Review

Die Erwartungen aufs Praktische reduziert, das ist nach dem zweiten Teil der Millenium-Trilogie "Verdammnis" des schwedischen Krimiautors Stieg Larsson wohl die beste Startposition, die man einnehmen kann. Erfüllte der erste Film noch die Erwartungen an die Vorlage zu größten Teilen, um einen düsteren und hypnotisch-abgründigen Sog zu erzeugen, bewies der zweite Teil, der inhaltlich eng mit "Vergebung" verknüpft ist und direkt an diesen anschließt nicht die gleichen Qualitäten. Der Austausch von Regisseur und Drehbuchautoren wirkte sich nachteilig aus, der leicht ikonenhafte Zug ging zu ungunsten einer fernsehtauglichen Biederkeit entsprechend spröde vonstatten.
Kein Wunder also, wenn auch Teil 3, von den Machern der ersten Fortsetzung ursprünglich nur als TV-Fortsetzungsfilm konzipiert, praktisch ins gleiche Horn stößt und nicht einen visuellen oder inhaltlichen Umschwung aufweist. So gesehen liegt die Parallele zum "gesprengten Luftschloß" (der übersetzte schwedische Originaltitel des Romans) nahe: wer jetzt einen rasanten Tango am Rande des Abgrunds erwartet, hat auf Luft gebaut.

Man möge sich erinnern: der zweite Teil fokussierte auf die sozial gestörte, aber mit einem fotografischen Gedächtnis ausgestattete Punk/Gothic-Hackerin Lisbeth Salander und ihre Familiengeschichte, als Mitarbeiter der Zeitschrift "Millenium", die von ihrem Freund Michael Blomkvist geführt wird, in ein Wespennest von Story über Mädchenhandel und Prostitution stechen, in das nicht nur Regierungskreise verwickelt sind, sondern auch ein übergelaufener Spion aus Rußland, der sich als Lisbeths biologischer Vater entpuppte.
Am Ende von "Verdammnis" blieb eine blutüberströmte Hauptfigur am Boden, von drei Schüssen getroffen, eine Kugel im Schädel und den verhaßten Vater mittels Axt mindestens genauso schlimm traktiert, aber noch lange nicht erlöst - und genau hier setzt "Vergebung" an. Obwohl "Vergebung" mal wieder ein diskutabler deutscher Titel ist - denn hier wird nichts und niemandem vergeben, eher konzentriert sich alles auf eine Verschwörungs- und Rachegeschichte, die erneut mit dem auslösenden Moment, dem Mädchenhandel, gar nichts mehr zu tun hat.

Denn für gut zwei Drittel des Films verlagert sich der Fokus von Lisbeth Salander weg und auf Blomkvist zu, der den Aktivposten übernehmen muß, weil seine Mitarbeiterin/Freundin/Schicksalsgenossin erst einmal wieder laufen lernen muß, um dann einer Anklage wegen versuchten Mordes ins Auge zu sehen, die aufgrund der gefälschten psychologischen Gutachten und ihrer rechtlichen Unmündigkeit gute Chancen hat, für immer weggesperrt zu werden.
Da setzt dann plötzlich auch eine extrageheime Geheimdienstabteilung an, die ihren Vater damals ins Land geholt hat, um jetzt dieses Geheimnis wahren zu wollen, koste es, was es wolle - zunächst kostet es mal das Leben ihres Vaters. Anschließend ist das Feuer auf Lisbeth und Blomkvists Mitarbeiter eröffnet. Diskreditierung, Bedrohung, nackte Gewalt, alles wird eingesetzt, während der schwedische Verfassungsschutz dagegen arbeitet - und über all dem schwebt die Bedrohung durch einen pädophilen Psychologen, der Lisbeth als Kind mehr als ein Jahr an ein Bett gebunden hatte.

Das Problem hier: es liest sich dramatischer, abgründiger, als es im Film herüber kommt. Die bemühte Nähe zur literarisch kaum wertvollen Vorlage, die aber dennoch als Buch eine gewisse Sogwirkung entfaltet, läßt den Figuren eine Menge Platz, aber das kommt nicht einem filmisch überzeugenden Konzentrationsprozess zugute.
Natürlich erwartet man nicht von einem schwedischen Film mit einem noch dazu sehr nationalen Thema, daß er sich amerikanischen Sehgewohnheiten anbiedert, aber selten war der Wunsch so berechtigt, die Autoren hätten sich gewisse Freiheiten bei der Dramaturgie genommen, um die wirklichen Stärken, das Sensationspotential und die Gefahr noch etwas mehr herauszuarbeiten.
Bei 145 Minuten Filmlänge hält nur selten ein Spannungsbogen wirklich straff und so gestaltet sich auch hier die erste Stunde zu einer Geduldsübung, weil die zentrale Identifikationsfigur (und die ist Noomi Rapace alias Lisbeth nun mal, da sie auch hier wieder ihren mehr als blassen Mitspieler Michael Nykvist in jeder Szene übertrifft) zur Untätigkeit verdammt ist. Stattdessen darf man dem Aufbau der gegnerischen Truppen beiwohnen, der geheimen Geheimdienstlergruppe, angeführt von einem nierenkranken Pensionär und einem noch geriatrischeren Attentäter.
Es ist, und das ist das Interessante, ein Aufbegehren alter Männer, die alte Geschichte von den düsteren Geheimnisse, den verdorbenen alten Herren, die gern im Schatten weiter existieren möchten, wogegen nur die revoluzzerhafte Antifigur der Punkerin steht, die sich als Vertreterin einer neuen Ordnung dagegen sperrt, während aufgeklärte jüngere Kräfte für die Wahrheit kämpfen (wenn sie auch wieder leicht blass ausfallen).
Die alte Journalistenbotschaft vom Aufdecken der Wahrheit steht hier erneut im Zentrum und es ist sicherlich geschickt gewählt, daß die Angeklagte die "Dagegen"-Haltung einnimmt, während ihre Verteidigerin ihren Prozeß hochschwanger durchsteht: das neue Leben bringt das alte, verdorbene System zum Einsturz.

