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Spätestens seit "Near Dark" (1987) und "Lost Boys" (1987) ist der Vampirfilm - dessen vorherigen, seltenen Variationen immer eindeutig auf die Tradition zurückgriffen wenn Dracula etwa auf Billy the Kid traf, sich nach China verirrte, als Farbiger sein Unwesen trieb oder an klassische Halbwesen geriet - nicht mehr der alte... Aber nicht nur coole "Modern Vampires" (1998) (Über "From Dusk Till Dawn" (1996) bishin zu "Blade" (1998) und "Vampires" (1998)) waren die Folge, sondern ebenso die (in "Near Dark" bereits angedeuteten) moralischen Aspekte ("The Addiction" (1994), "Interview with the Vampire" (1994)). Dazu mischten sich oftmals allerlei postmoderne Referenzen, die auch vermeintlich klassische Versionen wie "Bram Stoker's Dracula" (1992) durchziehen. Die moralischen Aspekte werden auch in Leongs "The Wisdom of Crocodiles" ausgiebig behandelt.

Leong, der Genrefilme verschiedenster Art inszeniert hat, wurde in London geboren und studierte Film an der "London international film school" und Philosophie an der Universität in Exeter. Drehbuchautor Paul Hoffmann machte in Oxford sein Examen in englischer Literatur. Da verwundert es kaum, dass der Film etwas kopflastiger gerät als man es im Genre gewöhnt ist. Trotzdem ist Leongs Werk weder prätentiös, noch langweilig.

Das erste Thema wird durch den auf Francis Bacon verweisenden Titel vorgegeben: "It is the wisdom of crocodiles, that shed tears when they would devour." Dieses Thema umkreist den Helden der Geschichte, den Vampir Steven Grlscz (Jude Law), der - um zu überleben - das Blut von ihn liebenden Frauen benötigt, deren Emotionen er in Form kleiner Kristalle anschließend während einer schmerzhaften Prozedur wieder hervorwürgt. Und bisher kristallisierten sich zwar Leidenschaft und Enttäuschung, aber nicht die wahre Liebe. (Beruflich stellt er für ein Unternehmen "darüber an, inwieweit extreme Emotionen den Körper dazu bringen solche Kristalle zu produzieren." (00:41:20)

Das zweite Thema spricht (auch sehr früh) die erste Äußerung Grlsczs an, als er von einem Sturz vom Baum in seiner Kindheit berichtet: "Ich weiß nicht mehr was passierte als ich unten aufschlug, Alles was mir in Erinnerung geblieben ist, sind die Qualen des Festhaltens und das wunderbare Gefühl loszulassen..." Und damit wird das Problem angesprochen, dass Leong in einem Interview so in Worte fasst: "Man kann nicht verliebt und gleichzeitig unabhängig sein."

Grlsczs Äußerung (Achtung: Spoiler) begleitet die Bergung eines Unfallwagens, der in einer Baumkrone hängt. Die Insassin war Grlsczs Partnerin, als Todesursache notiert man bei der Polizei "Tod durch Unfall"... Die anknüpfende Episode lässt an dieser Unfall-These starke Zweifel aufkommen: Grlscz bewahrt die junge Maria vor dem Suizid, umgarnt sie taktisch klug, gewinnt ihr Herz, saugt sie bei einem Treffen aus und lässt ihren Leichnam im Meer verschwinden. Ihre Emotionen würgt er als kristallisierte Enttäuschung aus, er behält jedoch ein paar ihrer Eigenschaften (das gleichzeitige Schreiben mit beiden Händen, das er beim nächsten Verführungsversuch einsetzen wird).

Grlscz versucht bemüht die wahre Liebe zu finden, denn: "Liebe ist meine Nahrung geworden. Ich esse sie. Jedesmal wenn ich von jemanden Besitz ergreife, muss ich alles nehmen, was sie für mich empfinden, all ihren Groll. Das macht mich krank, das tötet mich. Nur wenn ich die richtige Frau erlangen kann [...] die mich bedingungslos liebt, dann wird es aufhören... Hoffe ich." (01:17:55) Diese wahre Liebe scheint er in Anne zu finden. Der Unterschied zwischen beiden ist, dass die asthmakranke Anne mit einem Luftröhrenschnitt Leben bewahrt, während Grlsczs Biss in den Hals Leben vernichtet. Während einer chinesischen Mahlzeit (bei der gleich wieder Grlsczs ausgeklügelte Taktik vorgeführt wird, wenn er vorgibt nicht mit Stäbchen essen zu können, diese Tätigkeit aber perfet beherrscht wenn Anne wegschaut) konfrontiert ihn Anne mit einer moralischen Erzählung des Konfuzius die besonders Uneigennützigkeit und Nächstenliebe lehrt.

