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Als bekannt wurde, dass der niederländische Regisseur Tom Six („Gay“) in niederländisch-britischer Koproduktion mit „The Human Centipede (First Sequence)“ im Jahre 2009 einen Horrorfilm gedreht hat, in dem ein irrer deutscher Arzt einen menschlichen Hunderfüßer erschafft, indem er menschliche Opfer Mund an Arsch aneinander näht und die Möglichkeit, dadurch einen geschlossenen Organismus zu gewinnen, auch noch wissenschaftlich bestätigt worden sein soll, setzte sich eine größere Hype- und Gerüchtemaschinerie in Gang, die einen derben Sicko versprach und (nicht nur) die Horrorgemeinschaft neugierig machte.

Der Arzt mit dem klangvollen Namen Dr. Heiter (Dieter Laser, „Operation Ganymed“) drängt nach einem Experiment mit drei Hunden darauf, es mit drei Menschen zu wiederholen: Sie sollen aneinander genäht werden, wobei das mittlere Glied sich davon ernährt, was das vordere ausscheidet und das hintere davon, was daraufhin bei ihm noch ankommt. Einen asiatischen Touristen (Akihiro Kitamura) hält er sich hierfür bereits im Keller und so kommt es ihm gerade recht, dass die beiden Ami-Schicksen Lindsay (Ashley C. Williams) und Jenny (Ashlynn Yennie) an seine Pforte klopfen, nachdem sie sich hoffnungslos verfahren haben...

Six’ Film zeigt zu Beginn eine triste, düstere, verregnete deutsche Einöde, in der die hilflosen beiden Touristinnen einem widerlichen Lustmolch begegnen, der sie, statt seine Hilfe anzubieten, verbal sexuell belästigt. Zunächst freuen sich die beiden daher, auf Dr. Heiter zu treffen, doch kommen sie sprichwörtlich vom Regen in die Traufe, da es sich bei ihm eben um einen größenwahnsinnigen Irren und vielleicht sogar einen Nazi handelt. Soweit das Bild, das Six von Deutschland zeichnet und damit liebgewonnene Klischees, die nicht eines gewissen Wahrheitsgehalts entbehren, bedient. Seine ruhigen Bilder, frei jeder Hektik, tauchte er in einen matten Graufilter, der die atmosphärische Tristesse unterstützt. Positiv fällt auf, dass man sich die Mühe machte, die Sprachbarrieren aufzuzeigen, indem Dr. Heiter als einziger deutsch spricht und versteht, wenn er sich nicht gerade mit deutschem Akzent auf englisch mit seinen Versuchskaninchen unterhält. Lindsay und Jenny sprechen englisch und der Japaner japanisch. Dieses Sprachwirrwarr sorgt für erhöhte Authentizität und wird entsprechend untertitelt.

Bald allerdings machen sich die Schwächen des Films bemerkbar: Da man von vornherein weiß, worauf die Handlung hinauslaufen wird, machen sich starke Längen breit. Mühsam dehnt sich „The Human Centipede (First Sequence)“ auf seine Laufzeit, veranstaltet Katz- und Mausspielchen zwischen dem Doktor und dem lieben Vieh und lässt sich Dr. Heiter grundsätzlich in pseudo-bedeutungsschwangerem Zeitlupentempo bewegen – was ungefähr so gut zusammenpasst, wie es sich anhört. Um für die Opfer Mitgefühl aufbauen zu können, lernt man sie viel zu wenig kennen, sie bleiben so gut wie gar nicht charakterisiert und schlicht uninteressant. Ob man den No-Name-Darstellern nicht mehr zutraute? Als es dann endlich soweit ist und Heiter zu Nadel und Faden greift, macht sich allein schon aufgrund der aufgebauschten Erwartungshaltung Ernüchterung breit: „The Human Centipede (First Sequence)“ ist nur wenig explizit und verlässt sich lange Zeit fast ausschließlich auf seine Grundidee. Fortan hängen unsere drei bedauernswerten „Hundertfüßer“-Segmente also aneinander, wobei die empfindlichen Regionen durch windelähnliche Bandagen verdeckt bleiben. Wer irgendwelche Ferkeleien wie aus Fäkalpornos erwartet, ist hier an der vollkommen falschen Adresse.

Zwischenzeitlich fragte ich mich schon, ob „The Human Centipede (First Sequence)“ nicht vielleicht doch besser in der cmv-Trash-Collection aufgehoben wäre, denn die bemühte Ernsthaftigkeit des Films geht mit unfreiwilliger Komik einher. Bei Dr. Heiter ist nicht mehr viel von seiner bedrohlichen Erhabenheit übrig. Als sich zwei Polizisten bei ihm nach den Vermissten erkundigen, benimmt er sich wie ein Depp.

Dann endlich jedoch bläst Six zum Finale, zieht die Spannungsschraube erstmals spürbar an und lässt seinen menschlichen Hundertfüßer doch noch durch wahrhaft erschreckendes bis verstörendes Magenschwingerterrain kriechen, lässt Ausweglosigkeit und Verzweiflung spürbar werden. Ja, das letzte Kapitel des Films mitsamt seiner unerwartet, aber durchaus effektiv und nicht unbedingt Ideenlosigkeit geschuldet ausbleibenden Pointe rettet „The Human Centipede (First Sequence)“ vor dem Trashsiegel und ermüdender Durchschnittlichkeit. Unterm Strich also ein Horrorfilm, der seiner Erwartungshaltung nur bedingt gerecht wird und dem eine neugierig machende, originelle, letztlich aber unausgegorene Idee zugrunde liegt, die wegen ihrer Grund- und Sinnlosigkeit arg selbstzweckhaft wirkt und um die der Film angestrengt herumkonstruiert erscheint. Lasers von ihm im Rahmen der Möglichkeiten des Drehbuchs glaubwürdig verkörperter Rolle mangelt es an einem großen Motiv, wie es die berüchtigtsten seiner Mad-Scientist-Kollegen hatten – es muss ja nicht immer gleich die Weltherrschaft sein. Oder anders ausgedrückt: Wenn man visuell schon nicht allzu viel zu bieten hat, sollte wenigstens die erzählte Geschichte in sich schlüssig sein. Vom „sickest movie wo gibt“, als der das Rauschen im Vorfelde ihn beleumundete, ist „The Human Centipede (First Sequence)“ ganz weit entfernt.

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