So fragt man sich auch hier erneut: was hätte das werden können, wenn Daniel Alfredson nicht nur ein ordentlicher Handwerker wäre, der erneut relativ reizarm die Drehbuchseiten abfilmt und so lange die brüchige Dialoge der sterbenden Altvorderen einfängt, bis man unruhig im Sessel herumrutscht. Es gibt, abgesehen von der großen Dimension des Falls, wenig Überraschungen in diesem Film, beide Seiten bringen recht linear ihre Truppen in Stellung und die Hacker sorgen schließlich für die Entscheidung in der Schlacht, allerdings mit mit Material, das schon auf den ersten zwei Filmen basiert, womit sich zwar der Kreis schließt, aber wenig Neues dem Stoff beigefügt wird.

Spannungselemente tauchen nur sehr selten auf: das Krankenhausattentat ist so antiklimatisch gefilmt, daß es schon schmerzt, die Bedrohung durch den Geheimdienst wird nur selten greifbar, der stumme Riesenkiller Niedermann, nebenbei ein Halbbruder Lisbeths taucht nur vereinzelt beständig auf der Flucht auf, um dann in einem Actionepilog dem Ganzen noch einen Hauch von Pfiff von Aktionismus zu verleihen. Lisbeths Auftritt als durchgestylte Superpunkerin vor Gericht ist natürlich ein Highlight, aber es wirkt, als hätte man es extra ins Drehbuch geschrieben, damit der Zuschauer überhaupt irgendwas zu gucken hat, ansonsten herrscht Biederkeit, die zwei Klassen unter einem soliden britischen Fernsehkrimi liegt, der darüber hinaus meistens noch wesentlich mehr Direktheit, Gewalt und Drive hat.
"Vergebung" wirkt düster, das ist wahr, aber er ist auch überaus ruhig und sehr spröde, ohne visuelle Raffinesse und ohne wirklich guten Schnitt oder herausragende Kameraarbeit und endet, anders als der Roman, der einen positiven Schlußakkord setzt, praktisch mit einem Fragezeichen, der eigentlich der Startschuß für eine Fortsetzung durch andere Autoren wäre (Larsson starb während der Arbeit zum vierten von insgesamt 10 Romanen).

So persönlich schwedisch und authentisch die Filme wirken sollen, gerade die beiden finalen Teile schreien geradezu nach einer Neuverfilmung, nach Druck und Drive, nach einem Aufschrei aus Empörung gegen Gewalt und Unterdrückung, Mißbrauch und Manipulation, denn nichts davon können sie präsentieren. Betulich wirkt das hier, akzeptabel sicherlich für ältere Zuschauer, die einen erheblichen Teil des Kinopublikums ausmachen, aber sonst wenig attraktiv und der Absicht nicht gerecht werdend, was man auch an den Plakatmotiven in Deutschland ausmachen kann, die ein Zeugnis für die Ratlosigkeit der Bewerbung darstellen: entweder der rebellische bildfüllende Punkerkopf Lisbeth, der eine radikale Attitüde andeutet, die nur für die letzten 20 Minuten des Films angedeutet wird oder das neue Plakat, das eine über allem schwebende perfekt zurecht gemachte Lisbeth zeigt, die ihre Mitspieler zu kleinen Nebenfiguren diskretitiert. Letzteres mag zwar zutreffen, jedoch kommt diese Darstellung der Figur im Film nun gar nicht vor.

"Vergebung" ist wieder kein Reinfall geworden, ebenso wie "Verdammnis", aber man kann den Machern kaum vergeben, daß die Teile 2 und 3 so verdammt verbesserungswürdig sind, so reich an Potential und verschenkten Möglichkeiten, die der Hauptdarstellerin und ihrer Selbstaufgabe in dieser Rolle nicht gerecht werden.
Es verbleibt die Empfehlung: den Komplettismus leben oder nach Teil 1 aufhören. Der schmückt noch das Regal, die Fortsetzungen füllen es leider nur noch. (6/10)

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