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Mit "Giulietta degli spiriti" hat Fellini die Tendenzen aus "La dolce Vita" (1959) und "Otto e mezzo" (1962) konsequent fortgesetzt um ein Werk zu kreieren, das von Anfang bis Ende durchgängig das liefert, was gemeinhin als "fellinesk" umschrieben wird: zu Nino Rotas beschwingter Musik läuft ein Bilderreigen ab, der skurrile Figuren, absonderliche Gesichter, phantasievolle Ausstattung, Zirkusmotive in satter, penibel durchdachter Farbgestaltung präsentiert.
Die weitestgehend realitätsnahe, aktuelle Milieuschilderung seines Frühwerkes, die sich in seinem ersten Meisterwerk "La dolce Vita" mit einer überbordenen Phantasie in orgiastischen Parties der höheren Gesellschaft ergeht - darin den Filmen Antonionis nicht gänzlich unähnlich, der etwa in "La Notte" (1960) ganz ähnliche Formen des Ausfüllens einer Leere aufweist, die eine Gesellschaft überkommen hat, der sich die Probleme der Kriegs- oder frühen Nachkriegszeit nicht mehr stellen - und die in "Otto e mezzo" eher nebensächlich in der Sicht auf den Filmbetrieb liegt, während es in erster Linie um das Innenleben des Protagonisten geht, gerät in diesem Film Fellinis vollends zum bloßen Zweck, der es Fellini erlaubt, sich visuell auszutoben.

Die Hauptrolle spielt - einmal mehr - Fellinis Lebensgefährtin Giulietta Masina, die hier [Achtung: Spoiler!] ein Upper Class Hausfrau abgibt, die dennoch nicht ausgefüllt ist. Infolge einer spiritistischen Sitzung, bei der ein Geist ihre ihre Belanglosigkeit bestätigt, wird sie ihre Selbstzweifel nicht mehr los - ebensowenig wie die Geistererscheinungen, die sie zuletzt in ihrer Kindheit wahrgenommen hat.
Als sie in ihrem Gatten schließlich einen Fremdgänger vermuten muss - ein Eindruck, den Fellini durch Szenen wie die Stierkampf-Nachahmung, bei der ihr Ehemann den Stier gibt und auf sie losgeht, unterstützt - beginnt ihr Kampf um Eigenständigkeit und Selbstvertrauen.
Anfänglich erfolgt der Versuch, dieses zu erlangen, über die Inanspruchnahme der Hilfe von Esoterikern und Spiritisten, und auch ihren Geistererscheinungen schenkt sie Glauben. Die Ratschläge fallen recht eindeutig aus und entsprechenden im Prinzip denen ihrer eigenen Mutter: mehr Schminke, mehr aufreizende Wäsche, mehr von diesem und jenem um dem eigenen Mann zu Gefallen.
Ähnlich fällt auch die Hilfestellung einer lange gemiedenen Nachbarin (Sandra Milo) aus - eine männerfressende, sich jedem Genuss hingebende Schönheit, die sich in ihrem Haremsartigen Anwesen zur Halbgöttin stilisiert und in Anwesenheit ihres Verlobten von Verehrern umschwärmen lässt und regelmäßig Orgien veranstaltet. Bei ihr kommt zum bloßen Erhalt und der Überbetonung ihrer Schönheit jedoch noch hinzu, dass sie über eine natürliche Ausstrahlung, Selbstsicherheit, ja Dominanz verfügt, wodurch sie klarstellt, dass sie all dies nicht einem Mann zuliebe, sondern für sich selbst veranstaltet.

Milo tritt darüber hinaus in zwei weiteren Rollen auf: Sie ist als Iris auch eine der Geistererscheinungen und eines der Erinnerungsbilder Giuliettas, nämlich eine junge Zirkusartistin, mit der ihr Großvater, ein Lehrer an einer Klosterschule, einst durchgebrannt ist. Und diese Erinnerungsbilder sind es schließlich, die letztlich Giuliettas neues Selbstverständnis bewirken.
Wie einst ihr Großvater, der mit den Traditionen der Klosterschule völlig gebrochen hat und seines Amtes enthoben worden ist, befreit auch sie sich vom Regelwerk, das ihr dort in repressiven Erziehungsmethoden eingeimpft worden ist. Dieser Schritt, das Aberkennen der Autorität, bei kirchlichen und erzieherischen Institutionen (einschließlich der eigenen Mutter), führt letztlich den Neuanfang herbei, bei dem auch die sie immer mehr plagenden Erscheinungen verlassen. Ihrem Mann ist sie damit ebenbürtig und schreitet am Ende durch die Tore ihres Anwesens in eine Freiheit ohne häusliche Fesseln.

