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Nach der Finanzkrise, die 2008 durch die Pleite von Lehman Brothers ins Rollen kam und zu einem Zusammenbruch der weltweiten Wirtschaft führte, fragt sich Dokumentarfilmer Michael Moore, ob der Kapitalismus Amerika eigentlich hilft oder doch eher schadet.

Nach der Wirtschaftskrise sind nicht nur linke Ideen und Parteien wieder im Aufwind, da Banken und Topmanager zu regelrechten Feindbildern avancierten, auch Michael Moore ist es. Da George W. Bush aus dem Amt geschieden ist, hat er nun ein neues Ziel für scharfe Kritik, Sarkasmus und Polemik. Doch obwohl Moore, der mit "Bowling for Columbine" den Oscar gewann, hier ein extrem leichtes Ziel hat, ist "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" einer seiner schlechteren Dokumentarfilme geworden.

Moore überzeugt durchaus über weite Strecken, findet viele Einzelbeispiele und Geschichten dafür, dass in Amerika etwas falsch läuft. Manche seiner Beispiele sind dabei derart scharf, dass man zur Ansicht gelangen kann, dass Amerika tatsächlich gut daran täte, einen Weg zur sozialen Marktwirtschaft zu finden. Moore zeigt Familien, die Zwangsräumungen durchführen, weil die Bank immer schneller immer mehr Geld ihres Kredits wieder sehen wollte, er zeigt Piloten, die sich ohne einen Nebenjob nicht über Wasser halten können, Experten, die selbst nicht wirklich erklären können, was Derivate eigentlich sind und Firmen, die für den Tod ihrer Mitarbeiter eine hohe Versicherungssumme einstreichen, während die Angehörigen leer ausgehen. Andere Beispiele zeigen ebenfalls Ungerechtigkeiten auf, zielen darauf ab, den Zuschauer noch stärker in Rage zu bringen, ihn zu überzeugen, haben ihre Wurzel aber nicht nur beim “bösen Kapitalismus“. Gelegentlich gewinnt man den Eindruck, Moore mache den Kapitalismus für alles Übel in Amerika verantwortlich, aber einseitige Darstellungen und Polemik waren ja schon immer sein Spezialgebiet.

Auch seine Kritik an George W. Bush, die mal wieder mit aller Macht eingebracht wird, wirkt etwas fehl am Platz. Außerdem hätte er es wohl besser unterlassen, sich von seinen Einzelbeispielen zu entfernen, um das Rettungspaket für amerikanische Banken zu kritisieren, denn unumstritten ist, dass es ohne staatliche Maßnahmen in den USA und auch in den europäischen Ländern zu deutlich stärkeren Auswirkungen der Finanzkrise auf die Weltwirtschaft gekommen wäre, so meint auch ein SPD-Politiker wie Peer Steinbrück, dass etwa eine Pleite von AIG zu einem Super-GAU geführt hätte.

Im Endeffekt ist "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" aber auch alles andere als ein schlechter Film. Er regt immer mal wieder zum Nachdenken über das grundsätzliche kapitalistische System an und zeigt, wo seine Grenzen schließlich erreicht sind und es den Menschen mehr schadet als nutzt. Und dies ist auch dann der Fall, wenn man Moore nicht alle seine Thesen glauben kann und will. Zudem ist der Dokumentarfilm sehr unterhaltsam, weil Moores Ironie, seine Polemik, sein mitunter beißender Sarkasmus sehr amüsant ausfallen und er tiefer im Dreck wühlt, als es sich viele andere Filmemacher wagen würden.

Spätestens für seinen nächsten Film wird sich Moore dennoch neue Konzepte überlegen müssen, denn auch hier merkt man einfach zu oft, dass Moore die gleichen Muster wie immer verwendet. George Bush ist hinter bin Laden das Schlimmste, was Amerika in den letzten Jahrzehnten passieren konnte, seine Polemik ist auch nicht neu, genauso wenig, wie sein Hang zur Selbstinszenierung. Moore, der mittlerweile selbst zur Oberschicht Amerikas gehört, spielt sich mal wieder als Rächer des kleinen Mannes auf, etwa, wenn er ein paar Banken wie einen Tatort absperrt. Aber irgendwie steht ihm diese Rolle nicht mehr so wirklich.

Fazit:
Michael Moore reißt mal wieder ein bisschen was aus dem Zusammenhang, polemisiert, übertreibt, stellt hinkende Vergleiche an und zieht über die üblichen Feindbilder her. Aber "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte“ ist dennoch ein ordentlicher Film, weil Moore dahin geht, wo`s weh tut, ein paar interessante Beispiele gegen den Kapitalismus findet und darüber hinaus mit gewohntem Sarkasmus gut unterhält. Amerika ist mancherlei Hinsicht eben doch ein Entwicklungsland und kein Vorbild.

70%    

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