Review

Jetzt gibt's mal zwei Reviews in eins, aber für denselben Film:

Wertung für 1968/Filmklassikerwertung:
Ja, Kubricks "2001" ist ein Meilenstein des SF-Films, betrachtet man ihn erzählerisch und in der technischen Umsetzung. In dem bis dato meist für Abenteuer/Alien-Kampf mißbrauchtem Genre, bietet der Film eine beinahe penibel realistische Bebilderung einer möglichen Zukunft.
Die Eroberung und Erforschung des Mondes, die Reise zum Jupiter, der Umgang mit dem Raumschiff, das ist alles nicht sensationsheischend, sondern schlichtweg eine optische Sensation. Hier wirkt wirklich alles schwerelos, Leben im All der Schwerkraftlosigkeit entrungen. Futuristisch mit Gegenwartsbezug. Die Stewardessen und Astronauten bewegen sich scheinbar auf allen Ebenen, an der Decke entlang, die Kühlkammern sind realistisch, die Arbeit mit den Raumfähren der Vorsicht gemäß extrem langsam, das Atmen der Astronauten in ihren Anzügen authentisch.

Man merkt Kubrick die Freude der detailversessenen Umsetzung an. Eingebettet ist das alles in eine nicht zu sehr betonte, aber dennoch superintensive mystische Story rund um die schwarzen Monolithen, die außerirdischen Ursprungs sind.
Der Prolog in der Urzeit bringt uns den Einfluß der Monolithen auf die Entwicklung des Menschen nahe, in der Zukunft schließlich hat man einen weiteren auf dem Mond ausgegraben, der ab dem Moment, als Sonnenlich auf ihn fällt, ein Signal gen Jupiter sendet, woraufhin man dorthin reist, um den Ursprung zu erforschen.
Kubrick beschreibt die Menschheit unter Aufsicht von höheren, wenn nicht göttlichen Wesen, die mittels der schwarzen Steine Kontakt mit uns aufnehmen und uns lenken oder beeinflußen.

Die besondere Atmosphäre stellt sich dabei in den meisten Fällen über die Tonspur ein, auf der in den Monolithenszenen ein gottgleiches Singen/Raunen zu vernehmen ist, das einem die Nackenhärchen aufstellt und den Zuschauer in einen Zustand der Unsicherheit und Unruhe versetzt. Bei all dem wird auf die Story an sich aber weniger Wert gelegt, da die Bilderflut zwar an der Story festgemacht ist, sich aber teilweise nur am Rande um sie dreht.

Hier wird offensichtlich mehr eine Zukunftsvision abgefilmt, die in einer der phantastischsten Sequenzen der Geschichte mündet, wenn der überlebende Astronaut Bowman in einer Flugkapsel sich in der Jupiterumlaufbahn dem dort plazierten Monolithen nähert (ev. in ihn hineinfliegt) und in einen Farbenwirbel der psychedelischen Art hineinjagt. Der Mensch gelangt sozusagen zu den Göttern, was auch die rätselhaften letzten Sequenzen belegen, die so ausgelegt sind, daß Bowman in der Göttersphäre ankommt, dort empfangen wird. Ihm erscheint dort die Umgebung wie für Menschen geformt, obwohl er sich in diesem anderen Kontinuum selbst altern sieht, ehe er am Ende seine Wiedergeburt als Sternenkind erlebt.

Die Schlußsequenz kann einem die Schuhe ausziehen, doch auch schon vorher gibt es reichlich zu staunen, wenn die Mondfähre sich zu den klassischen Klängen von "An der schönen blauen Donau" einer Raumstation nähert, der Alltag an Bord eines runden Raums geschildert wird, Bowman Poole mit der Kapsel birgt oder anschließend den Bordcomputer außer Gefecht setzt. Bei vielen dieser atmosphärisch-spannenden Sequenzen unterstützt jedoch kein Score die Wirkung, vielmehr herrscht um den Zuschauer die eisige Stille des ewigen Weltraums, eine Verlorenheit und Beklemmung, die sich von der Leinwand aus auf alle überträgt.

