Review

Frische, unverbrauchte Ware ohne provinziellen Mief aus Deutschland - das sollte es öfters geben.

So wie "66/67" der Regisseure Glaser und Ludwig, die uns unter dem Deckmäntelchen eines "Coming of Age"-Films einen Blick in die Seelen von ein paar "Ultras" geben, einem halben Dutzend manischer Fußballfans hart an der Grenze zum klassischen Hooligan. Damit nähern sie sich erzählerisch manchmal verblüffend ausgerechnet dem britischen Klassiker "Trainspotting" an, nur eben ohne (oder fast ohne) Drogen, eine Situationsbeschreibung von sechs Figuren in einer Sackgasse, in dem Bemühen den Rückwärtsgang einzulegen oder weiterzufahren und auf einen Durchbruch zu hoffen.

Alle sind seit vielen Jahren ausgemachte Fans von Eintracht Braunschweig, doch die Zeit hat für die hart an die 30 gehenden Jungs wenig Gutes getan, denn die schlagfreudige Fangruppe, die sie mal waren, löst sich langsam aber sicher auf, einer nach dem anderen geht weg oder bemüht sich nach Strafen oder Gefängnis um ein normales Leben.

Was bleibt, ist der harte Kern: der geradezu asketisch wirkende Tobias, der sein bereits bestandenes Ingenieurdiplom vor dem Vater und der Welt versteckt, weil er für alle seine Fußballfreunde in fast allen Belangen Sprachrohr und Berater ist; der unter der Oberfläche brodelnde, quirlige Otto, der mit seinem Schwulsein hadert; nicht weil er es versteckt, sondern weil seine spürbare Agressivität ihn in der Schwulenszene nicht eben gesellschafts- oder beziehungsfähig machen; Henning dagegen ist selbst ein Treppenwitz: ein Polizist, der gleichzeitig Hool ist und in seiner Familie (alles Polizisten) zunehmend Agressionsschübe bekommt, während Kneipenwirt Tamer durch seinen todkranken Vater in die Patriarchatenrolle geworfen wird, was durch die (versteckte) Affäre zwischen Tobias und seiner Schwester Özlem noch erschwert wird. Während Mischa dabei nur ein wortkarger Beobachter ist, stecken jedoch in dem harmlos und linkisch wirkenden Christian größere Untiefen, hat er doch sein Leben genau durchgeplant und sieht sich dann schon bald dem Zusammenbruch seiner Kulissen gegenüber.

Glaser und Ludwig bemühen sich (mit Ausnahme von Mischa, der der Chronist sein könnte) um eine gleichmäßige Verteilung der Handlungsanteile auf alle Beteiligten, was bei fast zwei Stunden Laufzeit an sich eine Menge ist.

Ihre größte Qualität und ihr größtes Problem ist dabei, die Stimmung, das Leben der Charaktere im richtigen Moment einzufangen und ihnen gerecht zu werden. Weitestgehend sind sie damit erfolgreich, denn hier werden nicht einfach sechs Fußballdeppen gezeigt, die am Samstag (oder Sonntag) durchs Stadion und die Stadt gröhlen, sondern gebildete und berufstätige Leute, die ihr Privatleben der Liebe zu ihrem Fußballclub unterordnen, wobei der sportliche Aspekt eigentlich mehr oder minder Nebensache bleibt, verstehen sich die Sechs mehr als Verteidiger der Ehre ihrer Eintracht, die natürlich (der Film spielt im Sommer 2008) kurz vor dem Abstieg in die vierte Liga steht.

Die Regisseure, die auch gleichzeitig die Autoren sind, gehen nach Möglichkeit in die Tiefe und suchen die komplexen Charaktere, schlüsseln aber nie ganz auf, so daß Tobias und sein Verhalten immer etwas irrational bleiben, während etwa sonst die Abgründe meistens nur angedeutet werden, wie bei Otto und Christian, die an Beziehung und Sexualität scheitern.

Da die Atmosphäre wohl am wichtigsten ist, liegt auf ihr der Fokus und hier ist der Film auch wirklich erfolgreich, denn die Figuren sind die Gehetzten, von der Zeit, von der Welt, von den eigenen Ansprüchen. Alles läuft nicht so, wie es soll, alles verändert sich und so stemmen sie sich gegen den Strom, aber halbherzig oder gleich ganz ignorant.

Geradezu brilliant ausgespielt, ist das Agressionspotential aller Beteiligten, das ständig und in allen Szenen mitschwingt, außer man betäubt Schmerzen in Alkohol und Drogen (die einzigen wirklich entspannten Momente sind die Trips die Tobi und Otto einwerfen und die sie nach Istanbul ans Meer bringen).

Paradebeispiel ist Christoph Bachs "Otto", für den offensichtlich Robert Carlyles "Begbie" Pate stand, ein stetes sich bewegenden Männchen auf Duracell, dem man sofort abnimmt, daß er jeden Augenblick austilten kann. Aber auch die anderen nähern sich ständig dem Point-of-no-Return (der dann später erreicht wird, als man auf eine Fangruppe aus Hannover an einer Autobahnraststätte einprügelt): Tobias preßt seine Dialoge meistens hervor und übt sich in ständiger Beherrschung, Henning scheint stete Hektik und Wut zu schwitzen, während Christian praktisch als Nerd gekennzeichnet ist, dessen soziale Unbeholfenheit schließlich in einem eiskalten Gewaltausbruch gipfelt.

Was darunter zu leiden hat, sind leider die meisten Handlungsstränge, die nicht fertig erzählt werden, weil sie es vielleicht nicht werden müssen, aber bei so großer Sorgfalt wünscht man sich dann doch etwas mehr Substanz, gerade da sich Otto in Gefahr der HIV-Ansteckung bringt und Christian wohl dank Verhaftung aus der Szenerie komplett verschwindet. Was bleibt sind sicherlich Fragezeichen und eine gewisse Wortlosigkeit aller Figuren. Am Ende siegt Braunschweig und schafft den Sprung in die dritte Liga, während Tamers Vater begraben wird - auch hier ist man im Widerstreit der Gefühle, wie meistens im Film, zwischen Fan-Sein und Mensch-Sein.

Glaser und Ludwig ist ein roher, fast brutaler Film gelungen, der eckig und kantig geraten, niemanden verurteilt, sondern Figuren beschreibt in einer Situation, in der nicht mehr klar ist, ob sie sie kontrollieren können oder von ihr kontrolliert werden. Die Darsteller (allen voran Christoph Bach und Fahri Ogün Yardim) leisten Großartiges in Sachen realistischer Figuren und das ganze Werk wirkt bisweilen so laut und grob behauen wie das Leben selbst.

Wird in der Fanszene sicherlich ein Renner werden (besonders natürlich in Braunschweig), ansonsten aber eher eine anstrengende kleine Perle für eine spezielle Zielgruppe, die erstmal informiert werden sein will, wenn übermorgen wieder das nächste Spiel von Kickers oder Borussia ansteht. (7/10)

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