Zu Ehren meines Jubiläums, meines 1000. Reviews (Word!), möchte ich mich heute einem Film widmen, der es in Windeseile, nicht nur zu absolutem Kultstatus, sondern auch in die Herzen sämtlicher Genrefans geschafft hat, meines selbstverständlich eingeschlossen. Jeder dürfte mittlerweile schon einmal irgendetwas über ihn gehört haben und seien es auch nur wage Bruchstücke seines vulgären Inhalts. Der Film ist sozusagen in aller Munde und das obwohl im Film etwas in den Mund gerät, was da eigentlich nichts zu suchen hat.
Die Handlung ist schnell erzählt:
Zwei US-amerikanische Touristinnen haben auf ihrem Eurotrip mitten in einem deutschen Wald (gewiss nicht der Bayrische Wald, vielleicht das Fichtelgebirge) eine Autopanne, erreichen stolpernd und irrend das Anwesen des verrückten Arztes Dr. Joseph Heiter, werden von ihm gefangen genommen und schließlich zusammen mit einer japanischen Geisel Mund an Arsch zu einem Siamesischen Tripplet, einem menschlichen Tausendfüssler, zusammengenäht.
Was nach einer absoluten Schnapsidee oder einem bekifften Witz klingt, entpuppt sich auch als eben solcher, jedoch in aller Konsequenz und Geradlinigkeit durchgezogen. Was genau Regisseur und Drehbuchschreiber Tom Six geritten bzw. auf die fixe Idee gebracht hat, man könnte doch einfach mal 'nen Low-Budget-Film basteln, in dem drei Menschen Mund an Arsch zusammen genäht werden, wird wohl für immer ungeklärt bleiben. Fest stehen tut jedenfalls bereits, dass er mit dieser Idee irgendwie einen Nerv, vielleicht sogar den Nerv der Zeit, getroffen und einen absoluten Kultfilm im Exploitation-Bereich geschaffen hat, der bislang eine Fortsetzung (eine dritte wird gerade gedreht), eine SOUTH PARK-Folge („Human CentiPad“, Season 15, Folge 1) und ein Flash Game nach sich zog.
“Shit! I Have to Shit! I’m So Sorry!”
Das alleinige Zusammennähen dreier Menschen wäre, auch wenn es Arsch an Mund geschieht, noch nicht so dramatisch (wäre es natürlich doch!), wäre die perverse Grundidee dahinter nicht die eines vergrößerten Gastrointestinal-, sprich: Verdauungstraktes, der die Nahrung, aufgenommen von A, über B transportiert und schließlich über C ausscheidet. Im Klartext kacken sich die Aneinandergenähten irgendwann gegenseitig in den Mund, weil sie eben Mund an Arsch aneinander genäht sind. Lecker!
Keimen tut diese grandiose Idee im Film in dem kranken Hirn des mehrfach ausgezeichneten, irgendwo während seiner Laufbahn aber seinen Verstand verlorenen Chirurgen Dr. Joseph Heiter (heiter bis wolkig!) – ein Dr. Mengele mit der Maskenhaftigkeit eines Christopher Walken gesegnet. Diese Rolle trägt viel dazu bei, dass es HUMAN CENTIPEDE zu Kultstatus gebracht hat. Diese Rolle ist nämlich so fies, sadistisch und Menschen verachtend gestrickt, dass kein FRONTIER(S), kein MATRYRS, kein Leatherface, kein Jason, kein SAW und auch kein Folterknecht aus HOSTEL ihr das Wasser reichen kann. Dr. Heiter erklärt seinen Geiseln erst via Schulprojektor den Eingriff, den er an ihnen durchführen wird. Später führt er die drei aneinander genähten Menschen in seinem Garten Gassi, peitscht sie mit der Gerte und sperrt sie in einen Käfig.
