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Jan Dara - Der ewige, elende Kreislauf

„Internationale Filmproduktionen sind wie Ballsaaltänze. Man tanzt zusammen, aber man tanzt verschiedene Rhythmen. Es braucht seine Zeit, bis man sich auf seinen Partner eingestellt hat“, rekapituliert Duangkamol Limcharoen mit der Weisheit von 15 Jahren im Filmgeschäft. Es gäbe kein Handbuch zur Meisterung der Herausforderung, der sich Applause Pictures und Cinemasia gestellt hätten. Um so stolzer ist sie nun, die gestandene Film- und Fernsehproduzentin, dankbar für die Erfahrung und froh, dass sie gemeinsam mit Nonzee Nimibutr Cinemasia ins Leben gerufen hat. Mit „Jan Dara“ ist ihnen ein ganz großartiger Einstand gelungen.
Nimibutrs „Jan Dara“ ist die Adaption eines seit seiner Veröffentlichung in Thailand heftig umstrittenen Romans. Als er - dessen Worte man nach der Sensation „Nang Nak“ in Thailand nicht mehr überhören kann - ankündigte, er würde sich mit seinem nächsten Projekt dem skandalbefrachteten „The Story of Jan Dara“ von Utsana Pleungtham widmen, glaubten sich konservative Kritiker Nimibutrs erneut bestätigt. Nach der albernen Gewaltverherrlichungskontroverse um das Debüt „2499: Dang Bireley’s Young Gangsters“ waren sie wohl niemals verstummt, doch so wohltuend ignoriert worden. Nun titulierten sie Nonzee Nimibutr wieder lautstark einen Verderber der Jugend, dessen Moralverständnis durch seine penetrante Suche nach kommerziell vielversprechenden Stoffen erheblich korrumpiert sei. Nonzee Nimibutr, der erneut das Team seines Kassenschlagers „Nang Nak“ um sich versammelt hat, möchte das kommerzielle Potential des Stoffes nun auch gar nicht leugnen. „Jan Dara“ ist einer der erfolgreichsten Romane Thailands. In einer sexuell verklemmten, durch für Außenstehende kaum zu durchschauende Tabus geprägten Gesellschaft, die Thailand konträr zu den populären Images von freizügigem Sex und pompösen annualen Miss Gay Krönungen im Kern immer noch ist, liegt die Ursache dieses Erfolges als auch der Kontroverse vor allem im sexuellen Gehalt des Romans. Pornographie nannten konservative Kritiker das Werk und versuchten ein Verbot durchzusetzen. Versteht man nun Pornographie in diesem Falle eher metaphorisch, nähert man sich der wahrscheinlicheren Ursache der Empörung. Denn die Werte, die die Kritiker zu schützen vorgeben, werden durch Utsana Pleungtham als bigotte Fassade von einer bis in den Kern faulenden Gesellschaft gerissen, der man die Kunde von ihrer Unheilbarkeit höchstens etwas schonungsvoller hätte beibringen können. An der Sache hätte dies freilich nichts geändert.
Allen haltlosen Vorwürfen zum Trotz, profiliert sich Nonzee Nimibutr mit seiner Version dieses Romans, die doch deutlich auf den dramatischen und nicht den sexuellen Gehalt der Geschichte gewichtet, als der Moralist, als den man ihn schon nach seinem Debüt hat verstehen müssen. Und auch „Jan Dara“ ist wie schon „Dang Bireley“ und „Nang Nak“ eine beeindruckende Illustration buddhistischer Dogmatik. Jan Dara ist ein Gefangener eines schicksalhaften Kreislaufes. Nicht linear verläuft seine Geschichte, er muss sein Leben schließlich als einen elenden Zyklus erkennen, der sich wie ein unvermeidlicher Fluch in genau den Punkten schliesst, die er sein ganzes Dasein lang vermeiden wollte. Jeder Weg, den er eingeschlagen, jede Hoffnung, die er gehegt hat, sind trügerische Illusionen gewesen. Aber auch jenseits dieses Verständnisses, funktioniert die Geschichte auf der Ebene der Alltagsgewissheit, dass sein Umfeld unabdinglich den Menschen formt. Sie funktioniert als Kritik an ein archaisches, abgeschlossenes Gesellschaftssystem, das „Verfluchte Bastarde“ (denn nichts anderes bedeutet, der Name des ungeliebten Protagonisten) gebiert, sie mit einem Fluch belegt, dem sie zeitlebens nicht entrinnen können. Doch der Anstand verbietet es darüber zu reden.
