Vollgas und schien ihrer hoheitlichen Ausstrahlung mit aller Kraft entgegenwirken zu wollen. Das hat sie dann leider Gottes auch nur zu gut geschafft. Sie war eine sehr gute Schauspielerin, die es schaffte, dreissig Jahre lang ausschliesslich B-Movies zu drehen und in diesem Rahmen eine Ikone zu werden. Privat aber scheiterte sie gnadenlos an ihren Unzulänglichkeiten. Sie starb mit 53 Jahren an Krebs. Ihre Gina/Elizabeth ist einerseits eine berechnende Schlampe, die sich das Vertrauen ihrer Umgebung nur zum eigenen Vorteil erschleicht. Trotzdem bleibt sie, ob Mörderin oder nicht, stets eine Gefangene der Männer ihrer Umgebung, die entweder bodenlos verkommen oder geisteskrank sind. Egal, was sie tut, sie rutscht immer von einem Abhängigkeitsverhältnis in das nächste. Die Freiheit, die sie sich mit allen Mitteln erkämpfen will, bleibt ihr versagt. Der langsame Film wird sehr atmosphärisch untermalt von der stark klavier- und orgellastigen Musik Carlo Savinas, die meines Wissens noch nirgendwo herausgekommen ist. Wer einen nervenzerfetzenden Giallo erwartet, wird möglicherweise etwas enttäuscht werden. Aber es soll ja auch Leute geben, die erotische Morbido-Dramen mit Frau Mell durchaus zu schätzen wissen. Die dürfen das Tagebuch der Mörderin ruhig mal aufschlagen.