Staffel 1
Steve Buscemi spielt den Bezirksschatzmeister Enoch Thompson, genannt Nucky, der im Atlantic City der 1920er Jahre als graue Eminenz sämtliche Fäden in Wirtschaft und Politik zieht. Seine Macht sichert er sich durch Intrigen, taktisches Kalkül, Bestechung und Kontakte. Er bestimmt, wer Bürgermeister wird, er verkehrt in den höchsten Kreisen der republikanischen Partei, sein Bruder, gespielt von Shea Whigham, ist Sheriff von Atlantic City. Als 1920 die Prohibition beginnt, verdient Thompson zusätzlich am Alkoholschmuggel. Er kommt mit dem New Yorker Gangster Arnold Rothstein in Kontakt, den er von Atlantic City aus beliefern soll. Es kommt jedoch zum Konflikt zwischen den beiden Unterweltgrößen, als die erste Lieferung von Thompsons Protegé Jimmy Darmody, gespielt von Michael Pitt, abgefangen wird. Darmody flüchtet daraufhin nach Chicago zu seinem Geschäftspartner Al Capone, gespielt von Stephen Graham, während sich Thompson nicht nur mit Rothstein und dessen Laufburschen Lucky Luciano, sondern auch mit dem humorlosen Prohibitions-Agenten Nelson van Alden, gespielt von Michael Shannon, herumschlagen muss.
Seit „Die Sopranos“, seit „Breaking Bad“ und „Game of Thrones“, seit die innovativen und interessanten Geschichten immer mehr in TV- und Web-Serien erzählt werden, erklingen erste Abgesänge auf das Kino, wenngleich sie etwas voreilig sein mögen. So hieß es in der Wochenzeitung „Die Welt“, dass Scorseses neue TV-Serie, gemeint war „Boardwalk Empire“, das Kino ruinieren könnte. Immerhin inszenierte niemand geringeres als Produzent Martin Scorsese die Pilotfolge, für die „Sopranos“-Veteran Terence Winter, der Kopf hinter der Serie, das Drehbuch verfasste. Trotz einiger Emmy- und Golden-Globe-Awards bleibt aber festzuhalten, dass es sich bei der ersten Staffel von „Boardwalk Empire“ zwar durchaus um einen lohnenden Zeitvertreib handelt, aber nicht um eine echt Konkurrenz für die großen Gangster-Filme der älteren oder jüngeren Kinogeschichte.
Mag der historische Kontext, das Setting, der inhaltliche Schwerpunkt von „Boardwalk Empire“ auch ein gänzlich anderer als bei „Game of Thrones“ sein, so gibt es doch allerlei Gemeinsamkeiten zwischen den beiden HBO-Serien, bei denen in vielen Episoden die gleichen Regisseure am Werk waren. So werden bei „Boardwalk Empire“ rivalisierende Machtzentren in den Fokus gerückt, die zwar nicht Winterfell oder Königsmund heißen, in denen aber die Fürsten des Alkoholschmuggels, bestens vernetzt in Politik und Wirtschaft, eine ähnliche Macht ausüben, wie Adel und Könige in den sieben Königslanden. In Chicago kontrollieren Johnny Torrio und Al Capone die Unterwelt, in New York Lucky Luciano, Arnold Rothstein und Meyer Lansky das Glücksspiel - alles historische Figuren, um die sich heute Mythen und Legenden ranken und deren Geschichten geschickt mit der des weitgehend fiktiven Enoch Thompson verknüpft werden. Der wiederum basiert lose auf dem korrupten Politiker Enoch L. Johnson. Thompson kontrolliert als Kämmerer Atlantic City und damit einen Hafen, über den auch New York mit eingeschmuggeltem Schnaps versorgt werden soll.
Wie bei „Game of Thrones“ kommt es im Verlauf der ersten Staffel von „Boardwalk Empire“ zu Konflikten zwischen diesen Zentren, insbesondere zwischen New York und Atlantic City, zwischen Rothstein und Thompson. Aber auch innerhalb des Machtzirkels von Atlantic City gibt es keinen Mangel an Machtspielen und Intrigen. Thompson muss sich nicht nur diverser Komplotte seiner politischen Gegner bzw. rivalisierender Alkoholbrenner und -schmuggler erwehren, er steht auch im Fokus eines knallharten Prohibitionsagenten. Allein schon die taktischen Winkelzüge, mit denen Thompson jede dieser Krisen zu meistern und seine Macht immer weiter auszubauen vermag, sorgen für gelungene Unterhaltung. Dabei gewinnt auch der Mensch Enoch Thompson an Profil, der ein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater hat und eine Affäre mit der Mutter zweier Kinder beginnt, sodass auch die emotionale Komponente nicht vernachlässigt wird. Überhaupt nutzen die Macher der Serie die üppige Laufzeit gekonnt aus, um die Haupt- und auch Nebenfiguren vielschichtig anzulegen. Dabei stand den Machern ein großartiges Darstellerensemble zur Verfügung, das mit hervorragenden Charakterdarstellern wie Michael Shannon, Michael Pitt und Kelly Macdonald gespickt ist und von einem herausragenden und zu Recht mit dem Golden Globe prämierten Steve Buscemi angeführt wird, der den intriganten und stets auf den eigenen Vorteil bedachten Thompson doch jederzeit menschlich anlegt.
Am Ende hätten es aber ruhig zwei bis drei Episoden weniger sein dürfen, weil das Tempo punktuell etwas zum Erliegen kommt. Außerdem fehlen die ganz großen Höhepunkte, die unvergesslichen Szenen, die sowohl die gefeierten Serien wie „Breaking Bad“ oder „Game of Thrones“ als auch die Klassiker des Gangster-Genres wie „Der Pate“ oder „Heat“ hatten. „Boardwalk Empire“ hat weder ein prägendes Zitat a la „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann“, noch einen Gänsehautmoment wie das Zusammentreffen von Pacino und de Niro. Die Serie, mag sie auch flüssig erzählt, opulent und nostalgisch bebildert sein, entfaltet so nicht immer den avisierten epischen Atem, in den etwas schwächeren Episoden plätschert sie mitunter auch mal vor sich hin. Gut eingearbeitet sind aber die historischen Bezüge, die Schatten des kürzlich zu Ende gegangenen Ersten Weltkriegs, die Einführung des Frauenwahlrechts und die Wahl von Warren G. Harding zum US-Präsidenten. So gibt „Boardwalk Empire“ insgesamt ein hervorragendes Portrait der wilden Prohibitionszeit ab, wie vielleicht keine Serie bzw. kein Film zuvor. Das tröstet über die meisten Mängel weitgehend hinweg.
Fazit:
„Boardwalk Empire“ besticht durch seine starken Figuren, seine großartigen Darsteller, die opulente Inszenierung. In der ersten Staffel werden die drei Machtzentren des Alkoholschmuggels Chicago, New York und Atlantic City etabliert - mit Enoch Thompson als graue Eminenz von Atlantic City. Seine Machtspiele und Intrigen, die Affären und politischen Winkelzüge sorgen für gelungene Unterhaltung, wenngleich das Erzähltempo ruhig ein wenig zügiger hätte sein können.
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