Frischer Wind in alten Gewändern - in Zeiten, wo geradezu puritanisch angehauchte Stories praktisch anachronistischen Aufbaus wieder Hochkonjunktur haben (siehe auch: "Twilight"), hat es etwas für sich, berühmte Literaturstoffe mit einem frischen Anstrich zu versehen und der Jugend von heute nahezubringen, definiert sich hohe Literatur nicht zuletzt in den letzten Jahrzehnten nicht selten durch die entsprechenden Verfilmungen.
Was Oliver Parker angeht, selbst Schauspieler, so hat er sich schon in den 90ern einen Namen damit gemacht, das Werk Oscar Wildes ein wenig aufzupolieren und präsentierte mit "An Ideal Husband" und "The Importance of Being Ernest" zwei vergnüglich-modernisierte Werke aus der viktorianischen Zeit, auch wenn seine späteren Filme dann doch ein wenig geschmacksunsicher daherkamen (er war u.a. für die beiden "St.Trinians"-Remakes verantwortlich). Parker greift gern auf seine Stammdarsteller wie Rupert Everett und Colin Firth zurück und so war es kaum verwunderlich, daß man zumindest Firth auch bei "Dorian Gray" wieder auf der Besetzungsliste findet, allerdings in der Rolle des Mentoren Lord Henry Wotton, der den jungen, aber äußerst attraktiven Dorian erst auf seinen verderblichen Weg schickt.
Leider ist die überaus equisit gewählte Besetzung auch der einzig wirklich herausragende Punkt an dieser "Modernisierung", denn anstatt einer zynischen Satire über die Gesellschaft, kommt hier eine Art waschechter Horrorfilm aus der Vorlagenbearbeitung heraus, was Wildes Vorlage nicht unbedingt gut tut.
Während im Roman Gray sich angesichts seines Portraits freiwillig wünscht, dieses würde für ihn altern - was dann überraschenderweise auch funktioniert - generiert Erstlingsautor Toby Finlay (kein Gewinn für die Branche) daraus eines faustischen Pakt des Seele-Opferns und Rosenblätterverbrennens, während sich Firth als Mephisto seinen diabolen Bart rauft.
Was der Roman in der Folge zu bieten hat, taucht in der Folge des Films allerhöchstens noch als Vehikel auf: der Irrtum, daß sich Dorian in die Darstellungskünste der Schauspielerin Sybil Vane verliebt, anstatt in sie, gerät hier zu einem scheuen Jungmenschen, den seine Einflüsterer überzeugen, daß er für das Heiraten noch nicht geschaffen ist. Die Schuld ihres folgenden Freitodes taucht immer nur dann mal auf, wenn die Hauptfigur zeitweise zu dämonisch verdorben rumhurt, wie überhaupt der Prozess des "freizügigen Genusses" ein konfuses Hickhack geworden, irgendwo zwischen Naivität und der Schmierigkeit der 70er Jahre hin und her schwankend.
Ben Barnes, den man (nach zwei Narnia-Filmen), für die Rolle des unsterblich Schönen ausgesucht hat, sieht dann zwar hinreichend gut gewählt für die Rolle aus, hat aber mit der dramatischen Motocrossfahrt durch die Emotionen so seine Probleme und fällt nach und nach der Lächerlichkeit anheim, außer man ist weiblich/jung/leicht zu beeindrucken oder männlich/schwul.
Die bösen, bösen Exzesse, angefangen vom Zigarettenrauchen, über Huren, Alkohol und Opium bis zur homoerotischen Attacke auf den Malerfreund, wirken dabei stets forciert, brachial, gewollt und vor allem zunehmend urkomisch. Nicht zuletzt, wenn man daneben den würdevoll zynisch Bonmots streuenden Firth sieht, der hier wesentlich besser aufgehoben ist, als in einer modernen Romantikkomödie und allein durch Präsenz den Film vor dem Abgrund rettet (der ebenfalls gute Ben Chaplin hat dazu leider zu wenig Gelegenheit).
Aber das ist noch gar nichts gegen die zahlreichen Horrorversatzstücke, die nun gar nicht in den Film passen wollen - außer man möchte wieder mal ein sensationswilliges Publikum kurzschließen - und wie unnötige Schminke wirken.
Maden fallen dem Portrait aus den Augenhöhlen, im Hause seufzt und röchelts nach Kräfte, hier und dort knackt und knirscht es im Gebälk, im Vorbeigehen zeigen sich Fratzen in spiegelnden Oberflächen, ganz zu schweigen von dem bösartigen verstorbenen Großvater, der in absolut unpassenden Rückblenden Dorian schon als kleines Kind als Verkörperung des Todes definiert und ihn so zu einer Art Satanssohn macht, bevor er überhaupt der Versuchung unterliegt. Wenn die Fratze dann schließlich enthüllt wird, nach all dem vorwärmenden Tohuwabohu, dann ist die Enttäuschung groß - und nicht einmal der geschickte Dreh, statt einer neutralen Dritten die Tochter Wottons zum Objekt der Begierde zu machen, funktioniert dann noch besonders gut.
Es ist nicht auszuschließen, daß der Film als TV-Special durchaus sein Publikum verdient hätte, im Kino wirkt diese poppige und betont unterhaltsam aufgemischte Variante furchtbar um Drive und Schauwerte bemüht, scheitert aber genau deswegen an der zeitgemäßen und heute kaum mehr beeindruckenden Biederkeit, denn was hier als Skandal verkauft wird, haben die meisten Teenager schon auf ihren ersten drei Parties durchgezogen, da kann man nur noch milde grinsen.
Das Potential hat der Film durchaus, gute Darsteller, einen optisch passenden Protagonisten, aber leider kein Drehbuch, das die richtigen Schrauben für eine zeitgemäße Modernisierung andreht. Stattdessen bleiben wir in soliden Kulissen und viel viktorianischem CGI stecken und produziert wird nur ein Mischmasch, das in keiner Welt so richtig zu Hause ist.
In diesem Fall hätte Parker beim Buch bleiben sollen, denn leichte Straffungen und Erweiterungen sind immer viel zugänglicher als scheinbar notwendige Entstellungen, um die Twens und Teens bei der Stange zu halten. (4/10)