Schon lange vor Veröffentlichung des Films war die Phrase „Human Centipede“ ein geflügeltes Wort in Internetforen, schließlich hatte sich die eigenwillige Prämisse von Tom Six’ Film bald herumgesprochen.
Mal wieder geraten unbedarfte Urlauberinnen in Not, in diesem Falle Lindsay (Ashley C. Williams) und Jenny (Ashlynn Yennie). Allerdings nicht im Ostblock, sondern in Deutschland. Das Deutschenbild ist reichlich klischeehaft, denn trotz später auftretender, netter, aber wenig kompetenter Polizisten bleiben zwei andere Figuren hängen: Dr. Heiter (Dieter Laser), der Bösewicht des Films, sowie ein notgeiler Fettsack, ein dreckiger alter Mann, der die beiden Mädels zu Beginn des Films angräbt, wenn sie durch den dunklen Wald von NRW fahren.
Dort hat das Duo eine Reifenpanne, sucht nach Hilfe und findet Lasers Haus. Dem ist der Besuch gewissermaßen willkommen, kann er die Mädels doch für ein Experiment gebrauchen: Die Vernähung dreier Menschen zu einem menschlichen Tausendfüßler…
Wo „Planet Terror“ und „Machete“ bewusst reflexiver Retro-Trash sind und wo „Hobo with a Shotgun“ gleichzeitig Schund und ironischer Rückblick sein wollen, da ist „The Human Centipede“ immerhin the real deal: Waschechte Exploitation ohne Scherze oder ironische Brechungen, dessen absurde Prämisse man komisch finden kann, der aber nie witzig sein will. Im Gegenteil: Tom Six ließ im Internet gar kolportieren, dass ihm bestätigt wurde, dass das Gezeigte tatsächlich möglich sei.
Weniger Sorgfalt wurde dafür in andere Dinge gesteckt, etwa die Tatsache, dass jedes Auto in dem Film das Kennzeichen eines anderen Landkreises hat – immerhin alle aus NRW, aber es bleibt die Frage inwieweit das beabsichtigt ist. Vermutlich nicht dem Budget, sondern tatsächlicher Planung scheint der Verzicht auf explizite Ekelszenen geschuldet zu sein. Wenige Bluteffekte, kein sichtbarer Exzess – das Schlimmste bleibt in „Human Centipede“ der Phantasie überlassen, etwa wenn der vorderste Teil des menschlichen Tausend- bzw. Hundertfüßlers, ein gefangener Japaner, seinen Darm entleeren muss und dieser nun an die hinteren Teile weitergegeben wird. Die Zurückhaltung ist effektiver als jeder Schockeffekt des Films.
Auch Dieter Laser als Bösewicht überzeugt durch seine charismatische Darstellung – den Fanatismus des mad scientist, der seinen toten Dreihund beweint (vermutlich nur, weil das Experiment nun futsch ist), aber für die Forschung über Leiche geht, den Wahnsinn, den kauft man ihm ab. Dagegen nimmt sich der Rest des kleinen Ensembles eher amateurhaft aus, wobei Ashlynn Yennie und die hübsche Ashley C. Williams noch okaye Leistungen bringen.
Leider wird allerdings irgendwann klar, dass die abgefahrene Grundidee von „The Human Centipede“ keinen ganzen Film tragen kann. Vieles wirkt gestreckt, das Martyrium der Versuchsopfer nutzt sich irgendwann ab und berührt nicht mehr, der Showdown ist routiniert abgehandelter Genrestandard, aber eben auch nicht mehr als das. Immerhin: Das konsequent fiese Ende hinterlässt Eindruck, doch eine wirkliche Entschädigung für den zu kurz greifenden Spannungsbogen ist das nicht.
Insofern ist Tom Six’ Film eine durchwachsene Angelegenheit, deren erfreulich zurückhaltende Inszenierung, die abgedrehte Prämisse und der herbe Schluss einem wenig überzeugenden Script gegenüberstehen, das leider viele Möglichkeiten nicht ausnutzt. Immerhin: In den Zeiten postmodern-ironischen Filmemachens ist das hier tatsächlich noch echte Exploitation, die sich das Prädikat Sicko durchaus verdient hat.