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Dieser Film, dessen Regisseur hier seine persönlichen Erinnerungen an den Libanon-EinmArs­ch 1982 und sein Kriegstrauma verarbeitet, stellt sehr eindringlich das Wesen von Krieg dar. Eben weil der Film in seiner Sichtweise völlig reduziert ist, sich wenig um größere Zusammenhänge und Politik kümmert, sondern um deren Auswirkungen auf das Individuum (wobei Rassenhass thematisiert und einmal die israelische Zusammenarbeit mit christlichen Milizionären als verheerend dargestellt wird).

Der Zuschauer, und das ist das wirklich Beklemmende, sieht nur das, was die filmischen Figuren sehen. Und das ist sehr wenig. Denn "Lebanon" spielt komplett im Inneren eines israelischen Panzers, der von einer Gruppe schlecht ausgebildeter und in allen Belangen überforderter junger Männer bedient wird. Angst. Der Wunsch nach Hause zu gehen. Der Erwartungsdruck, das eigene Menschlichkeitsempfinden und die eigenen Hemmungen abzustellen und auf Befehl andere Leben auszulöschen. Die Erkenntnis, dass Krieg unvorhersehbar ist und nicht gemäß Einsatzplan-Besprechung abläuft.

Was außerhalb der Enge und Dunkelheit des versifften Panzer-Inneren vorgeht, sehen sie und wir nur durch das Fadenkreuz eines Ziel-Periskops, das sich nur langsam und retardiert bewegt, somit nur unvollständige Teile der Außenwelt preisgibt. Klaustrophobie, Orientierungslosigkeit, gewisse Schutzlosigkeit trotz Panzerung und Bewaffnung sowie als mangelhaft bewertete Unterstützung seitens der Militärführung. Eine Odyssee.

Dass "Lebanon" in seiner Konzeption als psychologisches Kammerspiel (mit Zielperiskop-Tunnelblick nach draußen) nicht nur eine unglaubliche atmosphärische Dichte aufweist, sondern auch immer wieder sich auf der Netzhaut einbrennende Bilder von erschütternder Intensität liefert, zeigt bereits eine Sequenz ziemlich am Anfang:

Zum Schutz der Fußsoldaten, die den Panzer begleiten, soll der unerfahrene Panzerschütze ein Auto abschießen, das in einem Feld auf die Israelis zu fährt. Der junge Mann kann sich aber nicht überwinden den Abzugsknopf zu drücken. Das Resultat ist ein Blutbad. Durch das Zielperiskop muss er daraufhin beobachten wie ein verwunderter israelischer Soldat mit dem Tod ringt. Dann zoomt er auf die schockierten und vorwurfsvollen Gesichter der anderen Fußsoldaten. Als sich kurz darauf ein weiteres Auto dem Panzer nähert, überwindet sich der junge Panzerschütze zum Abschuss einer Granate mit geschlossenen Augen. Als er seine Augen wieder öffnet, sieht er durch das Periskop, dass der Fahrer des abgeschossenen Fahrzeugs bloß ein alter Mann ist, der Hühner in Käfigen transportierte. Der Alte liegt mit abgetrennten Gliedmaßen in seinem eigenen Blut, während um ihn herum die Hühner in ihren Käfigen bei lebendigem Leib verbrennen.

All zu viel sollte man nicht schreiben. Nur, dass "Lebanon" im weiteren Verlauf einerseits noch intensivere und erschütternde Bilder und das Leid aller Kriegsparteien zeigt und andererseits auch der Gruppendynamik und der zunehmenden Traumatisierung im Panzer-Inneren Rechnung trägt. Ein absolut herausragend konzipierter und inszenierter Film, der seine Figuren in immer stärker wirkender Enge, zunehmendem Dreck, Gestank und Schweiß versinken lässt und das Panzer-Innere immer mehr zu einem Gefängnis, einer Falle werden lässt und Menschen ans äußerste Limit der Belastungsfähigkeit führt.

Negativ fällt bloß auf, dass der konzeptionell herausragende "Lebanon" sich im letzten Drittel etwas zu sehr auf den bekannten Pfade eines Dramas über die Traumatisierung von Menschen bewegt, womit er sich selbst nicht wirklich gerecht wird. Ansonsten aber ein meisterlicher, sehr beklemmender, aufwühlender und intensiver Film.

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