Latent angeschnitten werden dabei immer noch nicht gelöste politische Differenzen zwischen Rußland und den USA (ein Thema, daß "2010" noch vertiefen wird), doch ist das mehr Begleitmaterial und Grundlage, als wirklich wichtig. So gerät der Film zum größten Mysterium, der zu allerlei Spekulationen einläd, ein visuelles Meisterwerk, daß seiner Zeit deutlich voraus war.

Wertung für 2002/ The Year after:

Was bleibt uns heute von "2001", wo uns die Realität inzwischen eingeholt hat. Lassen wir die tatsächliche Entwicklung mal außen vor, obwohl wir sagen müssen, daß Kubricks Realitätssinn auch heute noch maßstäblich für die Raumfahrt ist. Kaum etwas ist an Bord, daß heute nicht vielleicht doch noch so gemacht werden würde.

Auch als visueller Trip hat der Film nichts von seiner Wirkung verloren, wenn man den Film im historischen Bezug betrachtet. Einbußen hat er jedoch auf der erzählerischen Seite erlitten. Denn die Story ist sichtlich ein Schwachpunkt für meine eigenen Maßstäbe. Die spannende SF-Handlung, das Alien-Mysterium ist und bleibt unterentwickelt, es gibt nur Spekulationen, keinerlei Schlüsse können definitiv gezogen werden. Die Monolithen-Szenen sind rückblickend vergleichsweise kurz, niemand hat Erkenntnisse, die Zuschauer dürfen raten. Bezeichnend dabei die Aufzeichnung im Computer-Inner-Sanctum als Bowman HAL ausschaltet, die ihn über Sachen aufklärt, die selbst nicht ganz klar sind. Hier blendet Kubrick früh ab und das darauf folgende Kapitel "Jupiter und dahinter die Unendlichkeit" läßt uns völlig im Dunkeln über Motive des Handelns bei Bowman, es zeigt nicht deutlich, was geschieht, es wirft uns Brocken hin, als könnte der menschliche Verstand das nicht fassen. Ziel erreicht und damit käme ich noch klar.

Fakt ist aber, daß die Erzählweise deutlich zu langsam für heutige Verhältnisse ist. Nicht selten hört man das Attribut "langgezogen" in Verbindung mit dem Film. Viele Szenen und Sequenzen wirken unendlich in die Länge gezogen, sei es das Alltagsleben an Bord, die Gespräche über Television, das Starten der Raumkapseln, der Anflug auf die Raumstation und den Mond. Da geschieht bisweilen minutenlang gar nichts neben der Bilderflut, die uns nur das All (und meistens eine bestimmte langsame Bewegung) zeigen. Geduld ist angesagt und die Gehalt-Erwartungen sollte man auch zurückschrauben, denn was "2001" storymäßig erzählt würde ohne Probleme in eine einzige Stunde passen. Überhaupt ist der Film ein Wunder der Stille, denn bei über zwei Stunden Laufzeit gibt es gerade mal eine halbe Stunde Dialog (wenn überhaupt von Dialog die Rede sein kann).

Wären nicht die wunderbar-rätselhaften Bilder und die Tonspur, "2001" wäre ein praktisches Schlafmittel, aber das Visuelle rettet eben so manches. Ich selbst bevorzuge "2010", der die bisweilen gleiche Wirkung erzielt, sie aber in einer strukturierteren und schlüssigeren Geschichte erzählt, wenn auch der "Deus ex Machina"-Effekt am Ende oft kritisiert wurde.
Das hier bleibt ein schwer zugänglicher Meilenstein und wenn man ihn auch ehrlich bewundert und verehrt wird es kein Film sein, den sich ein Fan in regelmäßigen Abständen zur Unterhaltung ansieht. (9/10)

Details
Ähnliche Filme