Ein sich kreisender Strom von ausschweifenden Obsessionen und aus der Vergangenheit andrängender Erinnerungen bildet theoretisch den Handlungsverlauf von Herman Yaus Turning Point; die Schaltstelle dessen erschaffen sowohl die Fernsehserie E.U., Emergency Unit, eine der populärsten modernen Reihen des Senders TVB, als auch die immer noch die Einflüsse und Gemüter bestimmende Infernal Affairs Saga. Turning Point ist bestimmt von diesen Stimmen, nutzt in voller Absicht und entsprechender Verantwortung auch diese bereits erzählten Elemente, als Prequel zu der einen und Variation der anderen Quelle. Der Gegensatz zwischen Polizist und Kriminellen und der ewigwährende Kampf Beider wird hier in besonders extremer Weise auf die titelgebende Figur des "Laughing Gor" verschoben und dort als Personifikation dessen ausgetragen, was seit jeher auch die Faszination des Zerrbildes des Undercover-Plots ist.
Auch hier ist die Welt nicht bloß in Teilen, sondern als Ganzes missgestaltet, steht im Mittel-, Dreh- und Angelpunkt die Erzählung eines Mannes, der zwischen allen Stühlen, zwischen beiderseits geschworener Loyalität sowohl zu der einen als auch der anderen Seite des Gesetzes gefangen ist. Nach außen eine formelhafte Hetzjagd, das Kesseltreiben der Zweimächtebesetzung als Klammerfunktion und grobe Orientierung. Innen materiell die Zweifel Desjenigen, der das Auswählen von Möglichkeiten in seinem Leben in allen Belangen nicht mag, und noch die Quittung dessen bekommen hat. Alleingelassen von den Kollegen in Uniform, die um seine Identität nicht wissen, und abgeschoben von den Freunden in der Triade, die einen potentiellen Verräter riechen und schnellstmöglichst beseitigen wollen:
Liang Xiao-tong [ Michael Tse ], Spitzname "Laughing Gor", steht sowohl in Diensten von C.I.P. Xian [ Yuen Biao ], der ihn frisch von der Polizeiakademie weg in die Zheng-xing Gang von Master Ford [ Eric Tsang ] eingeschleust hat; als auch im gleichfalls geheimen Auftrag von Fords rechter Hand Brother One [ Anthony Wong ], der sich als ehemaliger Polizist mit den Vorgehen auskennend die Planungen der Obrigkeit beschafft. Als Xian kurz vor einer geplanten Razzia durch einen verhängnisvollen Autounfall ins Koma fällt, und seine Stellvertreter Senior Inspector Pun Wen-ji [ Felix Wong ] und Mo [ Wayne Lai ] "Laughing Gor" bei dem Deal auf frischer Tat ertappen können, gerät das bisherige Gleichgewicht aus Information und Desinformation durcheinander. Vor die Wahl gestellt, entweder zehn Jahre im Gefängnis zu verbringen oder als Kronzeuge eine ermäßigte Haftstrafe zu bekommen, und schon mit den Killern der Triade im Rücken, flieht "Laughing Gor" bei der erstbesten Gelegenheit. Doch die Stadt ist bereits abgesperrt, sein Fuß verletzt und seine Freundin Karen [ Fala Chen ] ausgerechnet die Schwester des eh schwer angefressenen Gauners Zatoi [ Francis Ng ].
Wirklich neue Deutungsansätze der Thematik, die seit den frühen Achtzigern recht viele und einige wenige herausragende Beispiele und auch in den letzten Jahren reichlich Anklang gefunden hat, bietet das eher streng auf das Ziel einer wiederholenden Erkenntnis gerichtete Werk dabei sicherlich nicht. Der inzwischen äußerst produktive Regisseur Yau hat selber mit On the Edge die ergreifendere, mit einem spezifischen Zugang versehene und so von den konkurrierenden Filmen abgrenzbare Darstellung vorgelegt, dessen Wiederholung trotz entsprechender Ansätze hier nicht gelingt, aber wohl auch nicht dergleichen Intention entsprach. Hat man sich dort eher auf die Nachwehen der Problematik konzentriert und das menschliche Drama evoziert, so ist die hiesige Methode in seinen Schritten viel kontrollierter auf das Resultat eines in seinen Mitteln reduzierten Actionthriller gehalten. Ein zentral massenkompatibler Sekundärtext statt Selbstreflexion in Verstehenswissenschaft. Angenehm flüssige Autoverfolgungsjagden samt entsprechenden Karambolagen und Kollisionen bestimmen das Bild der Szenerie in ebenso solider Art und Weise wie sich mehrmals körperlich duelliert als auch über Straßen und Dächer gelaufen und von dort abwärts gestoßen wird.
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–, und dem Wiedereinstieg der legendären Shaw Brothers Studios als Co-Produzent in das Kinogeschäft, entspricht der Film auch einem gewissen extensiven Ausdruckszwang. In der Grundstruktur die vollkommene Zuspitzung im geadelten b-movie Standard, mit einer speziellen Grotesktheit, die in wahrlich engagierten und/oder ernst[zunehmend]en Zuschnitten doch reichlich fehl am Platze erscheinen würde, aber dort für Sekunden auch eine willkommene Individualität ausmachen kann, die sich eben nicht mit den sonstigen Konventionen vereinbaren lässt. [Bspw. Anthony Wongs zunehmende cross-dressing Verwandlung in eine drag queen, in der man gerne das Unstimmige und Unsichere der Welt hineininterpretieren, aber dies auch lassen könnte. Das seltsam nebensächlich wirkende Auspeitschen mehrerer halbnackter Schergen im Hintergrund einer Verbrecherkommission, in der das übliche Konkrete plötzlich in ein reichlich Abstraktes umschlägt.]
Funktional ergänzt wird das ständische Treiben vor allem noch durch verbal illustrierende Monologe, aktional wie auch nicht-aktional. Eine griffig vorgetragene Informationsvergabe wird als Willensstärke und Entschlossenheit aller Figuren verkauft, in der ein möglichst reibungsloses Funktionieren der Anführer und Gehorchen der jeweiligen Gefolgschaft viel wichtiger ist als die Suche nach Sinn und Zweck des ganzen Bandenkrieges um einen einzelnen Mann herum. Auch die Inszenierung deudet sich mehr als Auftrag denn als sinnvoll angewandte Kraft an, Yau als Ausführungsorgan in zweckrationaler Arbeit, ebenso wie "Laughing Gor" eher als ungerührt sachlicher Spielball weit größerer Mächte denn als heroischer Einzelkämpfer.