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"Die Welt, so wie wir sie kennen, wird schon bald nicht mehr existieren."

Gegen das diesmal aufgebotene Ausmaß der Zerstörung wirkt das Klimawandel-Mahnmahl "The Day After Tomorrow“ mit Dennis Quaid geradezu unspektakulär bescheiden. Basierend auf den apokalyptischen Schlüssen, die man aus dem im Jahre 2012 endenden Maya-Kalender ziehen kann, entfesselt der Hollywood-Schwabe Roland Emmerich ein feuriges Weltungergangsinferno, das vor allem in der ersten Hälfte von exzellenter tricktechnischer Referenzqualität ist.

Im Jahr 2009 entdecken Wissenschaftler gewaltige Sonneneruptionen, die den Erdkern drastisch erhitzen. Die darauf interpretierte Verschiebung der Erdplatten zeugt von einer Katastrophe, die die Menschheit in den kommenden Jahren auslöschen könnte. Auf Basis eines Notfallplanes des Geologen Adrian Helmsley (Chiwetel Ejiofor) werden unter Ausschluß der Öffentlichkeit Vorbereitungen getroffen, das Überleben der Menschheit und deren Kultur zu sichern.
3 Jahre später befindet sich der gescheiterte Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack) mit seinen Kindern auf dem Weg zum Yellowstone Nationalpark. Der Campingausflug soll seine leidende Beziehung zu seinen Kindern wieder etwas verstärken. Im Park stößt Curtis auf den exzentrischen Wissenschaftler Charlie Frost (Woody Harrelson), der in seinem Wohnmobil Radiosendungen über den drohenden Weltuntergang produziert. Jackson nimmt ihn zunächst nicht ernst. Dies ändert sich allerdings, als Los Angeles durch mehrere Erdbeben stückweise zerstört wird. Die wahnwitzigen Prophezeiungen, die der Verschwörungstheoretiker Frost aufgestellt hat, erfüllen sich. Während Curtis sich mit seiner zerrütteten Familie auf der Flucht vor den katastrophalen Auswirkungen befindet, stellt das wissenschaftliche Team unter Helmsley fest, dass die Zerstörung der Welt viel schneller vonstatten geht, als vorher erwartet.

Emmerich's "2012" spricht einige Faktoren an, die das angebliche Ende der Welt herbei führen. Im Schicksalsjahr stehen beispielsweise alle Planeten des Sonnensystems in einer geraden Linie mit dem Zentrum der Milchstraße, ein potentieller Auslöser für verschiedenste esoterische Kernprozesse. Darüber hinaus endet am 21. Dezember 2012 der Maya-Kalender, der über dieses Datum hinaus nicht weitergeführt wurde. Und auch wenn beide Ereignisse eintreffen (werden), so lässt Emmerich die Welt durch die Theorie der Erdkrustenverschiebung von Charles Hapgood umkrempeln, die einen Erklärungsansatz zum entstehen einer Sintflut sowie weiterer Katastrophen liefert.

Anders als in "The Day After Tomorrow", in dem die drohende Eiszeit neben den Einzelschicksalen mit fortschreitender Handlung mehr und mehr in den Hintergrund tritt, bleibt das Drehbuch von "2012" dicht und fokussiert. Alle Charaktere sind auf die eine oder andere Art miteinander verbunden. Daneben finden sich Anspielungen auf das reale Weltgeschehen. So ist der US-Präsident Thomas Wilson ein Schwarzer, gespielt von Danny Glover, die deutsche Führung übernimmt eine Frau. Parallelen zu Barack Obama und Angela Merkel sind unverkennbar.
"2012“ verfolgt seine Apokalypse hauptsächlich aus der individuellen Perspektive des erfolglosen Autoren Jackson Curtis, der von den Katastrophen geradezu verfolgt wird. Dass es dabei nicht sonderlich glaubwürdig zugeht ist geradezu vorprogrammiert. Nahezu im Sekundentakt brechen die Auswirkungen der Erdverformung über die von der Kamera verfolgte Gruppierung herein, wobei die Flucht vor diesen haarsträubender umgesetzt wurde als jeder klassische Bond-Film haarsträubende Elemente vorweist. Der nebenbei angefochtene Wortwitz fügt dem Katastrophen-Drama eine weitere cartoonhafte Karikatur bei, sodass sich der Weltuntergang nur in seltenen Fällen ernst anfühlt.

