Die Gesellschaft entwickelt sich stetig weiter. Stagnation kann sie sich selten über längere Perioden leisten, weil das irgendwann zwangsläufig zu Unzufriedenheit führt. Darin liegt die selbstgerechte Annahme verborgen, dass Entwicklung zugleich auch immer Verbesserung bedeutet. Abschätzig schaut man auf die Menschen der Vergangenheit zurück und belächelt deren naives Weltbild, weil man ja immerhin einen Wissensvorsprung hat. Insbesondere gilt das für Teile des modernisierten Feminismus und dessen oftmals abschätzigen Blick auf die 80er Jahre. Dem Action- und Abenteuerfilm jener Zeit wirft man beispielsweise vor, er habe den rücksichtslosen Macho ebenso kultiviert wie er die Frau zur Beilage für das Auge reduziert habe. Schaut man sich dann aber mal an, mit welchen Mitteln heutige Blockbuster solche Themen adressieren und vergleicht sie einfach mal ganz forsch mit einem Titel wie „Kannibalinnen im Avocado-Dschungel des Todes“, der sich damals vermutlich problemlos misogyne Entgleisungen hätte erlauben können, wenn er gewollt hätte, dann ist wohl Umdenken angesagt. Denn diese 30 Jahre alte Billigproduktion ist dank ihrer ungekünstelten Lockerheit nicht bloß ihrer Zeit voraus, sondern anscheinend auch unserer.
Statt der radikalen Putzmittel mit ätzenden Dämpfen, mit denen der heutige Mainstream immer noch in völlig verkrampfter Haltung soziale Missstände ausradieren will, besteht hier die Aussicht auf ein warmes Schaumbad aus geteilten Klischees über Mann und Frau. Während wilde Amazonen, intelligente Feministinnen, dumpfbackige Studentinnen, unterdrückte männliche Opferlämmer und ein aufgeplusterter Hahn gemeinsam kichernd in einer Wanne liegen und sich gegenseitig die Schaumkronen vom Kopf pusten, wird in gelebter Gleichheit eine Einigung darauf erzielt, dass es eben beiderlei Geschlechter sind, die nicht mehr alle Latten am Zaun haben.
Für einen Film, der mit einem See voller barbusiger Schönheiten beginnt, die aus dem Gebüsch von zwei Spannern beäugt werden, ist das eine ziemlich beachtliche Wendung der Ereignisse. Wer hätte denn ahnen können, dass ausgerechnet ein kleines Schmuddel-Studio wie Full Moon eine derart harmonische Formel für feministische Diskurse beim Herumlungern im Dickicht entdeckt? Selbst der härteste Kerl wird bei dem Mediziner-Klassiker „na siehst du, hat doch gar nicht weh getan“ diesmal eifrig mit dem Kopf schütteln und sich einen Lolly aus dem Glas nehmen.
Hilfreich ist dabei wie so oft vor allem die ironische Distanz zur eigenen Position. Dass die Darsteller hier bloß die botanischen Gärten der Universität von Kalifornien durchstreifen, würde wohl kein anderer Dschungelfilm öffentlich zugeben, doch Regisseur und Autor J.F. Lawton spielt mit offenen Karten und baut den wenig spektakulären Drehort frech in seine Handlung ein, so dass wir es nun also mit Kannibalinnen zu tun haben, die in einem Wäldchen mitten im zivilisierten San Bernardino ihr Unwesen treiben. Das Outdoor-Setting aus phosphorisierendem Blattgemüse ist dabei der Austragungsort eines nicht ganz ernst präsentierten Nahrungs-Exportkriegs, der als Aufhänger des Films im ersten Akt an der Universitätstafel erläutert wird. Die Avocado bietet sich aus naheliegenden Gründen als diskutiertes Objekt der Begierde an, da sie auch in Kalifornien beheimatet ist. Ob sie sich darüber hinaus auch durch ihre weibliche Form qualifizierte, sei der Fantasie des Zuschauers überlassen; Fakt ist, dass Filmlexika weder Avocados noch Kannnibalinnen (bzw. „Cannibal Women“) führten, bevor „Kannibalinnen im Avocado-Dschungel des Todes“ erschien. Eine doppelte Pioniersleistung, die durchaus herausgehoben gehört.