Dass diese Rolle so zündet, liegt allein an der umwerfenden, über jeglichen Zweifel erhabenen Darbietung des deutschen Schauspielers Dieter Laser. Voll Laser, wie der abgeht! [Sorry, für das Wortspiel] Obwohl man meint, Dieter Laser das erste Mal zu sehen, hat er doch schon in so namhaften Produktionen wie FÜHRER EX und DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM mitgewirkt. Laser spielt so durchtrieben, so gehässig, so jenseits jeder geistigen Gesundheit, so durch und durch böse, dass er selbst Killerärzte wie Dr. Herbert West, Dr. Giggles oder die Naziärzte aus MEN BEHIND THE SUN in den Schatten stellt. Diese Darbietung allein trägt den Film. Dies wird unübersehbar deutlich durch die minder funktionierende Fortsetzung, in der sowohl Dieter Laser als auch die Rolle des Dr. Heiter nicht mehr vorkommen.
“FEEED HEEER! FEEED HEEER! SWOLLOW IT, BITCH!“
Nach HUMAN CENTIPEDE sollte also nun nicht mehr nur die Slowakei (wie in HOSTEL), sondern nun auch Deutschland von Touristen gemieden werden. Wir als Deutsche kommen hier nicht gerade gut weg, bestehen die Einheimischen doch nur aus gestörten Naziärzten oder ungeselligen, Benz fahrenden Perversen. Ich sag nur:
„Ihr seid doch immer feucht zwischen den Schenkeln.“
HUMAN CENTIPEDE ist ein Loblied auf die Allmacht der Medizin, ein fixe Idee in aller Konsequenz durchgezogen und extreme Expoitation mit Lieblingsfilm-Potenzial. Der Film zwingt dir seine Message (wie immer die auch lauten mag) auf, als wäre dein Mund an den Arsch des Films genäht, als wärst du selbst Mund an Arsch mit dem Film verbunden. Dass alles sehr bedrohlich, ultrabrutal und widerwärtig bis zum Anschlag wirkt, obwohl kaum Spezialeffekte, kaum Kunstblut, kaum plastische Gewalt und (nicht wie in Teil 2) keinerlei Kunstkacke zum Einsatz komme, ist wohl der eindeutige Beweis für die Überlegenheit des Film, für sein Potenzial, für seine Macht trotz geringer Mittel physisch unangenehm zu werden. Das zeugt von Größe!
Oh, was für ein toller Film! Bei all der Übersättigung von Zombie- und Folterfilmen muss man über einen derartigen Film wahrlich dankbar sein. Zu bedenken bleibt ferner, dass sich in der Realität viel abgründigeres Treiben, viel schändlichere Verbrechen ereignen, und dass es Menschen gibt, die einer Praktik, wie sie im Film dargestellt wird, tatsächlich sexuelle Stimulation entziehen können.
Kurzer Rückblick über Filme, in denen Fäkalien verzehrt werden:
1.) DIE 120 TAGE VON SODOM: das fäkale Abendmahl – extrem widerlich!
2.) PINK FAMINGOS: Divine frisst Hundescheiße – super abartig!
3.) STIEFBRÜDER: Will Ferrell leckt an weißer Hundescheiße – auch eklig.
Verglichen mit den genannten Filmen beeindruckt HUMAN CENTIPEDE besonders, da ja im ganzen Film überhaupt keine Fäkalien zu sehen sind.
Verrückter Arzt: (+)(+)(+)(+)(+)[(+)]
Mund an Arsch: (+)(+)(+)(+)(+)[(+)(+)(+)]
Splatter: (+)(-)(-)(-)(-)
Spannung: (+)(+)(+)(-)(-)
Exploitation-Spaß: (+)(+)(+)(+)(+)[(+)]
Fazit:
In Your Face! Here Comes The Dünnpfiff! Durchwegs krank, abstoßend und pervers! So macht das Spaß! Schon jetzt ein Klassiker! Schon jetzt Kult! Schon jetzt ein Lieblingsfilm! Eine absolute Ka(c)kophonie der menschliche Tausendfüssler. Trotz seiner Unperfektion, dem Fehlen cineastischer Finesse und seiner Bedeutungslosigkeit hinsichtlich der Filmgeschichte dennoch ein Film, der lange in Erinnerung bleibt und über den man oft und gern reden wird.
„First Sequence” abgeschlossen. Review Nr. 1000 abgeschlossen. In der Zeit hätt' ich auch locker Atomphysik studieren können. Trotzdem danke fürs Lesen! Tausend Stunden vergeudete Lebensmühen werden folgen ;-)