"Halt mich fest!" ... "Ich kann nicht."
Tim Burton's richtungsweisendes, melancholisch modernes Märchen ist die erste Zusammenarbeit mit Johnny Depp, worauf bis heute (2008) noch vier weitere folgen sollten.
Als die Verkäufe der Avon-Beraterin Peg Bogg (Dianne Wiest) in einer idyllischen Kleinsiedlung rückläufig sind, beschließt sie ihr Glück bei einem nahegelegenen Schloss zu versuchen. Dort trifft sie überaschend auf den künstlich geschaffenen Menschen Edward (Johnny Depp) der von einem vereinsamten, mittlerweile verstorbenen Erfinder (Vincent Price) erschaffen wurde. Aus Mitleid nimmt sie den mit Scheren statt Händen ausgestatteten Einsiedler in ihrer Familie auf. Schnell verbreitet sich die Kunde des zerzaust aussehenden Neulings in der Siedlung der mit seinen besonderen Händen Büsche in kunstvolle Skulpturen umschneidet und später den Nachbarsdamen und deren Kleintieren exotische Frisuren verpasst. Gegenüber Pegs hübscher Tochter Kim (Winona Ryder), die anfangs wenig begeistert von dem empfindsamen Neuling ist, entwickelt Edward eine starke emotionale Zugehörigkeit was Kims Freund Jim (Anthony Michael Hall) garnicht gerne sieht.
Die Idee zu "Edward mit den Scherenhänden" hatte Tim Burton bereits in seinen jüngeren Jahren, als er sich selbst als Außenseiter sah und für sich eine zweite Figur, in der Form des Edward, zu Papier brachte. Somit ist der Film wohl Burton's persönlichste Arbeit die er auf die Leinwand projizierte.
Die märchenhafte Story wird passend durch eine alte Großmutter im Schaukelstuhl eingeleitet sowie abgeschlossen und beinhaltet viele Merkmale eines klassischen Märchens, die allerdings ein wenig anders interpretiert und moderner präsentiert werden.
Der typisch gothische Stil von Tim Burton findet ebenso Platz wie sein Hang zum exzentrischen. Dies äußert sich durch die knallbunte, künstliche Darstellung der Häuser und Autos der Siedlung sowie der Kleidung der dort lebenden Bevölkerung die stark im Kontrast zu der realistisch, chaotisch vernachlässigten Schlossumgebung steht. Auch seinen Charakteren verleiht Burton einen ausgefallenen Look, was besonders in der Figur des Edward mit seinem anfangs ledernen Kostüm und den zerzausten Haaren zu erkennen ist.
Die bewährte Methodik Charaktertiefe durch Rückblenden zu generieren wird auch hier angewendet, was insbesonders, und auch einzig, der Hauptfigur zu gute kommt.
Von Grund auf hat Burton den Hang zu sehr skurrilem, schrägen Humor den er hier auch wieder unterbringt. So sind situationsbedingte Lacher keine Seltenheit.
Die liebevollen Charaktere sind vielschichtig und abwechslungsreich, im eigentlichen klischeehaft aber sehr zweckmäßig. So gesellt sich neben den sensiblen Edward eine ständig scharfe Nachbarin sowie ein Junge, das jüngste Familienmitglied, der von Edwards Scheren begeistert ist und ihn all seinen Mitschülern präsentieren will.
Im späteren Verlauf steht die rührende Liebesgeschichte um Edward und Kim im Vordergrund, die durch sehr einfühlsame, aber auch tragische Momente aufwarten kann und in Erinnerung bleibt.
Die betörende Atmosphäre wird durch Danny Elfman's anspruchsvollen Soundtrack untermauert, der sich flexibel an das visuelle Geschehen anpasst.
Die Bilder der skulpturenartigen Büsche sind recht surreal gehalten, spätere Eisskulpturen wirken leider etwas überdimensioniert künstlich, machen aber keinen Abbruch an der sonst so spektakulären Kulisse.
Sehr funktional ist die eingebaute, zeitlose Parabel über das Scheitern der Sozialisierung eines Außenseiters wie Edward, der die alltägliche Welt nie kennenlernen konnte, sich kurzfristig einfindet und durch seine besonderen Leistungen aus dem Rahmen fällt, aber im Endeffekt immer mehr Probleme durch seine Andersartigkeit bekommt.
Erst gegen Ende zieht das Tempo sowie die Spannung etwas an, was durch seine bunte und abwechslungsreiche Aufmachung sowie der schüchternen Lovestory vorher nicht nötig war.
Natürlich fallen bei einem eher fantastisch ausgerichteten Stück unerklärliche Fakten auf, beispielsweise wie Edward sich im Schloss bisher ernährt hat, die aber zu verschmerzen sind.
Burton holt aus den Darstellern alles raus. Begonnen mit einem erstklassigen Johnny Depp der den roboterartigen Edward mit minimaler Mimik und traurigen Augen ausdrucksstark verkörpert. Mit gerade mal 169 Wörtern bewegt Depp, trotz seiner minimalistischen Mimik, oder gerade wegen dieser, mehr als alle anderen. Sicherlich auch durch die sensiblen, feinfühligen und naiven Grundzüge seiner Figur.
Das Gesicht der Neunziger, Winona Ryder, die in den letzten Jahren eher für Furore sorgte und häufig schlechte Kritiken einfing, verkörpert die mal bockige, mal prinzessinnenartige Kim Bogg sehr ansprechend und funktional. Weniger dagegen der Pseudo-Gegenspieler Anthony Michael Hall, der leider nicht viel Gelegenheit hat seiner Figur den passenden Anstrich zu verpassen.
Vincent Price, der seinen Bekanntheitsgrad durch viele Rollen in Gruselfilmen erlangte, hat hier seinen vorletzten Auftritt vor der Kamera. Diesmal aber nicht in einer bösartigen Rolle sondern als vereinsamter Erfinder.
Die vielen Nebenrollen sind passend auf die Darsteller abgestimmt. Hier passt wirklich fast jeder Schauspieler zu seiner Figur.
"Edward mit den Scherenhänden" funktioniert in allen Bereichen, wirkt weder angestaubt noch abgegriffen. Die märchenhafte, bewegende Geschichte, passende Schauspieler die ihre Figuren ausspielen sowie eine abgestimmte, audiovisuelle Präsentation bleiben zeitlos. Einzig ein paar Detailmängel verhindern die Bestnote.
9 / 10