Review

Es könnte ja fast nur noch eine ermüdende Pflicht sein, alljährlich den neuesten "Saw"-Film zu besprechen, wie eine TV-Serie, die pro Staffel immer nur eine Folge besitzt und aufgrund dessen die Neugier inzwischen blanker Interessenlosigkeit gewichen ist, aber wie das nun mal so schön unlogisch ist: wenn die Fans müde werden und die Einspielergebnisse einbrechen, steigt meistens die Qualität.

In der Tat, "Saw 6" ist zumindest ein bißchen besser als seine zwei Vorgänger, die sich entweder der betont wirren Konstruktion (bzw. nachträglich gesehen: dem Aufbau) widmeten oder nur eine Übergangsepisode boten, dafür aber graphische Gewalt in reiner Form, wenn auch in der bekannten Gußform.
Innovationen sind auch hier nicht zu erwarten, nicht erzählerisch. Es gibt wie immer die Pre-Title-Foltersequenz, dann immer mal wieder etwas Plot, das zentral zu belehrende Opfer, viele Fallen und das engmaschige Netz rund um den jeweiligen Täter, gekrönt von einer recht flotten, repetitiv-moralischen Collage zum Schluß mit entsprechenden fiesen Pointen, alles wie gehabt.
Vielleicht liegt es ja inzwischen auch an den Wiederholungen, daß die ergebensten Fans müder werden, denn in dieser Beziehung, im Aufbau, gleichen sich alle Filme der zweiten Trilogie, die nach Jigsaws/John Kramers Tod spielt und ihn nur noch in Aufzeichnungen, Rückblenden und Erinnerungen auftreten läßt.

Eine der wesentlichsten Schwächen der Serie im momentanen Zustand ist, daß einfach schon zu viele eng Beteiligte haben dran glauben müssen, obwohl einige der Figuren sehr ergiebig gewesen wären - und den sechsten Teil überleben noch weniger davon. War schon im direkten Vorgänger das polizeiliche Katz- und Maus-Spiel der Beamten interessanter als die Fallenparade, so wird das jetzt wieder ins Gleichgewicht gerückt, in dem viele verschiedene Figuren in dem sadistisch-moralischen Plot samt Fallen stecken, deren Beziehungen zueinander aber erst nach und nach ans Licht kommt.
Das Skript bringt den Zuschauer dann auch nicht wirklich weiter, spinnt aber die Fäden von Teil 5 ein Stück weit fort, um dann die meisten Beteiligten in einem Handstreich aus der Welt zu schaffen und beinahe so etwas wie einen Schlußpunkt zu bilden. Die Rolle von Kramers Frau Jill rückt hier noch etwas weiter in den Mittelpunkt, Amanda gibt in Rückblenden noch einmal ein Stelldichein und diverse Szenen verweisen noch einmal auf die Teile 3 bis 5.

Die sollte man aber auch wirklich alle kennen, sonst sagt einem das Beziehungsgeflecht so gut wie gar nichts mehr, um den Rahmenplot auch nur minimal verstehen zu können. Immerhin wird nicht ganz so dreist an den Zeitebenen herumgeschoben und der Zuschauer nicht mehr künstlich per Ebenenkonstruktion aufs Glatteis geführt, dieser Film erweist sich als etwas linearer, fürchtet sich dann am Ende aber doch davor, wirklich Schluß zu machen.
Ziel der wesentlichen Attacken ist diesmal eine Krankenversicherung, deren komplettes Team im Lauf des Films den Löffel abgeben darf, aber, und das ist ein gewisser Qualitätsvorteil, die Grausamkeiten werden nicht mehr ganz so stark zelebriert. Die Fallenbauer sind immer noch sehr einfallsreich, die Konstruktionen wie üblich durchgängig gut, aber man hält nicht mehr mit aller Gewalt so drauf, sondern fokussiert auch ein wenig mehr auf den Hintergrund, die laut-leise Kritik am Gesundheitssystem der Staaten, das die Gunst und das Geld sehr ungerecht verteilt. Auf die Art und Weise kann man dann mit den Figuren, speziell eben dem Leiter der Abteilung, der den Parcours durchlaufen muß, wieder mitfühlen in heiliger Ambivalenz (wo einem die Figuren in Teil 4 und 5 eher nicht so nahe gingen): er ist ein vollkommenes Arschloch, aber das, dem er sich stellen muß, gönnt man ihm nun auch wieder nicht.
Die brutalste Szenen ist und bleibt dann auch der Starter, wo in der Hysterie der Agonie so lange rumgeschrien und an sich herumgesäbelt wird, daß ruckhafte Schnitte das Schlimmste nicht malerisch umkreisen, sondern Distanz zulassen.
Danach ist es fast schon überraschend, daß ausgerechnet in dem Teil die meisten Bluteffekte eher nebenbei serviert werden und relative Ruhe im Bildfluß herrscht, in dem der Cutter auf dem Regiestuhl Platz genommen hat.

Natürlich ist "Saw 6" kein Meisterwerk geworden, aber Kevin Greutert liefert einen soliden und recht geschlossenen weiteren Teil ab, der den Zuschauer nicht vor Unmögliches oder total Abstruses stellt, einen akzeptablen Spannungsbogen halten kann und auf Dauerfeuer mittels optischer Mätzchen und wilder Schnitte (bis auf die Schlußmontage, aber das ist ja Pflicht!) größtenteils verzichtet.
Wenn jetzt noch endlich Costas Mandylor als Killer-Ersatz endlich verschwinden würde, der mit seinem teigig-bedrückten Gesichtsausdruck ständig den Eindruck macht, zwischen Langeweile und extremen Blähungen zu schwanken, könnte aus dem angeblichen Serienabschluß namens "Teil 7" sogar eine runde Sache werden (der Wunsch wird sicher nicht erfüllt). Da aber die letzten Ziele Jigsaws nunmehr bestraft sind, muß man sich für das Finale irgendwas Neues aus dem Ärmel schütteln - oder eben was Altes, was wir inzwischen schon wieder vergessen haben.
Nichts Neues, aber auch kein Ärgernis, das wertet man besser als Fortschritt. (5/10)

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