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Johnny Depp spielt einen künstlichen Menschen, dessen Erfinder kurz vor seiner Fertigstellung verstarb, weswegen er Scheren statt Händen an sich trägt. Nachdem er schließlich von einer Avon-Beraterin gefunden wird, die ihn bei sich aufnimmt kommt er schließlich in eine kleinere Vorstadt. Anfangs wird er aufgrund seiner besonderen Fertigkeiten akzeptiert, als er sich jedoch in die Tochter seiner Gastfamilie, gespielt von Winona Ryder, verliebt wird er schließlich zum Ausgestoßenen.

Es gibt nur wenige Filme, bei denen man schon nach fünf Minuten auf den entsprechenden Regisseur schließen kann, doch die Handschrift des wohl bizarrsten Krauskopf Hollywoods Tim Burton sticht deutlicher hervor als jede andere. Nachdem ich vielen seiner anderen Filmen wie "Beetleuice", "Batman" oder "Sleepy Hollow" überhaupt nichts abgewinnen konnte und Burton mit seiner skurrilen und wunderlichen Art zu meinem persönlichen Feindbild erklärt hatte, hat mich dieses Werk überaus positiv überrascht. Vor allem die überaus innovative und gelungene Story kann bei diesem Burton-Werk überzeugen. Die Idee um den unvollendeten künstlichen Menschen, der schließlich ein Opfer der mittelständigen amerikanischen Gesellschaft wird ist überaus innovativ und entspricht, wie viele andere Storys bei Burton-Filmen auch, nicht einmal ansatzweise dem Klischee. Damit ist "Edward mit den Scherenhänden" einzigartig und überhaupt nicht vorherzusehen. Stellenweise wird das skurrile Werk überaus gesellschaftskritisch und hat damit wesentlich mehr Niveau als die vorherigen Burton-Filme. Die Charakterkonstruktion trägt zu dieser Gesellschaftskritik maßgeblich bei. Edward ist der typische Wunderling, der sich außerhalb der Gesellschaft befindet und aufgrund seiner Einzigartigkeit niemals so richtig zu ihr gehören wird. Außer den Mitgliedern seiner Gastfamilie sind alle anderen Menschen in der amerikanischen Kleinstadt deckungsgleich konstruiert und zwar als ignorante und in Klischees denkende Mittelständler. Die Charakterkonstruktion ist somit gelungen und die Gesellschaftskritik funktioniert gut. Aber auch die Handlung an sich und deren Wendungen machen viel her, auch wenn sich der Film nicht so richtig zwischen Satire, Fantasy und Liebesdrama entscheiden kann. Es gibt einige unvorhersehbare Wendungen, die gleichermaßen Spannung und Dramatik aufbauen können. Den Anfang und das Ende des Films, die das Ganze wohl wie ein Märchen wirken lassen soll, finde ich überaus ungeschickt gemacht, da der Film somit noch unwirklicher wirkt und die aktuelle und reale Gesellschaftskritik so ein wenig verschleiert wird. Dennoch ist diese Story eine der innovativsten und einzigartigsten überhaupt.

Die Inszenierung von Burton macht jedoch einiges an Potential der guten Story zunichte. Zunächst einmal ist das Aussehen von Edward meiner Meinung nach ein bisschen zu dick aufgetragen, sodass "Edward mit den Scherenhänden" stellenweise in eine Freakshow ausartet. Die Kulisse ist sehr grell und bunt und damit recht anstrengend, wobei die Kulisse der typischen amerikanischen Vorstadt die gesellschaftskritischen Züge des Films noch einmal unterstreicht. Das Erzähltempo ist sehr schnell, was ebenfalls sehr anstrengend ist, da der Film somit stellenweise überhastet wirkt. Die Filmmusik ist glücklicherweise nicht ganz so anstrengend, wie der Rest des Films. Burton baut einige Slapstick-Einlagen ein, wobei einige von ihnen in Anbetracht von Edwards Schicksal zu Geschmacklos sind und somit den Aufbau von Dramatik über weite Strecken behindern. Außerdem verhindert die bizarre und märchenhafte Umsetzung, den weiteren Aufbau von Spannung und Dramatik, da der Film einfach viel zu unwirklich wirkt, um dem Zuschauer auch nur ansatzweise nahe zu gehen. Einmal mehr verspielt Tim Burton durch seine skurrile und bizarre Umsetzung das Potential eines Films und macht aus einem Streifen, der ein Meisterwerk hätte werden können, lediglich oberes Mittelmaß.

"Edward mit den Scherenhänden" ist die erste Zusammenarbeit von Johnny Depp und Tim Burton, der noch einige weitere Werke wie "Sleepy Hollow", "Ed Wood", "Charlie und die Schokoladenfabrik", "Corpse Bride" und "Sweeny Todd" folgten. Depp läuft unter der Regie von Burton zur Hochform auf und liefert eine hervorragende Leistung ab. Mit seinen Scherenhänden und seinem entstellten Gesicht sieht er überaus mitleidserregend aus und trägt den Film mit seiner Darstellung über weite Strecken. Nach seinen Nebenrollen in "Nightmare" und "Platoon" empfiehlt sich Depp erstmals in einer Hauptrolle und wurde zu Recht für den Golden Globe als bester Hauptdarsteller nominiert. Nach "Beetlejuice" arbeitet auch Winona Ryder erneut mit Tim Burton zusammen und liefert eine überaus emotionale Leistung ab und passt mit ihrem zierlichen Äußeren sehr gut in ihre Rolle. Die Oscar-Preisträger Dianne Wiest und Alan Arkin, die in den Rollen von Edwards neuen Eltern zu sehen sind verkaufen sich gewohnt gut und spielen ihre Rollen mit der entsprechenden Routine. Auch die übrigen Nebendarsteller, die zum Großteil spießige Kleinstädter spielen müssen, sind gut.

Fazit:
Mit einer gelungenen Story und einem überaus innovativen Genre-Mix aus Fantasy, Märchen, Liebes-Drama und Gesellschaftssatire und den hervorragenden Darstellern, allen voran Johnny Depp, der mit "Edward mit den Scherenhänden" endgültig seinen Durchbruch meisterte, hätte dieser Film ein Meisterwerk werden müssen. Tim Burton bremst den Aufbau von Spannung und Dramatik mit seiner skurrilen Umsetzung jedoch aus, lässt die Gesellschaftskritik zu unwirklich wirken und baut einige geschmacklose und peinliche Slapstick-Einlagen mit in den Film ein. Damit ist der Film knapp über dem Mittelmaß anzusiedeln und ist auf jeden Fall empfehlenswert, aber es wäre definitiv mehr drin gewesen.

68%

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