Immer wenn ihn der Vater schlug, ihn beschimpfte, erniedrigte, quälte, hat Jan gehofft, dieser Mann wäre nicht sein wirklicher Vater. Seit er zurückdenken kann, bekam er die Schuld eingeprügelt, die Schuld dafür, dass seine Geburt der Mutter das Leben gekostet hat. Das erste Bild, seine älteste Erinnerung jedoch, ist der Vater, der die Tante Waad fickt. Es waren immer sehr viel Frauen im Haus von Khun Luang, dem Beamten, der sich aus Trauer um die geliebte Frau hat pensionieren lassen, der ihr sogar einen Gedenkschrein gebaut hat. Von den vielen Frauen, die kamen und gingen, ist nur die Tante Waad geblieben. Sie hat sich um Jan gekümmert, fast wie eine leibliche Mutter, dem Widerwillen Khun Luangs zum Trotz, auch noch als sie Khun Luang eine eigene Tochter gebar. Tante Waad war die gute Seele des Anwesens, von einer unendlichen Güte und Geduldsamkeit. Sie verteidigte Jan und akzeptierte, dass immer noch Frauen kamen und gingen, und eine, die Tante B. - verkörpert durch Hongkong Actress Christy Chung - sogar ein eigenes, neu errichtetes Haus auf dem Anwesen von Khun Luang bezog. Und Tante Waad war es auch, die Jan nach vielen Jahren das Geheimnis seiner tatsächlichen Herkunft verriet. Doch die Gewissheit, dass der brutale Khun Luang nicht sein Vater ist, wurde getrübt von der Erkenntnis, dass die Wahrheit mitnichten angenehmer ist. Die Zeugung Jans war eine Vergewaltigung. Um die Schande für die Familie der schwangeren Vergewaltigten abzuwehren, hatte der Patriarch eine Vermählung der Tochter mit dem angesehenen Beamten Khun Luang arrangiert, der für seinen Großmut u.a. das Anwesen der Brautfamilie in Bangkok erhielt. Jan konnte sich nun erklären, woher der Hass des vermeintlichen Vaters rührte, worin auch die Ursache für den Widerspruch zwischen der dem Haushalt verordneten mehrjährigen Trauer um die Gattin und der sexuellen Aktivität des Khun Luang begründet lag.
Zum Ende der 30er Jahre lebt Jan schon seit geraumer Zei in Pijit, dem Geburtsort seiner Mutter. Die Vergangenheit glaubt er hinter sich. Er ist sich sicher, nie mehr mit Khun Luang zu tun haben zu müssen. Doch eines Tages reist Tante Waad an, mit einer eindringlichen Bitte an Jan, die er ihr nicht abschlagen darf. Die Tochter von Khun Luang und Tante Waad, die recht niederträchtige Kaew, die den Hass des Vaters auf Jan anerzogen bekommen hat, muss sofort heiraten. Die junge Frau ist schwanger und ganz offensichtlich versucht man einen großen Skandal zu verhindern. Der einzige, der für die Heirat in Frage zu kommen scheint, ist Jan. Jan willigt ein. Er heiratet Kaew und der Besitz wird ihm überschrieben. Noch in der Hochzeitsnacht kann er den Reizen einer jungen Kellnerin nicht widerstehen. Warum sollte er auch, die Ehe mit Kaew ist reine Fassade...
