Die Vita Rainer Erlers wird häufig auf „Fleisch“ reduziert, doch vorliegender Streifen untermauert, dass der Mann eine Reihe guter Werke zustande brachte.
Die Grundidee erschüttert einmal mehr die Säulen des menschlichen Urvertrauens, wenn ein Kind, wie bei Hänsel und Gretel, von den Eltern aus reiner Habgier um die Ecke gebracht werden soll.
Deshalb reisen die Eltern von Beate (Jutta Speidel) nach Las Palmas, denn in vier Tagen wird sie Achtzehn und tritt das Erbe ihres leiblichen Vaters an.
Rasch lernt sie den Einheimischen Miguel (Dieter Laser) kennen, der jedoch finstere Pläne verfolgt und Beate weit vom Ufer entfernt ins Meer schubst.
Doch die junge Frau überlebt und wird vom Hippie Gordon gerettet. Als Beate erkennt, welch perfides Spiel ihre Eltern angezettelt haben, wendet sie sich an die Aussteiger-Community…
Auf atmosphärischer Ebene gelingt es Erler rasch, die zerrütteten Familienverhältnisse auf den Punkt zu bringen: Eine zynische Tochter, ein lakonischer Vater und eine leicht hysterische Mutter präsentieren innerhalb weniger Szenen eine komplett dysfunktionale Familie und bei der hört beim Thema Geld die Familienbande logischerweise auf.
Bereits am Airport in Frankfurt kann man den Braten riechen, denn Miguel steigt ebenfalls ins Flugzeug ein und wird mit einem nahezu unauffälligen Nicken begrüßt.
Ein wenig naiv ist Beates Verhalten nachfolgend schon, denn mit einem Wildfremden hat man besser weder Sex on the Beach noch plaudert man intime Familiengeheimnisse aus.
Und auch als ihr klar wird, dass eine Doppelgängerin ihre Identität annehmen soll, müsste Beate lediglich zur deutschen Botschaft latschen oder Freunde und Bekannte in Deutschland benachrichtigen, um den halbgaren Plan ihres Stiefvaters und Rechtsanwalts zu durchkreuzen.
Aber die garstige Grundidee kann gewisse Unzulänglichkeiten für eine ganze Weile kaschieren.
Die Hippies und ihre schlichten Existenzbedingungen stehen folgerichtig im totalen Kontrast zu dem, was Beate in wenigen Tagen erwartet hätte, wie es der Outsider Mike in prägnanten Sätzen auf den Punkt bringt. Beate fügt sich hingegen binnen kurzer Zeit den einfachen Lebensbedingungen der Hippies und scheint ein Stück Lebensqualität gewonnen zu haben, doch bis zum Finale steht eben jene Ungerechtigkeit im Raum, welche sie mit weisen Ratschlägen von Mike beiseite geschafft haben will.
Die Kulisse der kanarischen Inseln, mit rauer Felslandschaft, verlassenen Stränden und der fast rückständigen Unterkunft der Hippies wird variabel eingefangen und von dem markanten musikalischen Hauptthema adäquat begleitet.
Darstellerisch überzeugt Jutta Speidel mit ihrer Natürlichkeit, während einige Nebenfiguren ein wenig steif daher kommen, allenfalls Udo Vioff als Mike liefert eine ordentliche Leistung ab, indem er als Hippie zurückhaltend und dennoch konsequent agiert, sobald es seine Figur verlangt.
„Die letzten Ferien“ ist ein Streifen, der phasenweise ein wenig naiv daherkommt, manchmal auch etwas weltfremd, wenn man einen Passagier mit Tabakpfeife am Frankfurter Flughafen sieht, was anno 1975 noch völlig normal war.
Im Verlauf ärgern zwar einige dumme Verhaltensweisen und nicht nachvollziehbare Reaktionen und dennoch wickelt man den Showdown mit wenigen Sätzen so ab, dass der Betrachter mit einem zufriedenen Gefühl zurückbleibt.
Spannungsmomente sind durchaus vorhanden, doch stärker gewichtet ist die bedrückende Stimmung rund um Hauptfigur Beate.
Insgesamt also ein ordentlicher Psycho-Thriller mit einigen Schwächen, aber recht markanten Momenten und einer fast latent fesselnden Stimmung.
7 von 10