Wie soll man einen Film wie die 1912er-Adaption von QUO VADIS? objektiv bewerten? Vielleicht indem man mit ein paar Fakten beginnt. QUO VADIS? wird gemeinhin als die Geburt des Spielfilms angesehen. Enrico Guazzoni inszenierte mit ihm nicht nur den ersten Film, der eine Laufzeit von zwei Stunden hatte, was QUO VADIS? für die damalige Zeit zu einem Epos sondergleichen werden ließ, sondern auch in der Art und Weise wie der Film seine Geschichte erzählt, unterscheidet er sich frappierend von dem, was zuvor oder zeitgleich das Licht der Leinwand erblickte. QUO VADIS? ist eine Literaturverfilmung im wahrsten Sinne des Wortes, versucht der Film doch, sich seine Vorlage, den 1896 erschienen Roman des späteren polnischen Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz, vollends einzuverleiben und es nicht nur bei einzelnen Motiven und Elementen zu belassen, die er veranschaulicht. Sogenannte Literaturverfilmungen früherer Zeiten beschränkten sich, natürlich auch ihrer Länge geschuldet, oft lediglich auf Schlüsselszenen ihrer Vorlage, konzentrierten sich aufs Wesentliche der Story, zogen Texttafeln zu Hilfe, um die Lücken zwischen den relativ losen Szenen zu füllen. Beispiele hierfür wären Ugo Felonas Film ROMEO E GIULIETTA, ebenfalls 1912 erschienen, in dem sich in einer Laufzeit von etwas mehr als einer halben Stunde einzig und allein den entscheidenden Momenten der Liebesgeschichte des Shakespeares-Stücks gewidmet wird, oder die FRANKENSTEIN-Verfilmung von 1910, wo vom Originalroman wirklich nicht mehr als ein Gerüst übrigblieb, das sich in nicht viel mehr als zehn Minuten darstellen lässt. Bei QUO VADIS? sind die Ambitionen nun höher, und tatsächlich muss man dem Film zugestehen, dass er sich redlich bemüht, seine Vorlage in all ihrer Komplexität, mit Nebenhandlungen, komplizierten Verstrickungen der Figuren untereinander, in bewegte Bilder zu übersetzen, auch wenn die Art und Weise, mit der das geschieht, in jeder Szene offenbart, dass die Kunst des filmischen Geschichtenerzählens noch tief in ihren Kinderschuhen steckte.
Im Grunde läuft QUO VADIS? kontinuierlich nach dem gleichen Muster ab. Eine Texttafel erklärt sachlich und knapp, auf den reinen Informationsgehalt bedacht, was in der folgenden Szene passieren wird, dann sieht der Zuschauer exakt das, was zuvor beschrieben worden ist. Der Film wird dadurch in unzählige einzelne Segmente unterteilt, ein wirklicher Erzählfluss kann nicht entstehen. Oftmals sind die Texttafeln überflüssig, da man sich allein aus den Bildern selbst zusammenreimen kann, was da gerade geschieht, oder sie sind zu dürftig ausgefallen. Jemand, der den Roman von Sienkiewicz nicht kennt und auch nicht die wesentlich bekanntere Hollywood-Verfilmung des Stoffs aus dem Jahre 1951 gesehen hat, wird schon nach wenigen Minuten den Faden verloren haben und nicht mehr wissen, welche Figur nun wie heißt und welche Funktion sie innerhalb der Story erfüllt. Wobei ich mir vorstellen kann, dass es selbst jemandem, der die Geschichte von dem römischen General, der sich zu Zeiten Neros in eine Christin verliebt, kennt, schwer fallen könnte, dem Film in jeder Einzelheit zu folgen. Das Problem ist, dass die Charaktere nicht eingeführt werden, sie sind auf einmal da. Die Texttafeln tun so, als ob das Publikum schon genau wüsste, um wen es sich bei den einzelnen Personen nun genau handelt, nennt sie nur beim Vornamen, ohne irgendwelche weitere Angaben. Sofort werden sie in Aktion gezeigt, ohne dass zunächst etwas über ihren Hintergrund erzählt wird. Hinzukommt, dass QUO VADIS? sich nicht auf einen kleinen Kreis von Protagonisten beschränkt, sondern es vor unterschiedlichen Personen nur so wimmelt, sodass man schon alle Konzentration aufbringen muss, um den Überblick zu behalten. QUO VADIS? besteht naheliegenderweise daher fast nur aus Handlung. Die Psychen der Protagonisten werden höchstens beiläufig oder versehentlich angekratzt.
