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On January 14, 2007, 14-year-old Megan Stewart disappeared. Three weeks later, her best friend Amy Herman also vanished. This film was assembled using cell phone transmissions, computer files, home videos and public news reports.

Obige Einblendung stellt schon zu Beginn des Filmes klar, was passiert ist. Es ist somit kein Geheimnis, daß sowohl Megan Stewart (Rachel Quinn) als auch Amy Herman (Amber Perkins) spurlos verschwunden sind. Megan Is Missing schildert, was die Tage vor, während und nach ihrem Verschwinden passiert ist. Und dabei macht Regisseur Michael Goi (am ehesten bekannt als Cinematographer der TV-Serie American Horror Story) weder Gefangene noch Kompromisse. Megan und Amy sind beste Freundinnen, offensichtlich schon von klein an. Sie sind viel zu unterschiedlich, als daß sie sonst zusammengefunden hätten. Die vierzehnjährige Megan ist hübsch, gesellig, bei allen beliebt, sie läßt keine Party aus, hat Spaß an Alkohol, Drogen und Sex. Eine echte Miss Popular also, bereits wesentlich mehr Frau als Kind. Amy hingegen, für einige Tage noch dreizehn Jahre jung, ist schüchtern, sensibel, noch jungfräulich, sieht durchschnittlich aus, und ist bei fast allen unbeliebt. Sie ist die klassische Außenseiterin, hat abgesehen von Megan keine Freunde, wird auf keine Party eingeladen, und wenn sie mit jemandem Small Talk machen will, wird sie sofort abgewimmelt. In ihrem Zimmer häufen sich Stofftiere, sie ist noch wesentlich mehr Kind als Frau. Dann lernen die beiden übers Internet den coolen "Skaterdude" Josh (Dean Waite) kennen.

Das Genre des Found-Footage-Films wurde mit Daniel Myricks und Eduardo Sánchez' The Blair Witch Project (1999) quasi über Nacht populär, obwohl dabei gerne vergessen wird, daß dieser clevere Kniff, mittels gefundener Aufzeichnungen das Schicksal der verschwundenen Protagonisten zu enthüllen, bereits viel früher angewandt wurde, zum Beispiel vom Italiener Ruggero Deodato bei Cannibal Holocaust (1980). The Blair Witch Project begründete jedoch dieses Genre und katapultierte es in den Mainstream, was zur Folge hatte, daß in den Jahren danach unzählige nach diesem oder ähnlichem Muster gestrickte Filme produziert worden sind, viele davon mit dem Zusatz-Gimmick "based on actual events". Dies trifft auch auf Megan Is Missing zu. Bei Streifen dieser Machart kommt es hauptsächlich darauf an, wie sehr man es vermag, sich ins Filmgeschehen hineinzuversetzen. Je mehr man das Ausgangsszenario als gegeben hinnimmt, und je mehr man die verschiedenen, nachfolgenden Ereignisse als real ansieht (denn genau das versuchen die Macher schließlich mit dem dokumentarischen Anstrich zu implizieren), desto effektiver erlebt man die Auflösung des Geschehens. Schafft man es nicht, sich auf den Film einzulassen und zu den Figuren eine emotionale Bindung aufzubauen, dann verpufft die Wirkung der Auflösung gänzlich, und es ist eigentlich schade um die vergeudete Zeit.

Obwohl Megan Is Missing die Standardroute wählt und kein Risiko eingeht, ist er einer der besten, kraftvollsten und intensivsten Beiträge zum Found-Footage-Genre. Am Anfang kommt die Ankündigung, der Film basiere auf wahren Begebenheiten, gefolgt vom Hinweis darauf, was passiert ist. Und danach läßt uns Drehbuchautor und Regisseur Michael Goi einige Zeit mit den Mädchen verbringen. Wir sehen zu, wie sie sich unterhalten, wie sie herumalbern, wie sie Partys besuchen oder wie sie über einen Video-Chat miteinander kommunizieren und Geheimnisse austauschen. Wir erhalten einen Einblick in das Leben der Beiden, bekommen einen Eindruck davon, wie sie ticken. In einer bemerkenswert zwiespältigen Sequenz erzählt Megan, wie sie, damals zehn Jahre alt, in einem Sommercamp von einem Betreuer zum Blowjob genötigt wurde. Sie schildert den gesamten Vorgang sachlich und beinahe emotionslos und läßt dabei kein Detail aus. Laut Goi stammt dieser Bericht aus einem der zahlreichen Interviews, welche er im Vorfeld mit einigen Teenagern geführt hatte, und dieser wurde nahezu eins zu eins in den Film übernommen. Die Hauptdarstellerinnen Rachel Quinn und Amber Perkins, beide etwas älter als die Figuren, die sie spielen (eine absolute Notwendigkeit: vierzehnjährigen Mädchen wären diese Rollen nicht zumutbar gewesen), überzeugen vollauf und erwecken Megan und Amy zum Leben.

