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"Seien wir ehrlich: Sie wollen den Mann ebenso gern wie ich leiden sehen."

Unermüdlich geht die "Saw"-Reihe in die sechste Runde. Wer nach dem recht schwachen fünften Teil mit dem Schlimmsten rechnet kann beruhigt sein. "Saw VI" orientiert sich in seiner ganzen Art an dem dritten Teil der Reihe, setzt weit mehr auf plakative Gewalt und eine in sich schlüssige Handlung.

Das Vermächtnis des verstorbenen John Kramer (Tobin Bell), besser bekannt als der Jigsaw Killer, sorgt weiter für Angst und Schrecken. Nachdem FBI-Agent Strahm (Scott Patterson) als Nachfolger Jigsaw's Werke gilt, kann der wahre Täter Hoffman (Costas Mandylor) ungehindert weitere Pläne des Serienkillers umsetzen. Das Ziel ist der Krankenversicherungsangestellte William (Peter Outerbridge), der dem krebskranken Jigsaw einst die Kostenübernahme für eine Therapie verweigerte. Zur Läuterung lässt Hoffman ihn über Leben und Tod seiner Angestellten, Freunde und Angehörigen entscheiden. In dieses perfide Spiel ist diesmal auch Kramer's Ex-Frau Jill (Betsy Russell) eingebunden, die auf Anweisung die Opfer weiter an Hoffman kommuniziert. Parallel folgen die FBI-Agenten Erickson (Mark Rolston) und Lindsey Perez (Athena Karkanis) neuen Hinweisen, die Hoffman in Zugzwang bringen.

Ohne Vorkenntnisse ist es schwierig der immer komplexer werdenden Geschichte um den Jigsaw Killer und seinen Nachfolgern zu folgen. "Saw VI" knüpft nach seinem Intro nahtlos an Teil 5 an und setzt vorerst die Geschichte um Hoffman fort. In Form der seit Teil 3 häufigen, etablierten Rückblenden wird der Haupthandlungsstrang um viele Aspekte und Details erweitert und die vergangenen Ereignisse teilweise in ein völlig neues Licht gesetzt. Im Gegensatz zu "Saw V" öffnen sich dadurch allerdings keine neuen Löcher, stattdessen werden offene Fragen beantwortet.
Ebenso wie "Saw III" setzt "Saw VI" ein Finale, das die zweite Trilogie an sich beenden könnte. Wäre da nicht bereits ein siebter Teil im Pott hätte es sogar ein stimmiges Finale der gesamten Reihe darstellen können.

Im Grunde beschreitet auch der sechste Teil der renommierten Folterfilmreihe keine neuen Wege. Handlungsstränge werden geschickt mit den Rückblenden ineinander verwoben und treiben mit dem Zuschauer ein Verwirrspiel, dass sich erst gegen Ende völligst lösen soll. Wobei die Auflösung auch diesmal eher vorhersehbar als überaschend ausfällt. Parallel faszinieren die neuen Fallen, die sich zu einem großen Teil bereits voran gegangenen ähneln oder gar 1:1 übernommen wurden, trotzdem aber nicht langweilig werden.
Eine Sache ist aber doch neu. Erstmal beschreibt ein "Saw"-Film eine Moral, die in hierigem Fall das amerikanische Gesundheitssystem angreift und mit zynischem Kommentar über dieses herfällt.

Obwohl die Figuren wie üblich austauschbar sind, entwickeln sie unter dem Aspekt des Überlebenswillens einen kurzen Augenblick der Eigendynamik. Dabei hilft die Tatsache, dass der Versicherungsangestellte William es nicht mit fremden Personen zu tun hat, sondern Menschen die er aus seinem Alltag kennt. Eine Tatsache die auch schon Teil 3 zu einem interessanten sozialen Experiment machte.

Ganz offensichtlich ist der deutlich angehobene Härtegrad, der zumindest zu Beginn und am Ende heftigst ausfällt. Unter den Gewaltspitzen finden sich zwei Kandidaten, die sich das Fleisch vom Körper schneiden, heraus ragende Knochen und Ansichten von zermatschten Torsos oder detailliert entblößten Innereien. Nichts was Gelegenheits-Cinemaisten mal so nebenbei weg stecken. Somit bleibt auch Teil 6 der Reihe eindeutig Fans vorbehalten, die neben den Vorkenntnissen auch auf heftigste Kost vorbereitet sind.

Erneut tretet so ziemlich alles an Darstellern an, was das "Saw“-Universum zu bieten hat. Für Tobin Bell und Shawnee Smith wurden einige Passagen an Rückblenden reserviert und nach allzu träger Darstellung in den vergangenen beiden Teilen geht nun auch Costas Mandylor ("The Cursed") endlich völligst in seiner Rolle auf. Peter Outerbridge ("Land of the Dead") ordnet sich qualitativ in das gewohnt hohe Niveau der Reihe ein, einzig Betsy Russell schafft es nicht ihren Charakter dem Zuseher näher zu bringen, stolziert stattdessen meist mit den gleichen nichtssagenden Gesichtszügen über die Leinwand.

Nur die hin und wieder nicht völligst schlüssigen Story-Twists erlauben offene Kritik an einem äußerst gelungenen zweiten Finale der "Saw"-Reihe. Obwohl auch dieser Teil neben der leisen Kritik am amerikanischen Gesundheitssystem nichts Neues bietet, enthält er die unglaubliche Intensität, die die Reihe so berühmt und berüchtigt gemacht hat, und die wenigen Kritikpunkte vergessen lässt. Die Bilder sind weiterhin getränkt in kaltem Rost, die Tonebene verstärkt fast physisch den Druck auf den Zuschauer. Atmosphärisch lässt "Saw VI" keine Wünsche offen, ebensowenig unbeantwortete Fragen.

10 / 10

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