Larry Clark hat uns mit "Kids" schon einen reingewürgt, jetzt holt er im "Paradies" endgültig aus, der Jugend den Realismus der Straße zu verpassen.
Wieder mal gerät die Story von einem halbkriminellen, halb drogenwerfenden Teenagerpärchen, die sich einem Gauner und seiner Junkiefreundin anschließen, bei Clark nicht zum Moralstück, sondern eher zur magenverdrehenden Situationsbeschreibung. Da erwischt schon der Start einen kalt, wenn Bobbie beim Automatenknacken mittels Wachmann erst mal die Visage zerschmettert wird, ehe er diesem mit einem Eispickel zu- oder hinrichtet. Jupp, das Leben von Street Kids ist gnadenlos und es wird auch nicht besser, wenn sich die kleinen Gauner den großen anschließen.
Clark inszeniert den Traum vom Leben im großen Stil als eine Art Adoption, wobei jedoch Dealer Mel in Bobbie mehr einen probaten Lehrling sieht. Doch das Leben ist ungerecht, die Welt voller Gefahren und Drogen sind auch nicht gut für den Körper und so geht das schöne Leben bald erwartungsgemäß den Bach runter, wenn auch langsam.
Das Problem bei diesem Film ist seltsamerweise, daß er mit James Woods und Melanie Griffith zwei namhafte Stars in den Hauptrollen hat, die dem Treiben um Bobbie und Rosie ein gehöriges Stück filmischen Realismus entziehen, denn sie tragen trotz Woods großem Einfühlungsvermögen stets den Stempel Hollywood auf der Stirn. Griffith ist dabei eh nur schmückendes Beiwerk, während Woods wie immer so manisch sich in die Rolle steigert, als ginge es permanent um Filmpreise. Wesentlich treffender und natürlicher da schon die Jungmimen. Wo Kartheiser im Überschwang des Erfolgs den dicken Max raushängen läßt, ehe das Kind in ihm sich doch noch nicht besiegen läßt, geht Wagner in der Rolle der stets angekifften, liebebedürftigen Rosie geradezu nervtötend auf.
Letztendlich sind wir doch alle nur auf der Suche nach einer Familie, doch auf der Straße werden wir diese nicht finden, mögen wir es uns auch noch so wünschen. Die Entwicklung der Story zu diesem Schluß gestaltet sich jedoch relativ ruckelig, so daß kaum Erklärungen gefunden werden können, warum Woods zunehmend ablehnend der werdenden Familie gegenübersteht und ständig aggressiver wird. Vielleicht soll das auch nur einen leichten Hang zum Realismus darstellen, denn in den drogengeschwängerten Gewaltzuständen ist ein wahres Zusammenleben fast unmöglich. Und so geschieht es dann recht bald, daß es Tote gibt, unsere Helden angeschossen werden, einer von ihnen schließlich stirbt.
Zum Schluß fällt dem Film leider nichts mehr ein, um die bittere Pille noch schwerer zu schlucken zu machen.
Tatsächlich versucht sich das Skript an einer Abrundung, bietet ein klischeehaft durchkreuztes Mordkomplott und zeigt Bobbie in der letzten Einstellung befreit von Stadt, Straße und Drogen durch die Wildnis laufen, als mögliches neues unbeschriebenes Blatt mit Aussichten und Möglichkeiten. Oder eben nicht.
"Ein neuer Tag..." ist wie "Kids" recht herb inszeniert, die Schießereien relativ realistisch und blutig, der Ton kantig und die Bilder körnig. Trotz seiner Wirkung erscheint der Film oft als eine Art Kompromiß, um ihn massenzugänglicher zu machen. Das stuft ihn leicht unter "Kids" ein, doch auch hier bietet Clark einen Film dar, der nicht genossen werden kann, sondern harte Arbeit für den Zuschauer bedeutet, mit guten Leistungen an allen Fronten. (7,5/10)