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Ben Barnes spielt den jungen Dorian Gray, der im viktorianischen Zeitalter von einem hedonistisch veranlagten Adeligen, gespielt von Colin Firth, in die Londoner Aristokratie eingeführt wird. Gray beginnt das leichte Leben in Luxus und Sex zu genießen und verkauft gewissermaßen seine Seele für seine Schönheit und Jugend, mit dem Resultat, dass sein Portrait an seiner Stelle altert. Sein Egoismus und seine Dekadenz steigern sich immer weiter, bis seine Sünden ihn schließlich einholen.

Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" gehört sicherlich zu den bekanntesten englischsprachigen Werken der Weltliteratur und wurde bereits mehrfach filmisch adaptiert. Damit ergibt sich auch schon die zentrale Frage: Hätten wir diese Neuverfilmung des Romans, in dem Wilde die Dekadenz und die Vergnügungssucht der britischen Oberschicht scharf kritisierte, wirklich gebraucht?

Hätte Regisseur Oliver Parker, der zuvor hauptsächlich mit weitestgehend unbeachteten Filmen in Erscheinung getreten ist, zumindest versucht, Handlung und Thematik in die Moderne zu verlegen, etwa auf den Börsencrash zu beziehen, so könnte man die Frage durchaus mit "ja" beantworten, doch Parker zeigt nicht den Mut zum Neuen, weswegen sein Werk im Grunde unnötig und überflüssig erscheint. Stattdessen handelt es sich bei "Das Bildnis des Dorian Gray" um eine etwas unmotivierte Adaption des Romans, die zudem im Aufbau etwas fahrig wirkt. So werden die Charaktere kaum tiefer konstruiert, womit der Film seiner Vorlage keineswegs gerecht wird, wobei besonders der Wandel von Gray, vom unerfahrenen, aber auch unverdorbenen Jüngling hin zum sex- und lustbesessenen Monster nicht so explizit zur Geltung kommt, wie man es sich hätte wünschen können, wozu aber auch der blasse Hauptdarsteller tatkräftig beiträgt.

Auch das Sittengemälde des viktorianischen Londons will nicht so recht überzeugen, zumal auch die Gesellschaftskritik Wildes nicht so richtig zur Geltung kommen will. Einzig die Konstruktion des, von Firth verkörperten Mentors Dorians überzeugt über weite Strecken, so ist dieser als hedonistischer Lebemann, der ein stückweit die Oberschicht repräsentiert, gut in den Film integriert, wird als Motor der Handlung geschickt ausgespielt, bis er am Ende schließlich erkennt, welches Monster er geschaffen hat.

So ist "Das Bildnis des Dorian Gray" inhaltlich unterm Strich ein Flop, weiß aber zumindest auf solidem Niveau zu unterhalten. Parkers Film ist durchaus gut bebildert und schnell genug erzählt, dass keine allzu großen Längen aufkommen. Im Endeffekt sind es jedoch hauptsächlich die Mystery-Elemente, die den Unterhaltungswert hoch halten. Die übernatürlichen Ereignisse rund um das Gemälde und die dunklen Bilder halten eine relativ düstere Atmosphäre über weite Strecken aufrecht, wobei immer mal wieder kleinere Schockmomente eingestreut werden, die dann auch durchaus zu zünden vermögen.

Ein weiterer Makel, der den Sprung übers Mittelmaß verhindert, ist Ben Barnes, der vollkommen blass und unbeholfen agiert, sichtlich mit dem Wandel seines Charakters überfordert ist und sich im Endeffekt darauf beschränkt, einfach nur gut auszusehen. Daneben zeigt Colin Firth, in der Rolle des Mentors, der Gray schließlich auf seine Abwege bringt, eine starke Vorstellung und stellt den Umbruch seines Charakters gelungen dar, während auch Rebecca Hall und Ben Chaplin keinen Grund zur Beschwerde hinterlassen.

Fazit:
Während die Charakterkonstruktion von Dorian Gray und die Gesellschaftskritik der Vorlage praktisch entfallen, ist auch der Plot eher zerfahren wiedergegeben, sodass Parkers Adaption im Grunde als unnötig abgeharkt werden kann, zumal jede Modernisierung des Stoffs fehlt. Gebraucht hätte sie also niemand, jetzt ist die Literaturverfilmung aber nun einmal da und im Grunde auch gar nicht mal so schlecht, da sie mit ihren Mystery-Elementen und der stilsicheren audiovisuellen Umsetzung zumindest solide Unterhaltung zu bieten weiß.

55%

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