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Eine sich unablässig drehende Münze über den credits, Sinnbild für die zwei Seiten einer Medaille ebenso wie Allegorie auf die Verlockung, den substantiellen Wert des Geldes und seiner unbegrenzten Macht in den Zweckreihen. Gier, Korruption, Missbrauch der Macht als die Reihenfolge der fortschreitenden Entfernung von der eigentlichen Funktion her. Das Erkennen einer bitteren Wahrheit, in der die Polizisten von Einst zu den Gangstern von Heute wurden.

Obwohl mit historischem Hintergrund angelegt und entsprechend formulierten Daten versehen, versteht sich ICAC nicht als Prüfstein der Echtheit in Form einer originalgetreuen Wiedergabe der Ereignisse in den Siebziger Jahren. Wie üblich bei Wong Jing, der wie ebenfalls gewohnt in mehreren entscheidenden Positionen befindlich auch die vollkommene Kontrolle über das Projekt übernommen hat, so werden auch hier mit offensichtlichen Täuschungsmanövern, inflationären Scheincharakter und einer auch anhaltenden selbstrefentiellen Tendenz die Geschichten mit seinem persönlichen Anstrich versehen. Die Perspektiven der Ereignisse der Einführung der Independent Commission Against Corruption als unabhängiges Organ des Öffentlichen Dienstes sowohl mit einer Dogmatik auch der Ironie bis hin zur Narretei und somit in innerlicher Unvollkommenheit erzählt. Die Aussagen sind gedoppelt, ein Wechsel vom Drama über die Vergänglichkeit von Macht und Reichtum hin zu scherzhafter Unterhaltung und bloßer Dialogfassade:

Anfang der Siebziger herrscht Regel, aber nicht Anstand in HK. Die Polizei führt zwar die Kontrolle aus, hat die Verbrechensrate rapide senken und den eigenen Finanzhaushalt in sicheres Gewässer manövrieren können, bedient sich dabei aber illegaler, wenn auch zur Gewohnheit gewordener Methoden. Die Hand wird aufgehalten, fleißig passiv bei Drogen, Sex und Glücksspiel abkassiert und gar aktiv die Geschäftsbedingungen diktiert. Ganz übel treibt es Detective Sergeant Major Lak Chui [ cartoonish villain: Tony Leung Ka-fai ], der zusammen mit Detective Kong [ Austin Wai ], dem Stiefellecker Gale [ Eason Chan ] und dem seinen Willen ausführenden Unicorn Tang [ Anthony Wong ] die Obrigkeit auf das Verbrechen eingeschworen und das Gebiet streng unter Aufsicht hat. Als die britischen Vorgesetzten mit der Einstellung von Commissioner Colonel Charles Sutcliffe [ Leon Hill ] bisherige Konstanten verändern und die Formierung der neugegründeten ICAC unter Aufsicht von Inspector Yim [ Bowie Lam ] und Eigenantrieb des Aufstrebenden Bong [ Alex Fong Lik-sun ] etabliert ist, treten plötzlich Probleme auf, die nur mit Gewalt und Gegengewalt zu lösen sind.

Die Beschaffenheit der Materie, ihr theaterhaftes Metadrama, Wongs Verliebtheit in den Doppelwunsch von Ernst und Schalk; diese dauerhafte Unordnung im thematischen Umfeld von Polizei und Verbrechen erinnert dabei frappant an sein letztes Comeback. Ein Jahrzehnt ist es her, als nach gleichfalls einer Serie von preiswerten Nichtigkeiten plötzlich die vermeintliche Besinnung, die Bedeutung und Seriosität ausgerufen und mit den von Ihm geschriebenen, produzierten, unter Aufsicht gedrehten A True Mob Story, Century of the Dragon und The H.K. Triad die angeblichen Beweise geliefert wurden. Ein im Grunde reicher, tragödiennaher Stoff über mannigfaltige Lebensarten, mit vorgetäuschten ernsthaften Interesse an allen Personen; die Wortreich, aber nicht hitzig, gesetzt, aber nicht nachdrücklich miteinander in schicksalshafte Verbindung gesetzt werden.

Ähnlich wie beim einleitenden Anagramm mit der Münze hat auch der Film selber seine zwei Gesichter, zwei schicksalshafte Umläufe. Und genauso wird auch die materielle und formelle Dissoziation der Regie symbolisiert. Die Handlung im Film und ihre Beschattung und Lenkung von außen reibt sich an der Wiederherstellung gegebener Ordnungen. Wo die korrupten Ordnungshüter ein Leben in Saus und Braus führen und dieses bis an ihr Ende über der Gesellschaft stehend bewahren wollen, so modelliert sich Wong auch seine eigene filmische Welt. Als inszeniertes Experiment, mit identifizierbarer Ausgangsordnung und zumindest theoretisch leicht entzündbaren Elementen.

Hier wie dort regnet es Geld, wird in der Kooperation von Beijing Bona Cultural Exchange Co., Ltd., Mega-Vision Productions Limited, Sil-Metropole Organisation Ltd mit Budget und Schauwerten, ob in der Ausstattung, der Darstellerriege oder auch nur dem auffallenden Beharren auf sonst nicht vorhandene, panoramalastige establishing shots geprotzt. Sowieso ist die Erscheinung blendend, die Bilder ikonisch, die Verifikation des Geltungssinnes von Erfolg gekrönt, atmet die Szenerie den Eindruck der Verlagerung in eine lange zurückliegenden [historischen und filmhistorischen] Epoche mit vollen Zügen ein und aus. Die Haupthandlung ist von interessanten Begebenheiten ebenso erfüllt wie ihre Nebenarme, die gleichfalls auch von Andeutungen auf Mehr leben und schon durch ihre Anwesenheit das Genre ratifizieren, determinieren und dementieren.

Denn, bei allem Pomp und Glanz, der für dieses Testat aus Selbstsucht und Sehnsucht erweckt wird: Die wahrlich einprägsame Wirkung entsteht nicht durch den narrativen und personellen Überfluss – allein Gale treibt sich in gleich drei verschiedenen Liebeswirren, mit Lak Chuis abgelegter Mätresse Apple [ Freda Wang Jing ], der aufsteigenden Spekulantin Rose [ Liu Yang ] und der durch eine Vergewaltigung zur Mutter gewordenen Arbeitsbiene May [ Kate Tsui ] herum – letztlich nur durch Diskrepanz und Paradoxa, durch Schmierenkomödie, die sich von Beginn an bis zuletzt selber als Versammlung von tanzenden Personen vorstellt. Unbarmherzig expansiv ist dabei besonders das chargierende Schauspiel, die Parodierung normalerweise allegorischer Figuren – Wong Jing selber als Geldeintreiber und Mittelsmann Chu betreibt weiterhin komödiantische Imagepflege –, der unerschöpfliche Zauber des schlichtweg Irrationalen, das den Film mit Verfremdung und Überzeichnung bestreicht und ihn in eine gänzlich andere Dimension zwischen Polemik und Glosse schiebt. Warum man dann zwar mit Gewalteruptionen nicht geizt, das Blut fleißig sprudeln oder auch langsam aus allen Körperöffnungen entweichen, aber nicht gänzlich die Sicherungen durchbrennen und wirkliche Action in dieser Fiktion der Unzulänglichkeiten vom Stapel lässt, bleibt leider auch ein Rätsel.

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