"Der See, das Klischee!" Von Apokalypse-Spezi Roland Emmerich ("Independance Day") stürmt nun "2012" mit durchaus beachtlichen Besucherzahlen deutsche Kinosäale. Schon der Kalender der Maya bot allerlei Interpretationsmöglichkeiten, die aufgrund einer besonderen Planetenkonstellation den Weltuntergang für das Jahr 2012 prophezeihen. Bei Emmerich ist es schon jetzt im Spätherbst 2009 soweit und die Erde, wie wir sie kennen, darf zweieinhalb Stunden lang spektakulär und laut vor die Hunde gehen.
Mein Lieblingsindikator für einen guten Kinofilm versagt bei "2012" grandios: Auch wenn ich nicht einmal auf die Uhr geschaut habe (uiöetzt war dies bei "Inglorious Basterds" der Fall), überdurchschnittlich war das Gebotene abseits der optischen Schauwerte dennoch nicht. Im Gegenteil sogar: Je länger sich die Erdkrusten verschieben und Wassermassen ganze Kontinente ausradieren, als desto minderwertiger erweisen sich Storyentwicklung, Charakterzeichnung und inhaltliche Substanz. Eigentlich könnte man jetzt einwerfen, dass dies bei einem Emmerichfilm ohnehin just so zu erwarten gewesen wäre. Doch im Falle von "2012" ist es selbst für dieses niedrige Anspruchsniveau schlicht zu wenig.
Nach der obligatorischen Anlaufphase, in der die eindimensionalen Reißbrettcharaktere ausgiebig vorgestellt werden, beginnt die große Apokalypse. Und in der Tat hat man einen solchen Weltuntergang bisher noch nicht auf der Kinoleinwand bestaunen dürfen. Wahrlich beeindruckend, was Emmerichs Trickspezialisten hier mit Metropolen wie Las Vegas und Washington anstellen! Zerstörungen von biblischem Ausmaß bringen die Welt, wie wir sie kennen, an den Rand des Abgrunds - und die USS John F- Kennedy auf das Dach des Weißen Hauses.
Fatalerweise machen sich allerdings schon bald erste Abnutzungserscheinungen breit. Bei aller technischen Klasse ist es einfach ideenlos und armselig, das gleiche Zerstörungskonzept nacheinander auf mehrere Städte anzuwenden und zu allem Überfluss auch noch die Art und Weise der Flucht unserer Helden jeweils quasi identisch und zudem völlig abstrus zu inszenieren.
Ernstnehmen kann man das knallbunte Spektakel spätestens nach 45 Minuten bei besten Willen nicht mehr. Da haben Blockbuster vom Schlage eines "Deep Impact" und "The Day after tomorrow" Nase gleich meilenweit vorne, achten sie doch wenigstens rudimentär auf Logik und Glaubwürdigkeits. Letztere Aspekte gehen hier zusammen Hand in Hand mit den Metropolen dieser Erde den Bach herunter, so dass man sich bald eher in "Indiana Jones 5" als in einem waschechten Katastrophenfilm wähnt.
Dem grandiosen Effektgewitter sei es gedankt, dass die inhaltichen Schwächen in der ersten Filmhälfte nicht zu extrem auffallen. Dies ändert sich dummerweise in der zweiten Filmhälfte schlagartig. Hier kommt zwar immerhin noch die ultimative Sinnflut über die moralisch beankrotte Menschheit, jedoch kennt man dies zum einen schon aus "Deep Impact", zum anderen häufen sich nun Kitsch- und Klischeeszenen, dass es selbst mir als jemandem, der ansonsten durchaus auf Filme wie "Pearl Harbor" steht, des Guten zu viel wurde. Was hier besonders im Finale an Pathos, Zeigefinger-Moral und schierer Dummheit abgelassen wird, geht auf keine Maya-Kuhhaut mehr. Erstmals seit dem unsäglichen "Wing Commander" vor rund 10 Jahren konnte ich mir im Angesicht der finalen Aarchen-Moralpredigt einen sarkastischen Kommentar im Kinosaal nicht verkneifen. Er rutschte einfach so heraus, und das passiert nun wirklich nur, wenns nicht mehr auszuhalten ist...
Achja, Darsteller hat "2012" natürlich auch noch. Die zentrale Figur des Weltenbrandes wird von John Cusack ("Con Air") verkörpert. Mit all seiner Routine führt Cusack dann auch angemessen durch die zweieinhalb Filmstunden. Dass seinem, wie auch jedem anderen Charaktere jede Substanz fehlt, ist schließlich nicht seiner schauspielerischen Leistung anzukreiden. Im Grunde gilt dies für so ziemlich alle hier miemend Aktiven. Ausreichend prominent ist der Cast jedenfalls besetzt (u.a. Danny Glover, Woody Harrelson, George Segal).
Fazit: Was hier unterm Strich überbleibt, ist ein extrem polarisierendes Kinoereignis. Auf der Habenseite kann "2012" seine sich zwar wiederholenden, aber nichtsdestotrotz toll anzusehenden Spezialeffekte verbuchen. Auf der dunklen Seite der Filmmacht trüben jedoch (Familien)Klischees, Patriotismus-Kitsch, Logiklücken von der Größe des San Andreas-Grabens, penetrante Political Correctness sowie mitunter unglaublich nervige bis widerwärtige Charaktere das garantiert völlig anspruchsfreie Zerstörungsvergnügen massivst! Eines jedenfalls ist gewiss: "2012" ist trotz seines 200 Mio-Dollar Budgets Roland Emmerichs bis dato schlechtester Film.