Da hat sich aber jemand viel Zeit gelassen.
Gemeint ist Philip Ridley, dessen letzte Regiearbeit vor "Heartless" immerhin fast 15 Jahre zurückliegt und der mit "Heartless" ein wirklich ungemein beeindruckendes Werk geschaffen hat.
Eine Synopse an dieser Stelle würde dem Film (oder vielmehr dem Zuschauer) einen Bärendienst erweisen. Es gibt aber ein Bild des Schweizer Surrealisten HR Giger, das inhaltlich sehr gut zu Ridleys Film passt. Auf diesem Bild sind Babies zu sehen, die alle eine ekzemartige Hautveränderung aufweisen. Dennoch ist keines der Kinder innerhalb der Szene ausgegrenzt, eben weil sich ihr Aussehen kollektiv - in der gegenseitigen Wahrnehmung - im Hinblick auf die Ekzeme nicht voneinander unterscheidet. Lediglich der außenstehende Betrachter empfindet wohlmöglich Mitleid oder Ekel, weil seine Vorstellung von Normalität eine andere ist.
Was beweist, dass die Hautkrankheit als vermeintlich abgrenzendes Merkmal überhaupt nicht das Problem ist, sondern die vollkommen subjektive Vorstellung darüber, was "normal" sein soll. Und wenn diese Vorstellung gesellschaftlichem Konsens entspricht, etwa gar die Mehrheitsmeinung darstellt, wird sie in der Regel auch nicht mehr hinterfragt und schlechterdings für die Wirklichkeit gehalten. Kontextbezogene Vorurteile stets inklusive.
Diese Erfahrung muss auch Jamie in "Heartless" machen (einfach nur klasse: Jim Sturgess, der den Film quasi im Alleingang trägt und zu dessen Rolle man als Zuschauer nach spätestens 5 Minuten einen Draht hat). Aufgrund auffälliger Male im Gesicht und am Körper enstpricht Jamies Aussehen nämlich nicht gerade der "Norm", was dieser auch regelmäßig als schmerzhafte Rückmeldung von seinem gesellschaftlichen Umfeld erfährt. Dabei kann ihn der Zuschauer bis weit ins erste Drittel des Films auf den Straßen Londons begleiten und wird dabei wie Jamie Zeuge grausamer Morde einer Gang Vermummter an scheins wahllos ausgesuchten Opfern.
Bis hierher wirkt "Heartless" ungemein realistisch und die brutalen Morde gehen mehr an die Nieren als der ganze Dreck im Tortureporn-Bereich zusammen, weil Ridley die Darstellung von brutaler Gewalt nicht als Spannungsfaktor im Rahmen eines Unterhaltungsfilms benutzt (was ja die eigentliche Perversion ausmacht und nicht die Qualität oder Quantität der Darstellung), sondern Gewalt als das zeigt, was sie wirklich ist. Man kann sich diesbezüglich auch des Eindrucks eines sozial- und gesellschaftskritischen Kommentars nicht erwehren. Nur allzu greifbar wird die Vorstellung, dass theoretisch jeder zum zufälligen Opfer empathieloser Soziopathen werden könnte. Jedenfalls macht der Film seinem Titel bis hier alle Ehre.
Um dann nach gut einer halben Stunde ziemlich überraschend die Tonart zu wechseln.
Was würdest du tun, um "normal" zu sein? Wie weit würdest du gehen, um ein "normales" Leben führen zu können? Welchen Preis würdest du bezahlen, um eine Freundin zu finden, heiraten zu können, eine Familie zu gründen? Und an dieser Stelle wird sich auch so mancher Zuschauer an Jamies Stelle fragen: Würde ich meine Seele dem Teufel verkaufen?
Nun kennt man ja entsprechende Szenarien, in denen sich jemand auf einen Deal mit dem Leibhaftigen einlässt und hat auch eine Ahnung, wie das ganze in der Regel ausgeht. Und meistens ist es nur im Märchen der Fall, dass am Ende der Teufel bei dem Deal über den Tisch gezogen wird und obendrein wohlmöglich noch vom Bauern verprügelt wird. Dass sich die Sache in "Heartless" wohl etwas anders darstellt, scheint für den Zuschauer relativ absehbar.
Weniger absehbar ist der genannte Wechsel, den Ridley nun stilistisch einschlägt. Der bislang vorherrschende Realismus rückt zugunsten zahlreicher phantastischer Elemente in den Hintergrund, was der Inszenierung nun oft einen sehr surrealistischen Touch verleiht und an anderer Stelle sogar fast schon parodistische Züge annimmt (wobei der Film an Heftigkeit jedoch eher noch zunimmt und einem daher das Lachen im Halse steckenbleibt).
Fast schon gelassen sieht man so dem vermeintlich absehbaren Ende entgegen, bis schließlich nach einem deftigen Klimax nicht nur ein kluger Twist die Geschichte auflöst, sondern Philip Ridley es in den letzten Minuten auch noch schafft, aus einem sehr spannenden, sehr bewegenden und sehr emotionalisierenden Horrorfilm eine wirklich denkwürdige Parabel zu machen. Deren Botschaft ist von geradezu universeller Klarheit, so schlicht wie präzise und dabei zutiefst humanistisch. Um es mit Hermann Hesse zu sagen: "Keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt."
"Heartless" ist ein Film der einen Eindruck hinterlässt. Nicht nur aufgrund der mitreißenden Performance seiner Darsteller, der inhaltlichen Substanz seiner Story oder deren einwandfreier technischer Umsetzung, sondern nicht zuletzt auch aufgrund des umwerfenden Soundtracks, der überwiegend aus sehr passenden Songs besteht, an deren Entstehung sowohl Jim Sturgess als auch Philip Ridley (von dem die tiefgründigen, poetischen Texte stammen) maßgeblich beteiligt waren.
Mit einem Wort: Außergewöhnlich!