Dem Aufdecken des Seitensprunges ihres Mannes wird verhältnismäßig wenig Raum geliefert, was letztlich nur konsequent ist, besteht darin schließlich nicht ihr eigentliches Problem - es ist eher ein Symptom.
Der Film ist weniger ein Ehedrama als Emanzipationsgeschichte einer Selbstfindung. Nicht ganz zu Unrecht wird er mehrfach auch als weibliches Gegenstück zu "Otto e mezzo" wahrgenommen. Auch auf formaler Seite gibt es da viele Gemeinsamkeiten: point of view shots durchziehen beide Filme, beide Filme leben von der Visualisierung der Erinnerungen und Tagträume ihrer jeweils zentralen Hauptfigur und nicht zuletzt hegt auch Guido Anselmi (Marcello Mastroianni) im Vorgänger die Hoffnung, durch die spiritistische Begabung seiner Schwester ("Rosella, wo sind deine Geister?") etwas Licht ins Dunkel seiner Schaffens- und Identitätskrise zu bringen.
Dadurch freilich bekommt "Giuliette degli spiriti" den etwas faden Beigeschmack eines schlichten Nachfolgers, der den Erfolg von Fellinis künstlerischem Höhepunkt ausreizen und durch spektakulären Farbeinsatz noch übertreffen will.
Was die Farbdramaturgie betrifft, kann man Fellini hier ein hohes Maß an Sensibilität zugestehen. Nach seiner (erschreckend schwachen) Episode für "Boccaccio 70" (1962) handelt es sich hierbei immerhin um seinen ersten Farbfilm, der - sichtbar beeinflusst vom Werk eines Mario Bava, das vor allem im Beitrag für "Tre Passi nel Delirio" (1968) und in "E la nave va" (1983) deutlich anklingt - zum beeindruckendsten Einsatz von Farbe neben Pasolinis Beitrag für "Le Streghe" (1967) und Antonionis "Il Deserto rosso" (1964) im italienischen Kino der 60er Jahre zählen muss. Dass er dabei hin und wieder in zuckersüßen, bonbonfarbenen Kitsch abzurutschen droht (die Neigung zum Kitschigen wird bei Fellini fortan immer wieder mal auftauchen, und nicht immer mehr oder weniger gelungen in den Gesamteindruck integriert werden), dürfte den einen oder anderen Zuschauer trotz hohen handwerklichen Geschicks dennoch verschrecken.
Vor dem Hintergrund des Kitsches ist auch die extreme Überzeichnung einer High Society interessant, die aufgrund überstilisierter Kulissen letztlich (nicht in ihrer Einstellung, sondern in Fellinis Darstellung) vollkommen wirklichkeitsfremd wirkt und demnach völlig am Ziel vorbeischießt. (Auch hier hätte Umberto Eco wie über "Ginger et Fred" (1986) urteilen können, dass ein "So sind wir doch gar nicht" jeden Anflug von satirischer Gesellschaftskritik völlig zunichte macht.) Bisweilen gelingen ihm dadurch aber auch einige sehr verstörende Sequenzen, etwas die düstere Theateraufführung in der Klosterschule, bei der Demut und ritualisierte Kommunikation derartig zugespitzt werden, dass hinter den tiefen Kapuzen der Nonnen niemals ihre Gesichtbar sichtbar werden; oder der Besuch beim Medium Bhishma, der durch Farbgebung, Bildkomposition und Geräuschkulisse beinahe Lynchsche Züge annimmt.

Was dem Film auch etwas schadet ist die Unentschiedenheit Fellinis, die Ereignisse entweder als Metapher für psychologischer Vorgänge oder aber als tatsächlich übersinnliche Phänomene zu präsentieren. Er schwankt dort sehr beliebig hin und her und zwar nicht so, dass man letztlich eine oder die andere Lesart auf den gesamten Film anwenden könnte (was daraus ein Musterbeispiel phantastischen Erzählens nach minimalistischen Kritikpunkten machen würde), sondern auf eine Art, die in einer Szene die eine Auslegung recht eindeutig nahelegt, in einer anderen hingegen wieder die andere... Damit gelingen ihm weder ein überzeugendes phantastisches Konzept, noch - wie in "Otto e mezzo" - eine Visualisierung innerer Vorgänge, denn der spiritistische, esoterische Touch verwässert diese Möglichkeit unrettbar.

Letztlich bleibt ein auf formaler Ebene beeindruckender Film zurück, der inhaltlich durchaus noch über dem Durchschnitt anzusiedeln ist, seine Möglichkeiten jedoch teilweise verspielt; die Tendenz späterer Filme, inhaltliche Aussagen im Zweifelsfalle der formalen Seite eher unter- statt überzuordnen klingt hier erstmals an.
Schwächere 8/10.

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