Review

Die komplette Serie

Season 1
erstmals veröffentlicht: 02.06.2012

Alles ist bis in die Spitzen durchdekoriert, vom Hafen Atlantic Citys bis zur Kragennadel an Buscemis perfekt sitzendem Anzug. "Boardwalk Empire" stellt sich so in die Tradition des geschichtsbewussten Senders HBO, der erneut keine Kosten und Mühen scheut, um sich mit dem Kino einen erbitterten Kampf zu liefern. Auf Konventionen und Sitten wie regelmäßige Episodenlaufzeiten und explizite Nacktheit wird nicht erst hier geschissen, auch das gehört längst zum guten Ton bei HBO; die Darstellerleistungen, insbesondere Michael Pitts, Michael Shannons und Stephen Grahams, aber auch des oft kritisierten Steve Buscemi sind ebenso herausragend und ausdefiniert wie die Sets oder die Plots. Bei der feinen Strukturierung dieser Serie fehlt am Ende aber die Überraschung, der Fehler, der menschliche Makel, und so blickt man aller Perfektion zum Trotz doch über die Fassade der Coca-Cola- und Lucky-Strike-Werbeschilder und deckt mühelos auf, dass alles nur Schein und Trug ist. Dennoch wird man diesem Kunstprodukt aufgrund seiner fesselnden Erzählweise ungefragt in die zweite Staffel folgen.


Season 2
erstmals veröffentlicht: 26.10.2012

Die erste Staffel war zwar bereits extrem hochwertig produziert, litt aber an Konstruiertheit, die sich auch daran bemerkbar machte, dass nie richtig zu erkennen war, worauf die Handlung eigentlich hinauslaufen sollte. Die Prohibition schien dem Studio schlicht und ergreifend genug Potenzial für eine eigene Serie zu haben. Die Charaktere jedoch wirkten blass und sperrig, ohne das wie „Sopranos“ oder „The Wire“ mit Authentizität (im Sinne von Natürlichkeit) entschuldigen zu können. Die zweite Staffel macht da fast wie von selbst schon einiges besser: An der Erzählweise hat sich nur wenig geändert, und doch öffnen sich die Figuren endlich für Interpretationen, Handlungsstränge mit einem Ziel entwickeln sich und es wird endlich ein Konzept erkennbar. Inwiefern nun das Finale der dritten Staffel einen Gefallen tut, sei mal dahingestellt, entledigt man sich hier doch einem der interessantesten Elemente der Serie.


Season 3
erstmals veröffentlicht: 11.05.2014

Die Prohibitionsserie hält ihren hohen Produktionsstandard mühelos in allen Disziplinen. Einen gewagten Sprung machen die Drehbücher, denn für die Hauptfigur der Serie haben die Ereignisse der dritten Staffel gewaltige Auswirkungen, die ihn von alten Freunden trennen und neue Freunde finden lassen, derweil die Geschehnisse aus Staffel 2 nicht ohne Folgen abgehakt werden. Das lässt die Gesamterzählung insgesamt wie aus einem Guss wirken, gleichwohl nicht unerwähnt bleiben soll, dass einige Handlungsstränge nach mühsamem Aufbau einfach im Nichts fallen gelassen werden, allerdings ja nicht ohne die Option, dass sie in der vierten Staffel wieder eine Rolle spielen werden. Die Rechnung mit dem Hauptbösewicht immerhin wird noch innerhalb dieser Staffel beglichen, wenn auch vielleicht nicht ganz in der Form, wie man erwarten würde, so dass darüber gestritten werden kann, ob der „Abschlussfetischist“ in uns hiermit zufriedengestellt wird oder nicht.


