Review

So man denn über die Doku "Plastic Planet" stolpern sollte: wenn sie an ein paar erschreckenden Fakten zum Thema Plastik auf unserem Planeten interessiert sind, dann ist das die richtige Adresse.
Wer bisher nicht total uninteressiert an solchen ökologischen oder medizinischen Themen war, kann hier eine echte Paranoia-Dröhnung bekommen, denn abgesehen von solchen wundervollen Daten wie die Möglichkeit, die Erde mit dem kompletten Plastik des Planeten sechsmal umhüllen zu können, extrahiert Werner Bootes Film immerhin folgende Informationen, die jeden ein wenig nachdenklich stimmen sollten: 1)kleinste Plastikteilchen sind bereits an jedem Ort unseres Planeten nachweisbar; 2) Plastik lagert sich in unserem Körper an und senkt neben anderen gesundheitlichen Risiken die Zeugungsfähigkeit und 3) die meisten industriellen Zweige, die Plastikmaterialien verwenden, wissen nicht (oder wollen nicht wissen), wie der Kunststoff hergestellt wird und ob das Zeug ggf. schädliche Nebenwirkungen hat, weil die Plastikindustrie auf dem Herstellergeheimnis sitzt wie die Adlermama auf dem Nest.

Ich stoppe dann hier auch gleich mit den durchaus ehrenhaften Inhalten dieses Films, der so seine Existenzgrundlage zumindest inhaltlich geschaffen hat, doch wenn wir uns an die Darreichungsform machen, kommt "Plastic Planet" leider schauerlich ins Husten.
Man ist ja in den letzten Jahren in Sachen Kinodoku eigentlich nur zweierlei gewöhnt: entweder idyllisch latent-kritische Naturbildchen für den Awww-Effekt aus dem Hause Disney und Epigonen oder populistische Stimmungsmache aus dem Hause Michael Moore, der mittels Schnitt und Suggestivfragen immer schön sensationell dorthin kommt, wo er hin will.

Werner Boote, der Regisseur, Autor, Hauptdarsteller und teilweise auch Kameramann dieses Films, hat, leider muß man ungewollt sagen, von beidem nichts. Stattdessen präsentiert er die ungeheuren Zustände auf diesem Planeten in einer chronologisch und narrativ wirren Collage aus Reiseberichten, Interviews, Experimenten, kurzen Animationen und Galileo-ähnlichen Jux-Experimenten (bei denen fünf verschiedene Familien von diversen Kontinenten all ihre Plastiksachen vor ihre Häuser räumen), eingefaßt durch eine familienbezogene Klammer, nachdem Großvater Boote früher mal in der Plastikindustrie gearbeitet hat.
Selbige führt allerdings im Film zu nichts Wesentlichem, wie der ganze Film eigentlich nirgendwo hin führt.
Boote ist, wenn man mal salopp sein möchte, ein wortkarger Schluffi, der mit der kanalisierten Energie einer toten Erdnuss über die Kontinente schleicht, sich jeglicher Mimik enthält und mit der Euphorie und dem Nachdruck einer leeren Kekspackung seine Interviews zusammennuschelt, die jegliche Schärfe oder Ziel vernachlässigen.

In den seltensten Fällen kommt dabei, außer den o.a. erschreckenden Fakten, etwas Erhellendes heraus, etwa gleich zu Beginn als sich ein aalglatt-höflicher Verantwortlicher der europäischen Plastikindustrie mit wendungsreichen Phrasen aus einem so kritischen Gespräch windet, wie es sonst nur ökologisch-bewußte Vorschüler hinbekommen. Doch anschließend geht die große wilde Weltreise los, auf der dem Filmemacher doch glatt immer mehr Zweifel kommen, während er mit müder Stimme vereinzelt Kommentare zu seinen Bildern abgibt. So simpel, naiv und zäh, wie uns das Thema "Alltag und Plastik" dann aber nahegebracht wird, wäre es eine Beleidigung für engagierte TV-Programme wie "Wissen macht Ah" oder die "Sendung mit der Maus", denn da weiß man, was das interessierte Jugendpublikum verlangt: packend, interessant und komplex verpackt sollte es sein, mit Witz und Esprit.
Letzteres ist aber nicht Bootes Ding, der die erschreckende Simplizität am Anfang später mit dem Durcheinanderschmeißen endloser chemischer Fachbegriffe konterkariert, die nun gar nicht dazu passen wollen. Dazu hat man die Interviewpassagen (recht viele übrigens), allesamt inhaltlich kurz, aber umständlich und statisch gefilmt, im O-Ton gelassen und untertitelt, was uns die Gelegenheit gibt, eine Menge kuriose Akzente und schräge Typen zu begutachten.

Und so schleppt sich der Film nur mit marginaler Steigerung der verarbeiteten Inhalte über die Zeit, bietet aber kein Ziel, keinen Ausweg, keinen Sinn an sich. Für Warnungen ist Boote zu phlegmatisch, Lösungen für das Problem gibt es nicht, ein neues Bewußtsein wird kaum gefordert oder angesteuert und die Familiengeschichte erscheint mehr und mehr wie ein notnagelähnlicher windiger Aufhänger. Zumal erzählerisch immer wieder Rückschritte gemacht werden oder man das Sujet wechselt, sobald es interessant wird.
Um so witziger, aber auch sinnloser, wenn er am Ende doch auf Michael Moore macht, mit einem Faktenkoffer hilflos über eine Plastikmesse stolpert oder Warnungen im Supermarkt auf Verkaufspackungen klebt - gut, vielleicht eine Metapher auf Machtlosigkeit, aber wenn mir das Ende der Welt schon propheizeit wird, dann will ich wenigstens auf der Leinwand jemanden sehen, der seine Lehren gezogen hat. Boote geht auf den Friedhof und knuddelt seine Mutti, weil die Plastikblumen auf Gräbern verschmäht - die Erlösung ist bestimmt ganz nahe.

Nein, ich will sicher nicht die gute Absicht schmähen, die hinter dem Film steht, aber Boote, der fürs TV Knaller wie "Die Kunst der Weihnachtsbeleuchtung", "Die Kunst des Paartanzes" und "Die Kunst der Schundliteratur" abgedreht hat, fehlt jegliches Talent für ein echtes Kinoformat. Was er zu erzählen hat, ordnet er falsch an oder gewichtet es verkehrt; wie er es zu erzählen hat, scheint er sich nicht überlegt zu haben und wohin er damit will, wird gar nicht klar. Mag sein, daß er so autark ist, daß er das komplett seinem Publikum überlassen möchte, aber dann synthetisiere ich hier eine gewisse "Resignation des Scheiterns" heraus, denn Boote wird nicht zum Eremiten in der abgelegenen Holzhütte, sondern muß notgedrungen weiter aus Plastikflaschen nuckeln. Bitter bitter, aber hätte man sich als Dokufilmer nicht in allererster Linie darauf besinnen sollen, wie ich meine künstlerische Integrität bewahre UND gleichzeitig möglichst viele Zuschauer erreiche. Mögen die Leute im Kino vielleicht als Direktzahler ausnahmsweise sitzen bleiben, im TV hätte man so dröge und wirre Beiträge längst abgeschaltet. (4/10)

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