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"I can talk to you and talk to you and you just look up at me with that stupid smile of yours. I can say anything to you, you ignorant bastard, and you just smile. Maybe God was kind to you when he made you this way. Maybe God knew what he was doing when he gave you to me to take care of. [...] You ignorant, God never intended for you to be loved by anyone. You were made to serve me and only me, you understand?"
(Guru, der irre Mönch, zu seinem hörigen Diener)

Ein kleines Dorf mit einer großen Kirche, irgendwo in Osteuropa, irgendwann im Mittelalter. Die hübsche Nadja (Judith Israel), der vorgeworfen wird, ihr eigenes Kind ermordet zu haben, landet im Gefängnis. Ein Mißverständnis, schließlich kam das Baby - das Ergebnis einer Vergewaltigung durch Zigeuner - bereits tot zur Welt. Da trifft es sich gut, daß ihr früherer Freund Carl (Paul Lieber) als Gefängniswärter arbeitet und sie nach wie vor liebt. Carl bittet Guru (Neil Flanagan), das geistliche Oberhaupt der Gemeinde, um Hilfe, denn dieser ist nicht nur für die Seelsorge seiner Schäfchen sondern auch für die Rechtssprechung zuständig. Im Falle von Nadja läßt Guru tatsächlich Gnade walten; nicht, weil er so ein herzensguter Priester ist, sondern weil er auf das süße Ding scharf ist. Mit einem Pulver, das er bei der sonderbaren Giftmischerin Olga (Jaqueline Webb) bezieht, täuscht er Nadjas Tod vor und versteckt sie fortan im Glockenturm seiner Kirche. Anderen ergeht es weniger gut, werden die harten Urteile üblicherweise doch erbarmungslos vollstreckt. Da werden dann Hände abgehackt und Augen ausgestochen. Nadja wird in ihrem kargen Versteck von Gurus buckligem Diener Igor (Jack Spencer) versorgt, der ebenfalls ein Auge (er hat ja auch nur eines) auf die holde Maid geworfen hat. Das einsame Mädel, das vom Turmfenster aus eine schöne Aussicht genießt, merkt bald, daß da etwas faul ist im Staate Mortavia. Wieso gehen so viele Menschen in die Kirche rein, aber niemand kommt wieder raus? Als zwei hohe Geistliche die Insel besuchen, um Guru mitzuteilen, daß er abgelöst werden soll, eskaliert die Situation.

Es ist vollbracht! Mein erster Milligan! Tatsächlich war das verrufene, von vielen gemiedene, von noch mehr Legenden umrankte Milligan-Land bis dato ein weißer, unberührter Fleck auf meiner ganz persönlichen Genrelandkarte. Mit Guru, the Mad Monk hat sich das nun geändert. Und nicht nur das. Endlich verstehe ich auch, warum das Filmschaffen des amerikanischen Low-Budget-Auteurs einerseits als grottenschlechter Amateurmüll gilt, ihm von anderer Seite jedoch auch ein süchtig machender Kultstatus attestiert wird. Die Antwort ist, nach Sichtung von Guru, the Mad Monk (der einer der schwächeren Arbeiten in Milligans Oeuvre sein soll), so einfach wie naheliegend: Es stimmt beides. Guru, the Mad Monk ist eine dermaßen irrwitzige Katastrophe, daß man ihn einfach lieben muß. Der billigst heruntergekurbelte Streifen strotzt nur so vor hanebüchenen Elementen, lustigen Regiefehlern, schauspielerischen "Glanzleistungen" und unfaßbaren Spezialeffekten, daß man nur fassungslos den Kopf schütteln kann, während sich einem gleichzeitig ein breites Grinsen ins Gesicht stiehlt. Mitverantwortlich dafür ist der Plot, der nicht nur recht komplex ist, sondern auch einige haarsträubende Wendungen nimmt. Daß Guru (nicht zu verwechseln mit Guru Guru, Obelix' Bezeichnung für den Truthahn) sein Budget aufbessert, indem er seine hingerichteten Opfer an Universitäten verkauft, ist da noch leichter zu verkraften als die Enthüllung, daß die in wallende Gewänder gekleidete Olga vampirische Tendenzen an den Tag legt. Und immer wenn der einäugige Bucklige auf der Bildfläche erscheint (der, wie könnte es anders sein, auf den Namen Igor hört) und seine famose Show abzieht, verschwimmt die Sicht, weil die verblüfften Augen spontan zu tränen beginnen. Herrlich sind auch die selbstgeschneiderten Kostüme, mit denen Milligan - der ein ausgeprägtes Faible für Period Pieces hatte - seine Akteure einkleidete.

