Maigret und sein größter Fall
"Maigret und sein größter Fall" ist für mich ein absoluter Lieblingsfilm. Von den Darstellern, über die Stimmung und die Schauplätze, bis zur Musik ist alles an diesem Film Klasse. Lose auf einem Simenon-Roman über den wohl berühmtesten französischen Kommissar basierend, schrieb Herbert Reinecker (diesmal sogar nicht unter Pseudonym, was einiges besagen will) das Drehbuch welches von seinem Lieblingsregisseur Alfred Weidenmann mit viel Gespür umgesetzt wurde. Beide hatten bereits oft und erfolgreich zusammengearbeitet, am bekanntesten ist wohl "Canaris" (1954) mit dem unvergesslichen O. E. Hasse.
"Maigret und sein größter Fall" besticht zunächst mal durch eine geniale Besetzung. Den Maigret spielt kein geringerer als Heinz Rühmann, der ein weiteres Mal mit geringem Aufwand eine grandiose Leistung abliefert. Er gibt den Kommissar als weisen Ermittler, der die Verbrecher mit messerscharfer Kombinationsgabe dingfest macht. Neben dem überragenden Rühmann spielt Françoise Prévost überzeugend die Bardame Simone, die schlußendlich völlig resigniert vor den Scherben der durch Phantastereien aufrechterhaltenen Lügengeschichte steht. Eine geniale Charakterstudie gibt auch Günther Stoll, der als drogensüchtiger Schlagzeuger Robin beim Zuschauer tiefes Mitleid erregt und vor allem stimmlich ein Genuß ist. Der junge (jedoch staturmäßig bereits ausgewachsene) Günter Strack spielt den verschmitzten Kommissar Delivigne mit einiger Ironie und es ist eine wahre Freude Strack und Rühmann zuzusehen, wie sie sich über ihre Erfahrungen im Pfeiferauchen austauschen ("Auf das Holz kommt's an, sagen Sie? Dann muß ich 'ne falsche gehabt haben. Aber, warum brennt's auf der Zunge?" - "Man kann für eine Pfeife zu jung sein, lieber Kollege"). Gerd Vespermann verkörpert Maigret's Assistent als ruhigen Ermittler, der seinen Chef schätzt und ihn zu respektieren weiß. Alexander Kerst als schmieriger Millionär Delfosse spielt gewohnt souverän und der Theaterschauspieler Edwin Noel, dessen einzige Filmrolle diese hier war, passt hervorragend in seine Rolle des verängstigten Kellners, der durch seinen Freund Rene immer tiefer ins Verderben gezogen wird. Jener Rene wird gegeben von Ulli Lommel, der hier wie ein deutscher Alain Delon spielt und eine kraftvolle Performance abliefert. Einen Gastauftritt (viel mehr ist es nicht) hat Günther Ungeheuer als fanatischer Bildersammler Holloway - und er beweist, dass man auch aus kleinen Rollen viel machen kann, den Ungeheuer spielt ungeheuer. Schließlich ist da noch Eddi Arent, der sich als ernsthafter Schauspieler in der Rolle des Versicherungsagenten profilieren kann. Das er von einem anderen Sprecher synchronisiert wird, ist seiner Rolle vielleicht sogar zuträglich - aber ich will mich da nicht festlegen. Die weitestgehend unbekannten italienischen Schauspieler liefert solide Leistungen, haben außerdem im deutschen hochkarätige Sprecher wie Michael Chevalier und Martin Hirthe.
Weidenmann inszeniert den Film als ruhiges Kriminaltheater, fängt die unbeschreibliche Atmosphäre des schweizerischen Lausanne in wunderschöne Bilder ein. Die triste Grundstimmung schlägt sich auch auf die Farben des Films nieder, der durchgegraute Kodakcolor steht dem Streifen gut. Kameramann Heinz Hölscher setzt die Vorstellungen seines Regisseurs gekonnt um und verdienst ebenfalls Lob.
Allergrößtes Lob gebührt allerdings dem Filmkomponisten Erwin Halletz, der für den umwerfenden Soundtrack verantwortlich zeichnet. Schon die Titelmusik lässt einen Freudensprünge machen, das melancholische Maigret-Thema für Akkordeon, Xylophon und Synthesizer ist ein wahres Prachtstück. Die Moulain Bleu Barmusiken sind grandiose Jazznummern, die Arrangements alter Spirituals für die schwarze Sängerin laden zum Mitträumen. Ein wahrer Himmel auf Erden jedoch ist das kraftvolle und supercoole Trompetensolostück bei dem Verhör von Stoll (dessen leerer Blick in dieser Szenen seines Gleichen sucht) durch Rühmann - und nach all diesen Vorzügen stört es auch nicht, dass das von Stoll dargebotene Schlagzeugsolo einen größeren Unterschied zwischen Bild und Ton kaum haben könnte. Es ist ein wahrer Jammer, das sich bis heute kein Label gefunden hat, die komplette Filmmusik auf CD ins digitale Zeitalter zu bringen.
Somit ist und bleibt "Maigret und sein größter Fall" für mich einer der schönsten Filme der 60er, den ich mir immer wieder ansehen kann, ohne Ermüdungserscheinungen zu bekommen. Hier passt wirklich alles: Eine Bündelung von schauspielerischen Kräften, eine tolle Atmosphäre, wunderschöne Bilder und eine der genialsten Filmmusiken, die ich je gehört habe. Ich liebe diesen Film. MUST SEE.