"I think we're going to have amazing lives", meint Megan in einer Videoaufzeichnung gegen Ende des Filmes zu ihrer Freundin. Ein ungemein perfider Kunstgriff, schließlich weiß man zu diesem Zeitpunkt bereits, was mit den Mädchen passiert ist. Und ihr Schicksal geht gehörig an die Nieren. Daß es Goi in der letzten halben Stunde vermeidet, die Torture-Porn-Route zu beschreiten, ist ihm hoch anzurechnen. Zwar gibt es zwei, drei extrem grausige, perfekt getimte Schockmomente, auf selbstzweckhafte, ausgewalzte Gewaltdarstellungen à la Saw oder Hostel verzichtet er jedoch konsequent. Vielleicht erreicht Megan Is Missing auch gerade dadurch diese ungeheure Intensität, weil er einen dazu zwingt, die eigene Phantasie zu benutzen. Im Zuge seiner Recherchen sei er auf so unfaßbar schreckliche Dinge gestoßen, daß er sie unmöglich ins Drehbuch schreiben hätte können, sagt Goi. Eine gute Entscheidung, finde ich, denn das, was zu sehen ist, reicht völlig aus. Oh ja, ein, zwei Minuten lang ins Gesicht einer verzweifelten Frau zu blicken, die vergewaltigt wird, zu sehen, wie etwas in ihr zerbricht, wie ihre Augen erlöschen und sie nur mehr blicklos ins Leere starrt (die schauspielerische Leistung der betreffenden Aktrice in dieser Sequenz ist phänomenal) ... das reicht völlig aus, um die mit diesem widerwärtigen Gewaltakt verbundene Brutalität sowie den Schmerz und die Hilflosigkeit auf Seiten des Opfers zu verstehen.

Nun könnte man kritisieren, daß Michael Goi zu dick aufträgt, daß er dem Publikum die Botschaft seines Filmes mit dem Vorschlaghammer einbläut. Vielleicht trifft das zu. Fakt ist jedoch, daß es da draußen viele sadistische Perverse gibt, und daß sich einige dieser perversen Sadisten ihre Opfer übers Internet suchen. Megan Is Missing schildert, wie sich ein scheinbar cooler Typ, über den kaum etwas bekannt ist (und über dessen Beweggründe sich der Film in Schweigen hüllt), das Vertrauen eines der naiven Teenager erschleicht. Und sie und ihre Freundin schließlich ins Verderben lockt. Dabei geht Goi dermaßen schonungslos und unerbittlich vor, daß man unwillkürlich einen dicken Kloß im Hals und ein mulmiges Gefühl im Bauch verspürt. Dem Regisseur gelingt es, mithilfe der verschiedenen Aufzeichnungen (Webcams, Handyvideos, Videokamera, (sensationsgierige) Nachrichtensendungen, Überwachungskamera, Polizeifotos) und der tollen Hauptdarstellerinnen ein authentisches Flair zu erschaffen, welches trotz manch kleinem Fauxpas vollauf überzeugt. Die nüchterne, dokumentarische Stimmung macht es einem auch leicht, das Gesehene zu glauben. Es fühlt sich einfach echt an, was letztendlich dazu führt, daß man Megan Is Missing weniger sieht als vielmehr erlebt. Und es ist ein solch unangenehmes und schmerzhaftes Erlebnis, daß man diesen nihilistischen Schocker lange Zeit nicht vergessen wird. Harte, verstörende Kost, die schwer im Magen liegt und bei der es schwierig ist, sie mit einem lapidaren "it's only a movie" abzutun.

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