Immer offensichtlicher lebt Jan das Leben Khun Luangs. Nun ist es nicht so, das dies ihm nicht auffällt. So erschrickt er durchaus vor sich selbst, als er feststellt, dass er seine flüchtige Bekanntschaft in der Hochzeitsnacht unter dem Ölporträt seiner Mutter genommen hat, aber er unternimmt keinen konkreten Schritt aus dem Kreislauf, welcher ihn so merklich immer näher an das Schicksal Khun Luangs bindet, der nach einem Schlaganfall - er sah Tante B. in schwitzendem Akt mit Jan Dara - inzwischen mehr tot als lebendig ans Bett gefesselt ist. Einmal noch sammelt Jan seine Hoffnung, macht sich auf Hyacinth zu suchen, das Mädchen, das so rein war, das er nicht wie gewöhnlich mit seinem Freund teilen wollte, das Mädchen, dass er geliebt hat. Das Haus ihrer Familie steht leer, verfallen, als sei es seit Jahrzehnten nicht bewohnt gewesen. Und er erfährt, dass die Familie verzogen ist, nachdem das Mädchen wohl an Typhus verstorben ist. Es scheint so lange her, beinahe unwirklich. Vielleicht war es nur eine Illusion.
Mit „Jan Dara“ hält Nonzee Nimibutr seinen Kritikern und auch denen Utsana Pleungthams den Spiegel vor, in dem diese selbst ihren eigenen verheuchelten Blicken nicht standhalten. Denn keiner in diesem Gesellschaftsgemälde ist unschuldig, so unschuldig, dass er sich wagen dürfte Steine zu werfen.
Geht es jedoch um die Verteilung von Sympathien, so gebührt sie den starken Frauenrollen der Tanten Waad und B. Letztere ist die mondäne aus dem malaysischen Penang zugereiste Geliebte des brutalen Hausherren Khun Luang, die Veränderung, Offenheit und ein nur zu deutliches Desinteresse für die Traditionen ihrer neuen Heimat mit sich bringt. Nur zu offensichtlich ist der gebildeten und belesenen Frau, dass die Traditionen selbst nur Tradition sind, und darüber hinaus durch kaum mehr zu rechtfertigen sind, als dass sie der Gesellschaft eine hohle Fassade geben. Konsequent wird sie niemals Teil dieser Gesellschaft und residiert in einer eigenen Villa, die nur für sie errichtet wurde. Tante Waad, die nach dem Tod der Mutter aus deren Heimat Pijit kommt, um eine von denen zu sein, die Khun Luang die bei der Geburt des Jungen Jan Dara verstorbene Frau ersetzen, ist die Versinnbildlichung des grundlegenden buddhistischen Dogmas des Mitgefühls. Dem Hass Khun Luangs, und dem Hass der gemeinsamen Tochter Kaew zum Trotz, bekümmert sie sich mütterlich um den geschundenen Jan Dara. Sie praktiziert das Mitgefühl, um das Jan Dara im Finale des Films seine unsichtbaren Zuschauer bittet, Mitgefühl für den weder alten noch jungen Mann, von durchschnittlicher Größe, durchschnittlichem Intellekt, den Mann von Nebenan. Mitgefühl macht Täter nicht zu Opfern, aber es kann verhindern, dass sie Täter werden. Täter wie Khun Luang, Täter wie seine wirklichen Väter, die hinter dem Entführer dreinzogen, um seine Mutter zu retten, Täter wie er selbst. Tante Waad ist schliesslich die einzige, die sich aus dem Teufelskreis, in dem sich alles Übel einer Generation in der nächsten reinkarniert, lösen kann. Für Jan Dara ist ihr Brief aus dem Kloster so wichtig, dass er ihn vor seinem Publikum erwähnt. Ob er selbst noch eine Ausweg findet, das lässt der Film offen. Er schliesst damit, dass Jan Dara in rührenden Überblenden langsame Schritte vorwärts macht und dabei mit jedem Schritt jünger wird. Bis er wieder das Kleinkind ist, das unschuldig lächelt, das noch nicht weiss, das der Vater es hasst, das den Hass noch gar nicht kennt.

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