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Als Fellini 1963 "Otto e mezzo" (Achteinhalb) drehte, befand er sich in einer Art Schaffenskrise, die er konstruktiv mit der Geschichte über einen Regisseur verarbeitete, der daran scheitert, einen Film zu drehen. Dieser Rahmen gab ihm die Gelegenheit, in einer Art Rundumschlag alles anzusprechen, was auf einen Regisseur - hier in der Person seines Alter Ego "Guido Anselmi" - beim Filmschaffen einstürzt - von der Erwartungshaltung des Publikums über die wirtschaftlichen Überlegungen der Produktion, Auswahl der Darsteller bis hin zu dem eigentlichen künstlerischen Prozess, der ihn mit seinen ganz persönlichen Vorstellungen konfrontiert - zu Staat, Gott, den Frauen, und vielem mehr.

Konsequenterweise nannte Fellini den Film "Achteinhalb", um damit zu betonen, dass dieser - eigentlich sein neunter Film (durch die Zusammenarbeit mit Lattuada zählte er "Lichter des Varieté" nicht dazu) - gar nicht fetiggestellt wird, sondern nur einen gescheiterten Prozess widerspiegelt. Wenn jetzt dieser Stoff als "Nine" in den Kinos erscheint, scheint das anzudeuten, dass der Prozess inzwischen als abgeschlossen gilt. Tatsächlich handelt es sich hier um kein Remake, sondern um die Verfilmung eines erfolgreichen Musicals, dass auf Basis von Fellinis Film entstand.

Allein schon die Vermarktung, die mit einer großen Zahl von Frauen auf den Plakaten aufwartet - darunter auch seine Kostümbildnerin (Judi Dench) und seine Mutter (Sophia Loren) - und damit die Zahl "Neun" eher in die Richtung der Vielweiberei hindeutet, zeigt, dass die ursprüngliche Fassung und die dazugehörige Intention keine echte Bedeutung mehr haben. Doch das spielt letztlich keine Rolle, denn sowohl Film als auch Musical nutzen für ihre Zwecke den modischen Hintergrund der 60er Jahre, das italienische Flair und das Klischee der mediterranen Leidenschaft, dass einen echten Künstler in Verwirrung stürzen kann.

Im Mittelpunkt steht dabei Guido Contini (Daniel Day-Lewis), der Nachfolger Marcello Mastroiannis, der zuvor Fellinis Rolle im Film übernommen hatte. Mit 60er Jahre Brille, Anzug und dem allgegenwärtigen Alfa Romeo Cabriolet, kann er sich gut in diese Reihe einfügen und verkörpert geradezu ideal das Bild eines Menschen, der sich den Avancen der Frauen und des Publikums erwehren muss und dabei seine künstlerische Identität bewahren will. Ständig in Aktion, wechselt er Ort um Ort, ohne irgendetwas zu Ende zu bringen, immer vom Bemühen geprägt, die Leere in seinem Kopf vor den Anderen zu verbergen. Sein Versuch, an einem ruhigen Ort abschalten zu können, muss deshalb scheitern, denn schon nach kurzer Zeit ist nicht nur seine Geliebte (Penelope Cruz) dort, die er heimlich in einer kleinen Pension unterbrachte, sondern die gesamte Crew mit seiner Hauptdarstellerin (Nicole Kidman), dem Produzenten und nicht zuletzt seine Ehefrau (Marion Cotillard) - kurz, das Chaos ist perfekt.

Ganz so durcheinander geht es im Film dann nicht zu, denn schliesslich handelt es sich um ein Musical, in dem die getanzten und gesungenen Nummern zwischendurch für Ruhe sorgen. Im Gesamtkonzept bleiben diese musikalischen Einschübe eher zurückhaltend, da mit ihnen vor allem die fantastischen Momente umgesetzt werden. Hier erscheint dem Regisseur nochmals seine verstorbene Mutter, wird er an erste sexuelle Erlebnisse seiner Jugend erinnert oder verkörpern sich seine Vorstellungen von einem zukünftigen Film. In diesen, teilweise sehr gut umgesetzten, aber immer ansprechenden Nummern, werden wesentliche Elemente des italienischen Films angesprochen, so wie auch die Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche, zu der Day-Lewis selbst beiträgt.

Die Bedeutung der Szene mit der von Stacey Ferguson verkörperten Prostituierten für die männliche italienische Jugend der Zeit von vor 1960, erschliesst sich aus der heutigen Gegenwart genauso wenig, wie es Daniel Day-Lewis' Diskussion mit den Kirchenvertretern an Provokation fehlt - aus dem zeitlichen Zusammenhang gerissen, verlieren Fellinis Gedanken ihre Bedeutung, und "Nine" wird zu einem Film der Gegenwart, der mit aktuellen Darstellern folkloristisch die 60er Jahre auferstehen lässt - ästhetisch, mit einem sehr guten Daniel Day-Lewis, durchaus unterhaltend, aber ohne jeden Tiefgang (6/10).

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