Review

Als Begründer der Psychoanalyse hätte Sigmund Freud an diesem Fall gewiss reichlich Spaß gehabt, denn der holländische Regisseur und Autor Tom Six scheint offenbar einige Erlebnisse aus seiner oralen als auch analen Phase kompensieren zu wollen.
Anders lässt sich zumindest nicht seine Grundidee deuten, bei der aus drei menschlichen Opfern, die im wahrsten Sinne des Wortes die Arschkarte gezogen haben, eine Art Tracheentier gestaltet werden soll.

Genauer gesagt handelt es sich um einen menschlichen Tausendfüßler, den der verrückte deutsche Chirurg Dr. Joseph Heiter (Dieter Laser) aus den drei Leidtragenden kreieren will.
Zunächst betäubt er einen holländischen Trucker, dann fallen ihm die New Yorker Girlies Lindsay und Jenny in die Hände, bis er zuletzt den Japaner Katsuo an der Betäubungsangel hat.
Nach der Operation stelle man sich diese Gestalt wie folgt vor: Alle drei hintereinander auf Knien, die vordere Figur ist am Anus mit dem Mund der mittleren Figur verbunden, welche wiederum am After mit der hintersten Gestalt verbunden ist, das heißt: Das vordere Opfer kann sich wenigstens noch verbal artikulieren, während die hintere immerhin noch ungestört kacken kann, - die in der Mitte trifft es definitiv am härtesten.

Man sollte sich diesen Gedanken auch gar nicht so lange auf der Zunge zergehen lassen, zumal das kein Film fürs kuschelige Beisammensein mit lecker Schokoladenpudding darstellt. Vielmehr erinnert das Konzept an eine mutlose Variante der Reihe um „Guinea Pig“, die fast gänzlich ohne Splatter oder expliziten Skandalszenen auskommt, denn beileibe würde wohl kaum ein ernstzunehmender Darsteller am Poopy des Kollegen rumlutschen wollen.
Insofern ist nachvollziehbar, dass nach so einer komplexen Operation alle Wunden in Ruhe verheilen müssen, weshalb über entsprechende Körperteile weiße Tücher befestigt sind, - soviel Anstand behielt Tom Six dann doch noch.

Ansonsten macht er wenig Trara aus seiner überaus bizarren Prämisse, die ohne größeres Budget auskommt: Ein geräumiges Haus mit internem Schwimmbecken und eine Handvoll brauchbarer Darsteller, - mehr war nicht notwendig.
Im Sinne der Dramaturgie konzentriert sich die Vorgeschichte lediglich auf die beiden weiblichen Touristen, die klischeebedingt mit dem Auto im abgelegenen Wald stranden und bei der Suche nach Hilfe prompt bei unserem selbstherrlichen Misanthropen („I don´t like human beings“) stranden, der das rasch gereichte Glas Wasser natürlich vorher mit einer Betäubungspille vermengt.
Da kommt ein kurzer Rettungsversuch natürlich einigen rar gesäten Spannungsmomenten zugute, denn mitfiebernd gestaltet sich die Chose allenfalls während der letzten Minuten, als dem Geschehen zwei Polizisten hinzugefügt werden.

Bis dato steht Dr. Heiter nahezu allein im Fokus, was der halbwegs erfahrene TV-Darsteller Dieter Laser glaubhaft und gleichermaßen charismatisch bewerkstelligt, zumal er für die Rolle des finsteren Arztes treffend besetzt ist.
Zwar muss man ab und an schmunzeln, wenn sein Englisch ein wenig hölzern klingt und von deutschen Wutausbrüchen („Scheiße, das gibt’s doch nicht…“) unterbrochen wird, doch seine Ausstrahlung unterstützt die eiskalte, fast schon beklemmend sachliche Stimmung adäquat, welche ferner von dumpfen Hüllkurven treffend unterlegt wird.

Inhaltlich treibt Six seine provokante Grundidee jedoch nur schwer voran.
Über die Beweggründe von Frankensteins legitimen Nachfolger erfährt man nur Bruchstückhaftes, denn der Kerl hat augenscheinlich ein Faible für siamesische Zwillinge und betrieb kurz zuvor Operationen an drei Hunden, die mittlerweile in seinem Garten beerdigt sind.
Mit Dialogen hält sich die Geschichte ohnehin zurück, da wären ein paar Unterhaltungen unter den Opfern (sofern anatomisch noch möglich…) hilfreich gewesen oder zumindest mal so etwas wie ein Flashback mit einem Schwank aus der Jugend unseres Kurpfuschers.

Da hat also mindestens einer den Pöter besonders weit offen, doch Gorehunde oder Freunde analen Fetischs sollten sich nicht mit zu starken Hoffnungen auf die kranke Chose stürzen.
Klar tun einem die Opfer leid, doch andererseits führt dieses skurrile Bild der drei knienden Leutchen auf dem Boden auf Dauer eher zu leichtem Schmunzeln, da weitere Folterungen ausbleiben und Rettungsversuche aufgrund der ungünstigen Stellung eher auszuschließen sind.

Ist mal was anderes, könnte man lapidar resümieren, wobei die Grundidee tatsächlich für einige Zeit eine bedrückend kranke Atmosphäre verbreitet, doch mit zunehmenden Verlauf geht die skandalträchtige Wirkung häppchenweise verloren, denn es flutscht nicht wie Zäpfen, noch geht einem im Zuge des Mitfühlens der Arsch auf Grundeis…
Knapp
4 von 10

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