Mit „Saw V“ hatte die Reihe ihren Tiefpunkt erreicht, beim Sequel sprach man von der Rettung der Franchise und tatsächlich ist „Saw VI“ merklich besser als die Teile III, IV und V.
In der Auftaktsequenz ist davon freilich noch nicht soviel zu sehen, wenn zwei Kredithaie gegeneinander spielen müssen, wer innerhalb von 60 Sekunden am meisten Fleisch hergibt, damit es den anderen und nicht ihn erwischt. Die Kamera hält reichlich sadistisch drauf, vorher gibt es noch den Tod von Peter Strahm (Scott Patterson) in aller Deutlichkeit zu sehen, da kann einem schon übles schwanen. Die Überlebende des Auftakts ist übrigens die Gewinnerin eines Fernsehcastings für diese Rolle und spielt dementsprechend.
„Saw VI“ folgt der etablierten Prämisse, dass ein Hauptopfer bzw. eine kleine Gruppe um ihr Leben spielen müssen. Leidtragender ist in diesem Falle der skrupellose Krankenkassenmanager William Easton (Peter Outerbridge), dessen Angestellte nur darauf arbeiten Gesunde zu versichern und Kranken aus fadenscheinigen Gründen die Police zu kündigen. Da ist „Saw VI“ schon arg klischeehaft, vom aalglatten Rechtsbeistand bis hin zu dem Schnüfflersextett arbeiten fast nur Lumpen in dem Betrieb, die potentiell netten Figuren hingegen werden kaum eingeführt.
William wird von Mark Hoffman (Costas Mandylor), dem neuen Jigsaw, entführt und muss um das Leben seiner Familie spielen. Gleichzeitig gehen die FBI-Ermittlungen weiter und das Vermächtnis des eigentlichen Jigsaw John Kramer (Tobin Bell) ist auch noch nicht komplett erfüllt…
„Saw VI“ fängt verhalten an, doch bald merkt man, dass das Team aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Bestanden die Teil IV und V zum Großteil aus Rückblenden, so wird hier nur noch das Nötigste aus der Vergangenheit hervorgeholt und gleichzeitig schleift man auch diverse unnötige Kanten ab, denn „Saw VI“ ist autarker und unkomplizierter als die Vorgänger, ja fast schon wieder als eigenständiger Film zu genießen – aber eben nur fast.
Denn „Saw VI“ muss natürlich die offenen Fragen der Reihe beantworten, doch Kevin Greuterts Film führt die Geschichte um den eigentlichen Jigsaw John Kramer zumindest zu ihrem Ende. Natürlich wird Raum für eine Fortsetzung gelassen, die ja schon beschlossene Sache ist, aber „Saw VI“ ist de facto deutlich runder als die beiden direkten Vorgänger und das kommt dem Film nur zugute. Es gibt zudem ein Wiedersehen mit alten Bekannten, teilweise nur in Rückblenden, sodass sich der Kreis am Ende schließt.
Durch das reduzierte Drumherum kann sich „Saw VI“ auch wieder stärker auf den Mainplot, also den Überlebenskampf auf Jigsaws Spielfeld konzentrieren. Spielort ist diesmal ein verlassenes Zoogebäude, in dem der Held mehreren, „Saw III“ nicht unähnlichen Prüfungen ausgesetzt wird. Im Gegensatz zur III gibt sich „Saw VI“ aber weitaus weniger voyeuristisch und konzentriert sich wieder auf vernünftigen Spannungsaufbau, z.B. wenn William die Konzernsjustiziarin durch ein mit Dampfdüsen gespicktes Labyrinth lotsen muss. Derbe sind die FX immer noch, aber nicht allzu selbstzweckhaft eingesetzt, was den Film sympathischer als manchen Vorgänger macht.
Freilich krankt „Saw VI“ wie schon „Saw V“ daran, dass es hier zum Großteil absolut unsympathische Arschgeigen sind, denen Jigsaws Fallen ans Leder wollen, und das ist nicht gerade gut fürs Mitfiebern. Schade drum, denn zumindest in Williams Fall zeigt „Saw VI“ eine nachvollziehbare, vielleicht etwas kitschige Wandlung vom Schmierlappen zum demütigen Büßer.
Ein finaler Twist, was die gefangene Familie angeht, überrascht, bringt den Plot aber nur bedingt weiter, ansonsten bietet „Saw VI“ durchaus temporeiche Unterhaltung, die dem ganzen Sujet freilich keine neuen Facetten abgewinnt. Doch immerhin kann man nach Genuss dieses Teils beruhigt aussteigen, immerhin sind alle offenen Fragen beantwortet; wenn man möchte, kann man der Reihe auch die Treue halten – je nachdem, wie viele Teile es noch geben wird, angeblich soll Nr. VII ja vielleicht das Ende sein.
Costas Mandylor wird scheinbar von Film zu Film dicker, doch immerhin spielt er die Rolle als Neo-Jigsaw recht brauchbar, ohne jemals groß Akzente zu setzen. Tobin Bell darf wieder in Rückblenden sein können zeigen, Shawnee Smith, Mark Rolston und Betsy Russell sind durchaus solide, aber auch irgendwie austauschbar – doch um Darstellerleistungen geht es bei der „Saw“-Reihe schon seit einer Weile nicht mehr.
Mit gedämpftem Enthusiasmus kann man also festhalten, dass „Saw VI“ der beste Film seit Teil II ist und seine drei eher mäßigen Vorgänger übertrifft, zu haushohem Jubel reicht es aber auch nicht. Zu klischeehaft ist die Charakterzeichnung, zu altbacken das Konzept, trotz eines soliden Spannungsaufbaus und eines überraschend runden Abschlusses. Immerhin: John Kramers Geschichte wird zu Ende erzählt und ein mögliches Ende der Franchise rückt absehbare Nähe.