Review

"Das kleine Fernsehspiel" kommt ins Kino!
Wer etwas auf Qualität und interessante kleine Geschichten steht, der ist ausnahmsweise beim ZDF mal gut aufgehoben, denn da wird im Rahmen dieser spät gesendeten Reihe so manche Perle aufstrebender Filmemacher ausgestrahlt, aber wenn man glaubt, mal ein Pfund in der Hand zu haben, mit dem man wuchern kann, dann tut man sich halt mit der Filmförderung und Arte zusammen und schickt mal ein abendfüllendes Endprodukt ins Kino.
So jetzt geschehen mit Maximilian Erlenweins "Schwerkraft", einer vielschichtigen Geschichte rund um einen vom Leben gelangweilten Bankangestellten, der nach dem Selbstmord eines Kunden vor seinen Augen seinen eigenen psychischen Knacks grob vergrößert sieht und von nun an einem vandalierenden Kick, sich Autoritäten zu widersetzen folgt. Er tut sich mit einem ehemaligen Bekannten zusammen, nutzt die Daten seiner Kunden für Einbrüche und riskiert auch sonst öfters mal seine eigene Haut, was ihn den Mut fassen läßt, sich seiner Exfreundin, die er bisher lediglich heimlich gestalkt hat, wieder anzunähern.

Was hier jedoch so strukturiert klingt, leidet leider als Kinoformat unter leichter Unausgereiftheit des Regisseurs und dem alten Problem, mit dem Erstwerk fürs Kino gleich zu viel zu wollen.
"Schwerkraft" will sehr viel sein und das Meiste widerspricht sich stilistisch leider auf lange Sicht dann doch etwas. Das tönt den Unterhaltungsanspruch zwar nicht runter und läßt den Zuschauer die meiste Zeit neugierig auf die nächste Szene, führt aber zu einer geschmacklichen Unausgegorenheit, denn der Film will alles zugleich sein: Drama, Komödie, etwas romantisch, spannend, skuril, abstrus, satirisch und tiefschürfend abgründig.

Dazu hat sich Erlenwein der Künste Fabian Hinrichs bedient, der gerade erst in dem Hooligan-Film "66/67" in seiner unterschwellig lodernden Agressivität für Unruhe sorgte. Hier allerdings macht er eher als unebener Schlacks von sich reden, der manchmal zu brüllend witzigen Aussetzern neigt, aber oft auch die radikal angegriffene Psyche eines Getriebenen und vom Leben Unbefriedigten zeigt.
So genreübergreifend der Film so ausfällt, so wenig läßt er sich dann auch personalisieren, denn der junge Banker, der noch dazu den seltsamen Namen Florian Feinermann trägt, ist eigentlich eine Collage, ein menschliches Mosaik, eine Comicfigur mit Realismusbezügen. Manche Seitenhiebe geraten so aberwitzig-grotesk, manche anrührend, manche kurios-düster, nur mit dem Realismus, der die Figur wirklich einfühlsam und zugänglich machen würde, hat man es nicht so sehr in dem bunten Eintopf.

So folgen wir einem Nonkormisten, der irgendwann mal im normalen Leben gestrandet ist, weil er glaubte, es wäre richtig so und würde sich für ihn auszahlen, was jedoch nicht der Fall ist. Der Job ist grau, die Arbeit nahezu unmenschlich, persönliche Kontakte finden nicht statt, eine Beziehung bleibt aus, die Frau der Träume (die auch die Frau der Vergangenheit ist) kann man nur durch die Scheibe beobachten und sie bleibt auch später widerborstig, spröde, abgeneigt.

Wo Erlenweins Film punkten kann, ist der Plot, der immer nicht das zeigt, was man erwarten könnte und ständig Haken schlägt, zu dem abgründigen Ex-Knacki Vince, der von der gesicherten Existenz Florians träumt und nur eine Notgemeinschaft mit ihm eingeht, die von Abhängigkeiten und Ablehnungen geprägt ist; zu der desinteressierten Freundin, die weniger Reize zum neuen Lebensgefühl benötigt als die Massen, die der unkontrollierbare Florian einschlägt; zur kontrollierenden Kollegin, die von der Hauptfigur abgestoßen und angezogen zugleich wirkt; zum Chef, der eine bis mehrere Lügen lebt.
In solchen Momenten hält der Film der modernen Gesellschaft den Spiegel vor (auch wenn die deutsche Bankenlandschaft definitiv nicht so emotionslos unmenschlich ist, wie sie hier vor dem nötigen Klischee niederkniet).
Definitiv taucht der Film in verschiedene Lebensgefühle ein, doch statt diese einzeln zu erforschen, werden sie immer wieder durcheinander geworfen, meistens auf den äußeren Effekt hin, der zwar denkwürdige Szenen und Oneliner abgibt, aber nie zu einer schlüssigen Aussage aufgekocht wird. Zu viele Versatzstücke werden präsentiert, in der Hoffnung, eines werde jeder schon mit nach Hause nehmen, aber die Charaktere sind zu bizarr und abseitig, zu wenig zugänglich und zu sprunghaft, um wirklich eine emotionale Verbindung zu ihnen aufzubauen. Florian allein ist schon manchmal ein "Tyler Durden" würdige Polyvidium, das dann aber zu einem wortkargen Simpel verkommt, das man zur Aktion prügeln möchte - der Mann, der weiß, das er was anderes will, aber was das ist, fällt ihm nie ein. Er läßt sich treiben, er greift zu unkontrollierbaren Risiken, er wirft alles in die Waagschale.
Aber der Titel des Films bringt es schon nahe: es gibt eine Kraft, die uns doch am Boden hält, die uns nicht abheben läßt und die eine Flucht letztendlich umöglich macht, mögen wir auch noch so schöne Pläne schmieden - die kleine Anarchie, die bösen kleinen Streiche werden zu Verbrechen und die Kameraderie führt ins Nirgendwo. Am Ende steht man zusammen und verliert jeder für sich das, wofür man eigentlich gekämpft hat und merkt, das man letztendlich doch auf sich zurückgeworfen wird, daß man glaubte, es für jemanden anderen zu tun und doch nur egoistisch war.
Freiheit ist eine Illusion, die Schwerkraft hält uns fest - eine schön bittere Ironie für den guten Schluß, aber dann doch nicht so prickelnd neuwertig und zuende gedacht, daß man nachvollziehen kann, warum ausgerechnet dieser Film für den Kinoeinsatz ausgewählt wurde, außer für die Gewißheit, das bei aller Schwere das Thema doch vielschichtig und sympathisch angegangen wurde.
Lieben wird man "Schwerkraft" deswegen jedoch nicht, er präsentiert keine Überwindung, keine Erlösung, keine neuen Wegen, die funktionieren. Schwierig, dafür ein Publikum zu finden, das bereit ist, für die eigene Existenz darin herumzupuzzeln. (5/10)

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