Unser Planet besteht aus Plastik. Oder besser gesagt, er ist von Plastik durchdrungen – Mikroplastik in allen Bereichen der Weltmeere, Müll an den entlegensten Orten, tonnenweise Plastikprodukte in jedem Haushalt. Das ist eine der Erkenntnisse, die man aus dem 2009er Dokumentarfilm „Plastic Planet“ mitnehmen kann – neben allerhand wissenschaftlichem Grundwissen zu Plastik, seinen Folgen und Gefahren und Vorschlägen, wie man dieser Herr werden kann.
Die deutsch-österreichische Co-Produktion hat aus heutiger Sicht natürlich allerhand an Aktualität verloren – zu tief ist das Bewusstsein umweltgefährdender Produktionsverfahren und Handelskreisläufe mittlerweile auch im Mainstream geworden, zu viele gesetzliche Regelungen wurden mittlerweile geändert. Dennoch kann der Film als Bestandsaufnahme der öffentlichen Diskussion gegen Ende der 2000er immer noch interessieren. Und dank seiner flotten und meistens leicht verständlichen Erzählweise auch durchaus unterhalten.
Drehbuchautor, Regisseur und Hauptprotagonist Werner Boote führt die Zuschauenden mit locker-flockigem Understatement durch die Geschichte, die er erzählen will – angefangen von seinem eigenen Großvater, der in den 1960ern in der boomenden Plastikproduktion Karriere machte, bis zu aktuellen Problemen und Entwicklungen. Er führt allerhand Interviews mit Geschäftsführern von Plastik produzierenden Firmen, Umweltschutzverbänden, Wissenschaftlern oder Aktivistinnen. Und er reist weit durch die Welt, um die komplexe Verkettung der industriellen Herstellung und Verwendung schädlicher Materialien in der globalisierten Weltwirtschaft zu verdeutlichen. Das ist oft sehr unterhaltsam, etwa wenn er sich durch eine chinesische Fabrik führen lässt, in der Weichmacher und Schutzschichten für Plastikprodukte hergestellt werden, oder wenn er eine Meeresbiologin bei ihrer Arbeit begleitet und sich erklären lässt, dass manche Bestandteile von Mikroplastik das Geschlecht von Fischen ändern können.
Leider krankt der Film ein wenig an dem Problem, das viele solche One-Man-Show-Dokumentationen zeitigen: Boote entwickelt einen gewissen Hang zur Selbstdarstellung. Ob er sich auf eine Messe der Plastikindustrie stellt und den vorbeiströmenden Besuchendenmassen höchst ineffektiv die Gefahren des Plastik entgegenruft oder ebendort einen (arg bemüht wirkenden) Mini-Eklat bei eben dem Chef herbeizuführen versucht, den er anfangs des Films noch freundlich lächelnd in der Firmenzentrale interviewt hatte – vielen Szenen merkt man nicht nur ihre Inszenierung an, sondern eben auch, dass sie nur um eines persönlichen dramatischen Effekts wegen im Film gelandet sind (wahrlich kitschig wird es, als er ganz am Ende mit der eigenen Mutter das Grab des Großvaters besucht und sie dafür lobt, dass sie die Plastikblumen durch echte ersetzt hat). Auch in Interviews spürt man immer wieder eine gewisse moralische Überlegenheitshaltung in der Art, wie er seine Fragen bewusst begriffsstutzig oder manipulativ stellt. Ein wenig kommt man um das Gefühl nicht herum, dass hier die ebenso umstrittenen Methoden eines Michael Moore nachgestellt werden sollten – nur leider viel weniger subtil.
Auch inhaltlich gibt es hier weiß Gott nicht so viel zu entdecken, wie es angesichts eines solch komplexen und vielschichtigen Themas möglich wäre. Zwar gefällt die Mischung der Fakten für eine allgemeinverständliche Einstiegsdokumentation sehr gut – die wissenschaftlichen Grundlagen der Herstellung, die mitunter zufällig entdeckten Folgewirkungen, wenn Plastik in die Umwelt gelangt, die Ansätze zur Verbesserung der aktuellen Situation – doch mitunter schleichen sich auch immer wieder Leerläufe ein. So wird die Tatsache, dass sich aus Plastikprodukten Mikrostoffe lösen und in die Umwelt oder den Organismus gelangen können, sehr oft wiederholt, ebenso wie andere nicht allzu schwer verständliche Dinge, die man schon beim ersten Mal begriffen hatte.
Vielleicht will „Plastic Planet“ etwas zu viel: zu viele Handlungsorte, zu viele verschiedene Aspekte, die oft nicht tief genug behandelt werden, zu viele Agierende und Interviewte. Trotzdem bleibt er ein informativer, interessanter und vor allem unterhaltsamer Beitrag dazu, wie die moderne Lebensweise des Menschen ihn selbst und seine Umwelt zu gefährden vermag. Auch die rund um die Welt entstandenen Bilder können immer wieder beeindrucken. Als Einstieg ins Thema kann der Film auch heute noch durchaus überzeugen.