Emmerich's Leistungen waren noch nie im erzählen einer plausiblen Handlung noch einer Präsentation nicht klischeebeladener Figuren. Seine Stärken liegen eindeutig in der Präsentation der digitalen Tricktechnik.
Vor allem in der ersten Hälfte seines Films schafft es Emmerich formidabel, Kritikpunkte an der freilich jeglichen Realismus und Glaubwürdigkeit mit Füßen tretenden Geschichte seines Films mit einem bombastischen Actioninferno zu übertünchen, dessen Größe sämtliche Kategorien überwältigt. Die ganze Welt ist Schauplatz des apokalyptischen Infernos. Wo sich gewöhnliche Katastrophenfilme auf eine mörderische Laune der Natur konzentrieren, entfesselt Emmerich vom Vulkanausbruch bis zum Tsunami jede nur denkbare zerstörerische Gewalt. Und hat eine groß angelegte Actionsequenz einmal ihren Anfang genommen, nimmt sie so schnell kein Ende mehr. Besonders die Überlebenshatz der Protagonisten durch die USA, die sie in Autos und Flugzeugen durch vom Himmel regnende Feuerbälle, wegbrechende Straßenzüge, einstürzende Hochhäuser und durch gigantische Risse im Erdboden versinkende Städte hetzt, ist ein schlicht beeindruckendes Megainferno, das in Sachen Schauwerte wohl jeden Katastrophenfilm der bisherigen Filmgeschichte toppt. Die Kombination aus immens aufwendigem Special-Effects und oftmals wunderbar düster-abgründiger, wahrlich apokalyptischer Atmosphäre gewinnt durch einen nach bewährten Schemata generierten, nichtsdestotrotz fesselnden hohen Spannungslevel, zusätzlich an Intensität. Was realistisch betrachtet als absolut unglaubwürdiger Hindernisparcour erscheint, ist optisch der reinste Genuss.

Leider vermag der mit einer Spielzeit von zweieinhalb Stunden recht lang geratene Film dieses großartige Referenz-Niveau jedoch nicht über die volle Dauer zu halten und versumpft gerade im letzten Viertel in einer elend ausgedehnten, aufgrund seiner unsäglichen Vorhersehbarkeit schließlich langweilenden Pflichtübung aus dem Genrebaukasten. Gerade das selbst für amerikanische Verhältnisse grenzwertig kitschig-pathetische Ende mit seinem allzu positiven Feeling kommt dem finalen Part des Films auch nicht eben zugute und hinterlässt gar offene Handlungsstränge.
Neben der obligatorischen tragischen Dezimierung der Protagonistenriege sind es vor allem die Schicksale der großen Massen, sowie die zentrale Frage welche Kategorie Mensch es wert ist gerettet zu werden und welche nicht, die berühren und beklemmen könnten. "2012" macht sich da allerdings nicht die Mühe seine Ansätze weiter zu führen und handelt sie oberflächlich ab. Ärgerlich, da hier eindeutig Potential für ein tiefsinniges Drama vorhanden wäre, dass durch das typische hollywoodsche Popkornkino gnadenlos glatt gebügelt wird.

Stereotype Überzeichnungen einzelner Figuren gehören wie so häufig in Emmerich's Vita zur Tagesordnung und werden billigend in Kauf genommen. Zumindest hat er sich für einen recht großen prominenten Cast entschieden, der mal mehr oder auch mal weitaus weniger gefordert wird.
Woody Harrelson ("No Country for Old Men", "Natural Born Killers") überascht mit einem erinnerungswürdigen Auftritt als amüsant-skuriller Verschwörungstheoretiker. Der sympathische John Cusack ("Con Air", "Being John Malkovich") übernimmt die am meisten sichtbare Heldenfigur, ohne sichtlich gefordert zu sein. Danny Glover ("Saw", "Lethal Weapon"-Reihe) bietet ein ungewohnt starres Mimenspiel, dass seiner Figur des heroischen US-Präsidenten nicht wirklich steht.
Amanda Peet ("Akte X - Jenseits der Wahrheit“) sowie Thandie Newton ("Das Streben nach Glück", "L.A. Crash") bleiben erstaunlich grau und austauschbar. Demgegenüber ist zumindest Oliver Platt ("Frost/Nixon", "Die drei Musketiere") einer der wenigen Unsympathen, der mehr Charisma vorlegt als alle weiteren Darsteller, ohne das dessen Figur dabei völligst Böse gezeichnet ist.

"2012" ist ein typischer Emmerich Film. Oberflächliche Figurenzeichnung, tonnenweise Pathos, einfältige Handlung. Hier hat Emmerich nichts dazu gelernt und ersäuft die kleinen Ansätze von anspruchsvollem Kino im Blockbuster-Allerlei. Die gigantische visuelle Gewalt, die die Leinwand in ein Inferno spektakulär inszenierter Massenzerstörung verwandelt, ist allerdings höchst kurzweiliges Genrekino, das lediglich gegen Ende an Überzeugungskraft verliert. Unter dem Strich bleibt ein bildgewaltiger Katastrophenfilm der seine Möglichkeiten nicht völligst ausschöpft und keinesfalls das Mega-Kino-Event des Jahres darstellt. Knappe...

8 / 10

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