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In der Morgendämmerung der Menschheit erscheint an einer zwischen zwei Affengruppen umkämpften einsamen Wasserstelle inmitten der Wüste über Nacht ein schwarzer, glatter, rechteckiger Monolith, in der Erde eingegraben, aufrecht in den Himmel weisend. Genau an diesem Tag hat einer der Affen eine neue, denkwürdige Idee: Er benutzt einen Knochen als Waffe, um damit einen Gegner aus der anderen Gruppe totzuschlagen und die Wasserstelle für seine Gruppe zu erobern. Das Überleben der Gruppe wird so gesichert, sie sind die Stärkeren, sie werden die Evolution vorantreiben.

Jahrmillionen später: Auf dem Mond erscheint ebenfalls ein solcher Monolith. Die Menschen, die dort inzwischen eine Raumstation errichtet haben, können nichts damit anfangen. Doch auch diesmal weist der Monolith auf einen neuerlichen Evolutionssprung der Menschheit hin...

Das größte, weil allumfassende Science-Fiction-Thema Evolution war für Stanley Kubrick gerade groß genug, um wieder den Film eines Genres zu erschaffen. Zusammen mit dem Autor des Romans, Arthur C. Clarke, schrieb er das Drehbuch zu „2001 – Odyssee im Weltraum“. Die vordergründige Handlung nach der Entdeckung des Monolithen ist schnell erzählt: 18 Monate nach dem Fund wird eine Erkundungsmission zum Jupiter geschickt. Fünf Astronauten und der neue Supercomputer HAL sind unterwegs, um hinter das Geheimnis des Monolithen zu kommen. Doch während der Reise verselbständigt sich HAL und fängt an, die Astronauten zu töten. Die Frage bei diesem Kampf zwischen Mensch und Maschine ist: Wer wird nun diesen Kampf ums Überleben für sich entscheiden?

Kubrick weitet die an sich doch überschaubare Handlung auf fast zweieinhalb Stunden aus. Und dennoch gibt es kaum Aktion, kaum Dialoge, und die Charaktere bleiben oberflächlich. Das passt zwar zum Thema, da es hier um die Menschheit als Ganzes geht und um nur ganz wenige für deren Zukunft wichtige Einzelaktionen der Protagonisten. Außerdem wird dadurch die durchrationalisierte Welt von morgen demonstriert. Aber was passiert denn alles sonst in diesem langen Film?

Kubrick stellt die Größe des Themas ganz anders und völlig neuartig dar: Er zeigt vor allem Bilder der Zukunft und der Weite des Alls, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, voller Symbolik und Bildmetaphern. Da wäre schon jener berühmte Schnitt vom in die Luft fliegenden Knochen zu den Raumstationen und –schiffen im All, den neuen Werkzeugen des Menschen. In aller Ausgiebigkeit feiert Kubrick deren Schönheit, wie sie sich drehen und wenden und andocken. Später im Film zeigt er beeindruckend die Reise durch Zeit und Raum eines Astronauten in einer Farbenpracht und mit Mustern, die noch Jahrzehnte später den Mund offen stehen lassen. Einfache Mittel darunter erzeugen ein Höchstmaß an Erkenntnis: So verfremdet er Landschaftsaufnahmen von der Erde farblich so stark, dass sie zugleich Fremd- wie Vertrautheit erzeugen.

Aber auch die Aktionen der Menschen werden in aller Ausführlichkeit und allen Schritten gezeigt, langsam, bedächtig – realistisch. In fast allen Science-Fiction-Filmen gibt es, physikalisch blödsinnig, aber zuschauergerecht, Geräusche im Vakuum des Alls. Raumschiffe schnellen da durchs All, Kommunikation ist selbst über Lichtjahre hinweg in Sekundenschnelle möglich. Kubrick, wie immer detailverliebt und pedantisch, lässt die Raumschiffe schweben, die Menschen bewegen sich nur langsam, und die künstliche Schwerkraft wird durch reine Zentrifugalkraft erzeugt. Ausstattung und Technik der Raumstationen und –schiffe werden detailliert dem Zuschauer präsentiert, der bis dahin nichts dergleichen sehen konnte und jetzt tief in eine zukünftige Welt eintaucht.

Treffsicherheit bewies Kubrick auch bei der Auswahl der Musik. Er ließ keinen eigenen Soundtrack unterlegen, sondern bediente sich einiger weniger, bereits vorhandener Stücke. Pathetische, geheimnisvolle Filmpassagen werden untermalt von den flirrenden modernen Klängen Ligetis. Noch faszinierender ist aber die Verbindung Johann Strauß’ berühmtesten Walzers mit den kreisenden Raumstationen und –gefährten. Hier feiert Kubrick nicht die schöne blaue Donau, sondern den schönen blauen Planeten, um den die menschlichen Wunderwerke der Technik tanzen. Genauso perfekt passend ausgewählt ist das pathetisch-bombastische „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss. Großartige, ewige Musik, die mit großartigen, ewigen Szenen verschmilzt.

Der Schluss des Films zeigt den neuen Höhepunkt der Evolution: die Neugeburt der Menschheit in Gestalt eines Einzelnen. Wie genau das passiert und vor allem was daraus folgt, lässt der Film bewusst offen. Wir wissen nur, die Entwicklungsgeschichte ist noch nicht zu Ende, die Evolution schreitet weiter voran.

Bei aller Größe des Themas und aller Macht der Bilder muss trotzdem konstatiert werden, dass Kubrick etwas zu viel schwelgt. Der Film ist zwar zu keiner Minute langweilig, wenn man sich interessiert in den Bilderrausch hineinversetzen lässt, aber an einigen Stellen verlässt Kubrick das Gespür für das dem Zuschauer notwendig Zumutbare und er zeigt zuviel des Guten.

Dennoch: Mit diesem Film als genialer Vorgabe war die Weltraum-Science-Fiction im Kino danach für fast zehn Jahre tot. Dann erst erschien die, allerdings wesentlich primitivere, „Star-Wars“-Saga, die für einen neuen Schub des Genres sorgte. Auch wenn „2001“ nicht unbedingt der beste Science-Fiction-Film aller Zeiten sein mag, der größte und wichtigste bleibt er allemal.

8 von 10 Punkten.

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