Damit vermehrt sie die Gewissensbisse des sowieso schon geplagten Vampirs. Denn dass Grlscz sich moralisch verhalten kann, beweisen die Szenen mit Inspector Healey (großartig: Timothy Spall), der ihn beschattet, da in letzter Zeit immerhin seine zwei letzten Freundinnen ums Leben gekommen sind. Grlscz rettet Healey nicht nur das Leben,[1] sondern besorgt dem jüngst zum Katholizismus übergetretenen Polizisten auch sein gestohlenes Kreuz einer Halskette zurück und definiert in einem moralphilosophischen Gespräch mit ihm bereits unterlassene gute Taten als böse. Dass Grlscz für Healey "im Herzen ein guter Mensch" (01:06:50) - zumal er seine tote, letzte Freundin vor dem Suizid bewahrt hat - führt auch dazu, dass dieser ihn aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließt.

Und tatsächlich bringt Grlscz es schließlich nicht über sich, Anne zu beißen. Stattdessen unterdrückt er seine animalische Begierde und teilt Anne die ganze Wahrheit mit. Diese entschließt sich bei ihm zu bleiben, während er immer mehr dahinkränkelt. Als sie nach einigen Tagen für ihn in die Apotheke geht, übermannt es Grlscz doch und er bereitet alles für Annes Entsorgung vor, wird dabei jedoch von dieser überrascht. Sie flieht vor ihm, er verhindert auf der Flucht ihren tödlichen Sturz vom Dach des Hauses und lässt sie danach gehen. Und während Anne verzweifelt die Straßen davonschreitet stirbt Grlscz unter starken Zuckungen (eine Szene die eins zu eins aus Morrisseys "Andy Warhol's Dracula" (1973) zu stammen scheint).

Wenn bei Grlscz letztlich die Erkenntnis entstanden ist, dass er sich sein Opfer nicht nehmen, sondern maximal erbitten kann, so erkennt Anne, dass sie vor die von ihr so geschätzte Uneigennützigkeit und Nächstenliebe auf jeden Fall die Selbsterhaltung stellen muss - oder zumindest stellen will. Leong und Hoffmann führen Anne auch als ausreichend eigenständigen Charakter ein, um diese Absage an einen traditionellen Opfertod zu inszenieren: So zerschmettert Anne in einer Szene selbstbewusst alle Annäherungsversuche Grlsczs, als sie betont, in der Lage zu sein alleine den Weg nachhause anzutreten. (00:33:10) Der Monolog über das qualvolle Festhalten und wunderbare Loslassen begleitet dann auch noch mal die ebenso erbärmlich-mitleiderregende wie sonderbar-bizarre (wenngleich durch das Udo Kier Schauspiel 25 Jahre zuvor etwas abgewertete) Sterbeszene Grlsczs und nimmt nun in den Ohren des Zuschauers ganz deutlich eine metaphorische Bedeutung ein, die ihr eindringlichstes Bild in der nach Grlscz (der dies in dem Gespräch mit Healey an seine Behauptung, unterlassenes Gutes sei bereits Böses, hängt) direkt durch das Herz verlaufenden Grenze zwischen Gut und Böse findet. Das wird im Gespräch mit einem Beispiel aus Healeys Eheleben vorgeführt und auch Leong und Hoffmann beziehen das wunderbare Loslassen und das qualvolle Festhalten, die mitten durch das Herz verlaufende Grenze von Gut und Böse und das unterlassene Gute als Böses auf eine Liebesbeziehung: Zweisamkeit und Selbstständigkeit sind nicht zugleich möglich. Das eine muss für das andere geopfert werden. Anne ist für ihr Opfer nicht bereit (was als unterlassene gute Tat gemäß der Ethik des Films bereits eine Böse wäre) und opfert daher nicht sich für ihren Geliebten, sondern ihren Geliebten für sich, Grlscz hat zuvor jede Liebe für seine Existenz geopfert. Letztlich lässt sich Bacons Zitat auf beide Partner Anwenden... Dass das außerhalb des phantastischen Kontextes eine Problematik ist, die die Schwierigkeit von Beziehungen ausmacht, lässt den Film letztlich recht pessimistisch Enden. Allerdings wirkt der Schluss auch auf seine Art und Weise sehr versöhnlich...

Der Film ist trotz seines leicht gehobenen Anspruchs weit leichtfüßiger als etwa Ferraras "The Addiction", vermischt gekonnt Grusel, Krimi und Drama, mixt sowohl einige humoristische Töne unter und schreckt auch nicht vor zwei kleinen aber feinen Splatterszenen zurück.

Die Schauspieler sind in bester Form (neben Law und Spall sei hier noch die wunderbare Elina Löwensohn genannt, die Anne verkörpert), die Kamera wird enorm sauber geführt und weist zahlreiche, ungewöhnliche Blickwinkel auf.

8/10 (schwache 8/10, aber immerhin 8/10)


1) Diese Aktion bringt ihm immerhin Ärger ein, als er sich während eines Spaziergangs mit Anne den Tätern gegenüber sieht, die ihn vor die Wahl stellen, ihnen Anne zu überlassen oder zusammengeschlagen zu werden, woraufhin man sich Anne sowieso nehmen würde. Eine unangenehme Fragestellung, die auch dem Zuschauer indirekt eine Entscheidung abverlangt. Grlscz löst das Problem übrigens mit Gewalt und einer Schnelligkeit die ihm als Vampir offenbar zu eigen ist...

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