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"Chloe" beginnt mit Chloe selbst, einem erklärenden Voiceover, einer verführerischen, aber kontrollierten Stimme, die von Bedürfnissen, Erkenntnissen und Instinkten spricht, die ihren Beruf ausmachen. Und die um den Punkt weiß, wann sie sich zurückziehen muß - von ihren Kunden, ihren Freiern, den Männern grundsätzlich.
Für diesen einen Moment wirkt es so, als wäre dies ein Film über eben diese Frau, aber es ist nur ein Menetekel für die Ehe eines Anderen.
Atom Egoyans "Chloe" ist ein Film, der stets antäuscht, so etwas wie ein Thriller, vielleicht sogar ein Erotikthriller zu sein, dabei ist er nur das Portrait eines Midlife-Crisis-Problems, eines durchaus realen.

Der eigentliche Kern der Sache wird erst wenig später aufgedeckt, während das Ehepaar Stewart, sie Gynäkologin, er Musikprofessor, sich in einer der wenigen zweisamen Augenblicke, die sie sich noch gönnen können oder wollen, linkisch und unfrei darüber unterhalten, wann sie aufgehört hatten, sich vom Flughafen abzuholen. Die Metapher der Gewöhnung, der Entfremdung - aus Liebenden werden gute Freunde und irgendwann werden diese zu Fremden. An diesem Punkt scheitern Paare. Kämpfen, oder kommen auf komische Ideen.

Es gibt eigentlich keine wirkliche Zielgruppe im modernen Großkino für solche Geschichten, in denen die vermeintlich enttäuschte und betrogene Ehefrau eine Prostituierte engagiert, um ihren eigenen Mann zu testen und ihren Kontrollwahn auf einen neuen Level zu führen - Personendrama ist in den Arthausbereich gewandert - und doch hat es ihn schon gegeben, in Anne Fontaines Original "Nathalie" mit Fanny Ardant, Emmanuelle Beart und Gerard Depardieu. Daß die Amerikaner gern gute Geschichten adaptieren, ist dabei bekannt, ungewöhnlich ist nur, daß es hier jemand mit dieser ruhigen, eher unspektakulären und introspektiven Geschichte getan hat. Atom Egoyan, Filmemacher aus Armenien, hat schon immer gern gefühlvoll hinter die Fassade geblickt und Reaktionen und Auswirkungen auf einzelne Figuren fokussiert, hat wohl auch kaum auf einen Kassenerfolg spekuliert, ihn wird die komplexe, aber realitätsnahe Dreierkonstellation gereizt haben, die sich hier entwickelt. Daß der Film durch den Tod von Liam Neesons Frau ggf. etwas in der Anlage transformiert wurde, macht ihn aber nicht weniger dicht und strukturiert.

So muß der Zuschauer ohne große Schlüsse auf ein Triptychon von Figuren zugehen, daß weniger miteinander als nebeneinander tanzt.
Neeson in der Rolle des scheinbaren Allesflirters bleibt dabei eher ein Chiffre, in das man, wie seine Filmfrau, alles Mögliche projezieren kann, aber der Schlüssel ist schließlich (ausbleibende) Kommunikation.
Gehören tut der Film jedoch (anders als der Filmtitel dies vielleicht impliziert) seiner Frau, dargestellt von Julianne Moore, eine durchaus erfolgreiche Ärztin, die jedoch emotional und im erotischen Selbstverständnis in die Jahre gekommen ist. Subtile Andeutungen bilden ihren Kontrollwahn über ihren Mann und ihren Sohn ab, obwohl sie die Führung der Familie längst verloren hat. Dennoch unternimmt sie den halsbrecherischen Versuch mit der kindfraulichen Prostituierten und erfährt mehr über sich als über ihren Mann.
In ruhigen, aber angespannten Bildern kann Moore dabei endlich wieder glänzen, wenn die Berichte über sexuelle Abenteuer ihres Mannes sie offenbar mehr erregen, als die ganzen letzten Jahre Zusammenleben zusammen. Doch die Begierde, die wieder in Trauer und Frustration erwacht, richtet sich auf Chloe, nicht auf ihren Mann - sie erfährt eine Nähe, die sich in Anziehung verwandelt und das Eingeständnis der eigenen Wünsche verkehrt sich immer wieder in Widerstand und Ablehnung.

Ein wenig zu kurz kommt dabei die Titelfigur, obwohl niemand Amanda Seyfried vorwerfen kann, hier nicht mit Brachialgewalt gegen ihr Clerasil-Image aus "Mamma Mia" anzukämpfen, geschminkt wirkt sie wie ein frühreifer Vamp, in den Tagesszenen erinnert ihr noch immer teenagerhaftes Gesicht an die junge Scarlett Johannsen. Doch der Film fokussiert zu stark auf das Eheleben der Stewarts, Chloe selbst gerät nach ihrer Einführung aus dem Fokus und nur der Wunsch nach Liebe und Anschluß kommt zum Ausdruck. Das transportiert Egoyan auch nicht über Dialoge, sondern fast ausschließlich über Blicke, wenn auch die Einbindung des Sohnes des Ehepaares ein Fehlgriff ist, der schlußendlich nirgendwo hinführt.

Erst nachdem der Film seine Pointe (fast erfrischend beiläufig) ausgespielt hat, wird Chloe vom emotionalen Resonanzboden zum aktiven Katalysator und gibt dem Film seinen Hauch von Thriller mit, den er am Ende eigentlich gar nicht gebraucht hätte, aber möglicherweise wurde befürchtet, der Film würde bei einem leisen Ende zu wenig Dramatik mit sich bringen - das Finale wirkt so sehr forciert und gewollt und kommt der Figur "Chloe" auch nicht wirklich entgegen, so daß nur die Figur der Catherine wirklich umfassend beleuchtet wird.

Getrieben von freizügigen Dialogen und angespannten, aber warmen Bildern, funktioniert der Film tatsächlich, allerdings eher für ein älteres Publikum, wobei die Selbsterkenntnis gar nicht mal vonnöten ist, um die Geschichte genießen zu können, Bereitwilligkeit für diese kammerspielartige Intimität muß man jedoch mitbringen. Daß bei allen Begradigungen und Kürzung von Fontaines Film ein wenig mehr Feinschliff auf das gesamte Trio hätte entfallen können, bleibt Egoyan aber anzukreiden. Bisweilen wirken manche Einstellungen ein wenig zu statisch, um von der angespannten Atmosphäre überspielt werden zu können. Der Wunsch aller Beteiligten nach Liebe und Aufmerksamkeit, nach Anschluß und menschlicher Bindung bleibt jedoch intakt, ohne die Konstellation am Ende wirklich aufzulösen: in der Schlußeinstellung scheinen die Beziehungen der Familienmitglieder wieder zu funktionieren, doch eine räumliche Distanz bleibt ebenso wie die Haarnadel Chloes; Verbindungsstück, Mahnung und Schuldobjekt zugleich. (6,5/10)

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