In einigen Momenten mutet Guru, the Mad Monk wie eine Sonderaufführung der örtlichen Laienschauspielgruppe an. Die Umsetzung des bizarren und ziemlich geschwätzigen Geschehens hat etwas arg Theatralisches an sich, doch gerade dadurch entwickelt der krude Streifen sein ganz eigenes, höchst bezauberndes Flair. Milligan fängt das mit feierlichem Ernst präsentierte Szenario recht statisch und nüchtern ein, er verzichtet rigoros auf jedweden inszenatorischen Schnickschnack. Man könnte sagen, seine Regie ist zweckmäßig. Guru, the Mad Monk ist kein schöner Film. Ein ziemlich sadistischer und menschenfeindlicher Grundton zieht sich durch das grausige Geschehen, welches in ein hysterisches Finale gipfelt, das man gesehen haben muß. Die Kirche wird in keinem guten Licht präsentiert, sind deren Vertreter doch durchwegs machthungrige Kotzbrocken, denen man nicht allein im Dunkeln begegnen möchte. Guru ist da keine Ausnahme. Tatsächlich ist der Geistliche völlig geisteskrank, was in einer köstlichen Sequenz, in der Guru mit seinem eigenen Spiegelbild debattiert, hübsch veranschaulicht wird. Die Spezialeffekte sind nicht wirklich "spezial", aber ungeheuer drollig. Grand Guignol für Arme. Die abgetrennten Hände stammen z. B. offensichtlich von einer Schaufensterpuppe, und die aus den Höhlen quellenden Sehorgane können vieles sein, aber ganz bestimmt keine Augen. Eine zünftige Kreuzigung gibt es auch noch zu bestaunen, bevor Milligan im hektischen Finale noch mal alle Register zieht. Milligan schert sich keinen Deut um Zuschauererwartungen; ebenso wenig berücksichtigt er etablierte Filmkonventionen. Er zieht sein Ding durch, ohne Rücksicht auf Verluste, konsequent bis zum bitteren Ende. Und das rentiert sich. Guru, the Mad Monk mag eine zynische, spannungslose, trashige Schmierenkomödie sein, aber nichtsdestotrotz ist der Streifen auch ein immens faszinierendes, fast schon einzigartiges Filmerlebnis. Zumindest für wagemutige Sympathisanten des etwas anderen Filmes.

Andy Milligan, der sich das Filmemachen selbst beibrachte, wurde am 12. Februar 1929 in Minnesota geboren. Im Filmgeschäft trieb er von 1965 bis 1989 sein Wesen, und seine Werke tragen illustre Titel wie The Gay Life (1967), The Naked Witch (1967), The Ghastly Ones (1968), Gutter Trash (1969), Torture Dungeon (1970), Bloodthirsty Butchers (1970), The Rats Are Coming! The Werewolves Are Here! (1972), The Man with Two Heads (1972), Fleshpot on 42nd Street (1973), Legacy of Blood (1978), Carnage (1984), Monstrosity (1987) und The Weirdo (1989). Es gibt (für mich) also noch viel zu entdecken im gar nicht so kleinen Milligan-Land. Der homosexuelle Filmemacher starb am 3. Juni 1991 in Los Angeles an AIDS.

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