Noch während der Professor mit der Kreide an die Tafel klopft, wird man mit den weiblichen beiden Dritteln der Hauptbesetzung vertraut gemacht. Dass ausgerechnet die feministische Aktivistin mit einem ehemaligen Playboy-Model (Shannon Tweed) besetzt wird und Karen M. Waldron passend dazu ein Doofchen namens „Bunny“ mit einem Faible für rosa Kleidung spielt, mutet auf den ersten Blick nicht besonders fortschrittlich an; es kommt jedoch in letzter Instanz nicht auf die Figurenzeichnung an, sondern darauf, was man mit ihranstellt. Und kaum haben die beiden Frauen begonnen, ihre Meinung zu artikulieren, ahnt man das subversive Potenzial, das in dieser Vollblut-Komödie lauert. Es steckt nämlich alles im Dialog.
Bestätigt wird die Vermutung spätestens in einer Bar voller Männer, in der schließlich Hauptdarsteller Nr. 3 (Bill Maher) rekrutiert wird. Als sich Actionfilm-Stereotypen mit glänzenden Muskeln und geschmeidigen Körperbewegungen in Reih’ und Glied für die Teilnahme am Dschungel-Abenteuer bewerben, deutet sich ein geteiltes Slapstick-Verständnis mit der Zucker-Abraham-Zucker-Schule an. Die wird zwar nicht direkt nachgebildet, ihr Einfluss findet aber durchaus seinen Weg in die Konzeption der Gags. Die Männer-Kneipe und mit ihr der größte Männer-Anteil des Films bleiben zwar nach einer Szene im Nebel zurück, doch Maher sorgt dafür, dass sich der Dunst der Männlichkeit wie eine Spur aus Brotkrumen durch die grünen Adern der Botanikanlage verteilt. Das Trio ist nun vervollständigt und eine Konstellation gefunden, die bis zum Abspann sattsam mit schlagfertigen Wortgefechten ausgestattet ist, denn dieser Mann hat nicht weniger zur Konversation beizutragen als die beiden Frauen, die er begleitet.
Es dauert eine Weile, bis man begriffen hat, dass man es tatsächlich mit sorgfältig ausgearbeiteten Dialogen zu tun hat, die überraschend oft mit funktionierenden Pointen enden. Dabei ist es beinahe egal, ob man der mit unzähligen Referenzen und Zitaten ausgestatteten Originalfassung lauscht oder zur auffallend freien deutschen Synchronisation greift, die den Witz trotz der Freiheiten, die sie sich erlaubt, verblüffend präzise abliefert. Nicht, dass den größten Comedy-Klassikern das Wasser gereicht würde, aber der Überraschungseffekt ist in der ersten Hälfte durchaus ein Verbündeter des Zuschauers, der womöglich mit mehr Schauwerten wie Blut und nackter Haut gerechnet hätte, allerdings zugleich mit mehr Zweckmäßigkeit, was den Humor angeht. Für die Darstellung einer Flusspferd-Attacke auf ein Boot war offenbar nicht genug Geld vorhanden, aber die dämlichen Kommentare zu einer solchen imaginären Attacke, die der Herzbube und seine beiden Damen absondern, während die Kamera in der Totalen weiter stur auf das Boot hält, anstatt in einem Gegenschnitt zumindest mal eine Ansicht eines gähnenden Hippos zu liefern, ist ein aus der Not geborener, aber erfrischender Ansatz, der hin und wieder sogar in die Meta-Betrachtung wechselt, wenn Maher beispielsweise flapsig Bezug auf den Schnitt des Films nimmt.
Die Schauwerte häufen sich auch nicht nennenswert, als das Lager der Kannibalinnen schließlich erreicht wird. Ein steinernes Gebäude wird in Beschlag genommen und es lugen ein paar Hintern unter knappen Lederschürzen hervor; selbst die finale Konfrontation ändert nichts an dem gemächlichen Tempo. Die statische Inszenierung könnte gar aus einer Sitcom stammen, die anstatt eines Einfamilienhauses das Unterholz als Setting auserkoren hat. Die Auflösung der Konflikte zwischen den Wilden und der Zivilisation bleibt lächerlich blutleer und geht einen bequemen Weg, den man in der Endabrechnung fast schon als Parodie des RomCom-Genres auffassen könnte. Und doch vermisst man rein gar nichts an dieser Odysee durch die Untiefen der kalifornischen Urwälder, verbirgt sich im demonstrierten Humorverständnis doch ein gesundes Verhältnis zu verschiedenen Fragen der Geschlechterdiskriminierung, das im Vergleich zu den oft niederträchtig geführten SJW-Debatten von heute leider immer noch viel zu fortschrittlich erscheint.