Von der optischen Szenengestaltung her ist der Film natürlich ganz in seiner Zeit verhaftet, was man ihm kaum vorwerfen kann, gerade seine Statik kann aber nicht unbedingt dazu beitragen, dass die Bilder trotz der vielen sich überstürzenden Ereignisse einen spannenden Rhythmus entwickeln. Immerhin werden in der Montage einige innovative Akzente gesetzt, und seine reinen Bilder, gelöst von der Handlung, bringen dann doch einige Höhepunkte. Dass QUO VADIS? seinerseits zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten avancierte, liegt natürlich an seinen damals nie gesehenen Schauwerten und nicht unbedingt an seiner wirren Liebesgeschichte. Zwar wurden in Italien schon seit fast einem Jahrzehnt Kolossalfilme hergestellt, die mit imposanten Bauten und Kulissen aufwarten konnten, in QUO VADIS? erreicht diese Prunksucht aber ihren vorläufigen Höhepunkt. Für die Zeitgenossen muss es schlicht sensationell gewesen sein, was sich in einigen Szenen auf der Leinwand abspielt, auch wenn es für einen heutigen Betrachter, der beinahe hundert Jahre Filmgeschichte seitdem nicht einfach ausblenden kann, schwer ist, sich das vorzustellen, vor allem, da die Spektakel, die der Film auffährt, nach modernen Standards dann teilweise doch eher ungünstig gefilmt sind. Scheinbar war 1912 die Kunst, eine sensationelle Szene besonders effektvoll in einem Film unterzubringen, auch noch nicht ganz ausgereift. Besonders offensichtlich ist das bei einem Pferdewagenrennen, das einzig frontal gefilmt wird, wobei die Kamera auch etwas zu weit links zu sitzen scheint, sodass die Pferde relativ unspektakulär seitlich an der Kamera vorbeilaufen. Andere Szenen sind da schon besser gelungen. Das brennende Rom wird heute zwar niemanden mehr sprachlos werden lassen, jedoch sieht man, dass einige Mühe und Kosten investiert wurden, um die Illusion zu schaffen, hier brenne tatsächlich gerade die Ewige Stadt nieder. Effektiv sind natürlich auch die Löwen, denen die Christen in der Arena zum Fraß vorgeworfen werden. Überhaupt hat mich überrascht, wie explizit der Film in der Darstellung der Grausamkeiten ist, die den Christen auf Geheiß Neros angetan werden. Nicht nur Löwen kommen da zum Einsatz und zerreißen Frauen und Kinder, auch werden Christen als lebende Fackeln benutzt und eine Frau wird auf einen wild gewordenen Ochsen gefesselt. Positiv überraschend fand ich auch, dass der Film zwar, wie der Roman, durch und durch prochristlich eingestellt ist, trotzdem jedoch nie in religiösen Kitsch oder verzückte Sentimentalitäten abgleitet, obwohl gar in einer Szene gegen Schluss Christus persönlich auftaucht. In anderen zeitgleich entstandenen Filmen mit religiösem Inhalt hat man es sich nicht nehmen lassen, Jesus mit Pauken und Trompeten auftreten zu lassen, in QUO VADIS? allerdings übt man sich in stiller Schlichtheit.
QUO VADIS? ist ein Film, den man sich eigentlich nur noch aus filmhistorischer Sicht betrachten kann. Ich jedenfalls fand ihn zwar aufgrund seiner Bedeutung hoch interessant, unterhalten hat er mich kaum und stellenweise wurde es gar zu einer rechten Qual, einige eher langweilige Passagen zu überstehen.