"Der Mensch ist aus Stahl, der Panzer nur aus Eisen."
Der israelische Regisseur Samuel Maoz verarbeitet mit "Lebanon" seine eigenen, traumatischen Erlebnisse und sperrt das Publikum für ca. 90 Minuten in einen Panzer ein. Nur die erste und letzte Szene ist aus der Sicht von außerhalb.
Während der ersten Tage des Libanonkrieges im Jahre 1982 setzt ein israelischer Panzer zur Unterstützung einiger Fallschirmspringer den Kurs auf eine feindliche Stadt. Die unerfahrene Besatzung, bestehend aus dem Schützen Shmulik (Yoav Donat), dem Kommandant Assil (Itay Tiran), Hertzel (Oshri Cohen) und Fahrer Yigal (Michael Moshonov) sind in ihrem dunklen Stahlkoloss nicht auf Konfrontation aus, befolgen aber die Befehle des Fallschirmtrupps, geführt von Jamil (Zohar Shtrauss). Als sie in der Stadt in einen Hinterhalt geraten, handelt die vierköpfige Besatzung alles andere als professionell und beginnt seelisch zu zerfallen.
"Lebanon" ist zumindest visuell eigenständig. Die Perspektive aus dem Panzer mittels Sichtgeräten und dem Blick durch die Luke in ein blendendes Licht gab es in solch langanhaltender Form noch nicht. Allerdings fehlt es dem Anti-Kriegsfilm an emotionaler Eigenständigkeit.
Zumindest bis zur Hälfte des Films funktioniert die klaustrophobische Stimmung, die an Wolfgang Petersen's "Das Boot" erinnert, sehr gut. In erster Instanz verdankt "Lebanon" dies der dröhnenden Soundkulisse, die ein authentisches Abbild von der Fahrt in einem Panzer zeichnet. Mit der Zeit nutzt sich diese recht übersichtliche Kulisse allerdings ab.
"Lebanon" präsentiert ein Kammerspiel und nutzt den Kriegsschauplatz nicht für großspurige Schlachten. Der Fokus liegt auf den Insassen des Kriegsgefährtes, die durchgehend unerfahren und impulsiv agieren.
Eine Schwäche ist ganz offensichtlich: Mit dem Einstieg in den Panzer beginnt auch die Charakterzeichnung der Figuren. Äußere Lebensumstände der Charaktere werden nicht angesprochen. Dadurch bilden sich nur gemächlich Bezugspunkte zu den Protagonisten, die genau genommen austauschbar sind. Keine gute Voraussetzung, um ein dichtes, seelisches Abbild zu erschaffen. So ist es kein Wunder, dass die emotionale Komponente erst am Schluss wirklich zünden will.
Vor grausamen Bildern scheut sich der Anti-Kriegsfilm nicht. Der Blick durch die Sichtgeräte vermittelt durch das immerwährende Zielkreuz nicht nur ein flaues Gefühl, er offenbart auch Bilder von einer zerstörten Stadt und einer gefährdeten Zivilbevölkerung. Diese Bilder gliedern sich in die glaubwürdige Stimmung ein und sind weder übermäßig brutal noch plakativ.
Merkwürdig dagegen sind die viel zu häufig vorkommenden "Pinkelpausen", die keinen wirklichen Beitrag zum Geschehen liefern. Auch das abrupte Ende will nicht ganz überzeugen.
"Lebanon" beeindruckt vor allem durch seine audiovisuelle Komponente. Das unverbrauchte Setting ist optisch authentisch und vom Sound bombastisch. Das Kammerspiel dagegen zeigt erweist sich als langwieriger als zunächst gedacht und entfaltet seine ganze, packende Emotionalität erst im Finale. Bis dahin nerven viel zu häufig vorkommende "Standardsituationen" und unspezifische Figuren.
6 / 10