Im Jahre 1967 debütierte Jean Rollin als Regisseur und veröffentlichte „Die Vergewaltigung des Vampirs“, einen der wichtigsten modernen Horrorfilme Europas. Noch bevor George Romero mit „The Night of The Living Dead“ den Zombie-Film erneuerte, widmete sich der Franzose dem romantischem Vampir-Film und landete einen vollen künstlerischen Erfolg.
S handelt sich eigentlich um ein aufgeblähtes Double-Feature zweier Kurzfilme, wobei der erste mit etwas mehr als dreißig Minuten Laufzeit der wesentlich kürzere ist. Obwohl solch ein Umstand nicht gerade für Qualität stehen mag, gelingt dem Regisseur ein mehr als zufrieden stellendes Werk. Um den Film ins Kino zu bringen musste diese künstliche Aufrüstung sein und beide Geschichten haben genug Reiz um durchweg zu unterhalten.
Nicht die simpel gestrickte Story macht die Klasse des Werkes aus sondern die eindrucksvolle Bildsprache ist der größte Pluspunkt. Die beiden Geschichten funktionieren unabhängig voneinander und sind auch in sich geschlossen. Episode eins kann mehr überzeugen, das resultiert einerseits aus dem guten Ende und andererseits durch die kurze Laufzeit. Die längere zweite Episode wirkt langatmiger und nicht mehr so straff inszeniert. Allgemein hat mich die erste Episode mehr überzeugt.
Die Atmosphäre wirkt geradezu kafkaesk, bedingt durch eine kalte schwarz-weiße Optik, welche für wunderbar wohligen Grusel sorgt. Die avantgardistische Symbolik und die experimentelle Technik trennen „Die Vergewaltigung des Vampirs“ deutlich von klassischem Grusel Marke Hammer. Das gleiche gilt für die abgedrehte Geräuschkulisse die als Score dient und eine perfekte klangliche Untermalung abgibt.
Die Drehorte sind hervorragend gewählt, genauso wie die exquisit gestalteten Kulissen. Mit einfachsten Mitteln beschwört man eine sehr düstere Stimmung, die sich bis zum tragischen Ende hinzieht. Auch die Schauspieler wirken sehr fähig und spielen mit viel Elan und verstärken somit den positiven Gesamteindruck.
Wie so oft bei Jean Rollin wirken die Dialoge oftmals sehr poetisch, oftmals wurde sein Stil von Jess Franco plagiiert. An den großen Rollin kam Franco aber nur in seinen besten Momenten annähernd heran. Bereits in diesem ersten Film bewies Rollin große handwerkliche Fertigkeiten und optisch macht „Die Vergewaltigung des Vampirs“ von daher einen starken Eindruck.
Übrigens war in diesem Fall nicht die deutsche Titelschmiede verantwortlich für den haarsträubenden Titel: Rollin benannte seine Filme stets mit sehr plakativen Schlagwörtern um ihnen mehr kommerzielle Zugkraft zu verleihen. Tatsächlich ging dieses Konzept relativ gut auf, denn formal sind nur wenige Filme Rollins wirklich dem Mainstream zuzuordnen.
Bedenkt man die frühe Entstehungszeit, so überrascht der häufige Einsatz von Gewalt-Szenen und noch mehr Nudity schon ein wenig. Ein Splatter-Film ist nicht draus geworden, schon weil es Rollin nur untergeordnet um die Darstellung grafischer Gewalt geht. Seine Ästhetik macht aber schon hier einen sehr ausgereiften Eindruck, weshalb der künstlerische Aspekt schnell erkennbar wird. Dabei wird es manchmal ein wenig langweilig, doch niemals eintönig und die Tatsache das man gleich zwei gute Schlusspointen in nur einem Film sieht entschädigt für vieles.
Später verwendete der Regisseur auch explizite Splatterszenen und drehte Pornos um finanziell mithalten zu können. Sein frühestes Werk ist noch frei von kommerziellen Zugeständnissen (bis auf den polemischen Titel) und stellt eine klare Empfehlung für alle aufgeschlossenen Cineasten dar. Denn ein Kunstwerk ist „Die Vergewaltigung des Vampirs“ in jedem Fall, wenn auch kein perfekt gelungenes. Rollins revolutionäre Verquickung aus moderner Kunst (stark von Pop-Art-Legende Andy Warhol beeinflusst) und früher Exploitation ist schon mehr als nur einen Blick wert, vor allem da hier noch deutlich der erste Punkt überwiegt.
Den gängigen Vampir-Mythos revolutioniert Rollin in keiner Form, er setzt sich nur über Genre-Konventionen hinweg und lässt viele klassische Aspekte einfach weg. Eine eigene Mythologie wird auch nicht entworfen und die Vampire in Rollin-Filmen waren stets ungewöhnlich. Mit bedeutungsschwangerer Langsamkeit, geradezu romantischer Poetik und seiner eigenen (und innerhalb des eigenen Gesamtwerkes keineswegs konsequenten) Interpretation des Wesens Vampir.
Fazit: Ein wichtiger Klassiker des modernen Horrorfilms und zugleich der Beginn einer Reihe interessanter Genre-Beiträge von Rollin. Seine Vampir-Filme gehören mit Sicherheit zu den stilistisch wagemutigsten und besten im Genre.
7,5 / 10