Season 4
erstmals veröffentlicht: 03.10.2016

Man könnte der vierten Staffel unterstellen, sie tausche lediglich einen Villain (Bobby Cannavale) gegen den nächsten aus (Jeffrey Wright), tatsächlich bewegt sich die Storyline aber so komplex und auf so vielen Wegen fort, wie man es von ihr gewohnt ist. Dem durchaus wieder spannenden Bandenkonflikt zwischen Nucky und Narcisse (einziger Wermutstropfen in diesem Handlungsstrang: Margot Bingham, die deutlich besser singen als spielen kann), den man als Hauptstory bezeichnen kann, werden viele weitere Subplots hinzugefügt, die auch interessante neue Rollen einbinden, beispielsweise Patricia Arquette als Bardame, insbesondere aber Eric Ladin als J. Edgar Hoover, dessen Ermittlungen die Perspektive leicht aus dem Innenzirkel der Unterwelt in die legislative Ebene ziehen und damit in ein Stück weit in die gesellschaftliche Realität. Ausstattung und Inszenierung bleiben gewohnt geschmackvoll, diverse Höhepunkte werden nach Vorbild der alten Schule eher antiklimatisch dargestellt anstatt der reißerischen Montage jüngerer Produktionen nachzugeben. Der Fokus rückt immer weiter davon ab, Steve Buscemi als Mittelpunkt aller Abläufe zu betrachten; einige Dinge entziehen sich völlig seines Handlungsspielraums, auch wenn dies manchmal nur dem Schein nach so ist.

So bleibt "Boardwalk Empire" auch in seiner vierten Staffel ein Flaggschiff der Fernsehunterhaltung, das weiterhin als Referenz gelten muss.

Season 5
erstmals veröffentlicht: 25.02.2018

Der Abschied ist in der fünften Staffel von der ersten Minute an spürbar. Nicht nur, weil sie es mit ihren acht Episoden kurz und schmerzlos macht; vor allem, weil sie strukturiert ist wie ein langer Epilog.

De Autoren ziehen mit ihren Bleistiften inzwischen nur noch Kreise und suggerieren damit das Ende einer Ära. Anstatt die kurze Zeit zu nutzen, um die vielen Handlungsstränge zu einem sauberen Ende zu führen, ist jede der acht Folgen durchzogen von Flashbacks in die Kindheit und ins junge Erwachsenenalter von Nucky Thompson; so als hätten die vorangegangenen Jahre nicht längst gezeigt, wo die von Steve Buscemi zwischen Gebrechlichkeit, Intelligenz und Dominanz verortete Hauptfigur der Serie ihre Wurzeln hat. Im Grunde führen die Ausflüge in die Vergangenheit also zu wenig bis nichts; begeistert sein kann man allenfalls von Marc Pickering in der Rolle des jungen Nucky, der Buscemi dank kosmetischer Nachhilfe (die Zähne müssen Prothesen sein) verblüffend ähnlich sieht, viele seiner Manierismen perfekt nachstellt und doch seine eigene Interpretation der Rolle durchsetzt.

Die Gegenwart ist derweil davon geprägt, eine Stimmung des leisen Untergangs zu erzeugen, während die Prohibition auf ihr Ende zuläuft und der Alkohol niemanden mehr zu interessieren scheint. Die Clubs erscheinen verglichen mit den Anfangsjahren leer, die kleinen Fische im Haifischbecken sind längst nur noch Skelette auf dem Grund und die Großen beginnen sich gegenseitig aufzufressen. Einerseits hat das leise Abtreten großer Persönlichkeiten seinen Reiz, andererseits erscheinen die Wege dorthin ein wenig schreibfaul. Viele wichtige Figuren lassen die Autoren einfach blind in Sackgassen rennen und stumpfsinnig vor dem Lauf einer Pistole enden, die Geschichten anderer wichtiger Figuren wiederum werden bewusst nicht zu Ende erzählt. Zwei Episoden vor Schluss deutet sich so etwas wie eine große Aufräumaktion an, übrig bleibt aber nur ein Haufen Elend. Möglicherweise ein gerechtes Ende für eine Gangsterballade, allerdings eine solche, die mit wenig Gespür für Poesie zu Ende geführt wird.

Details
Ähnliche Filme