Review

A Woman Called Abe Sada

Diese auf einem wahren Fall aus den 1930er Jahren beruhende Geschichte wurde in dem in westlichen Breitengraden bekannteren „Im Reich der Sinne“ (1976) erneut abgehandelt, doch ihre erste filmische Bearbeitung erfuhr sie in diesem mehr in der klassischen Tradition der japanischen Pink- Filme stehenden Werk, das ein Jahr älter ist.
Nagisa Oshimas “Reich der Sinne” sorgte damals international für viel Aufregung, hatte er es doch gewagt, die wahre Geschichte der Abe Sada so explizit wie nur möglich (also mit Hardcore- Einlagen) darzustellen und damit gegen die japanischen Gesetzlichkeiten zu verstoßen. Wurde der Film nach einer Berlinale- Aufführung selbst in Deutschland für eine Weile verboten, bevor er offiziell als Kunstwerk abgesegnet wurde, so kannte man in Japan keine Gnade: Dort ist seit jeher die explizite Abbildung von Genitalien ein Tabu. Doch Noboru Tanaka hatte mit seiner Version der Geschichte Anderes im Sinne. So blieb sein Film im Rahmen der japanischen Zensurbedingungen und konzentrierte sich auf einen anderen Ausschnitt der zugrundeliegenden Fakten eines Falles aus dem Jahre 1936. Während bei Oshima die Geschichte mit dem Liebestod des Mannes und seiner Kastration endet, schildert Tanaka minutiös das folgende Verwischen der Spuren, das liebevolle Verpacken des abgetrennten Penis, das Herrichten der Kleidung. Er nimmt sich aber auch noch Zeit für die Vorgeschichte der Abe Sada, die durch Vergewaltigung, Demütigung und Unterwerfung geprägt ist.
Die Geisha Abe Sada hat sich in einem Hotel mit dessen verheirateten Besitzer Kichi ein Zimmer genommen, wo die beiden für nichts anderes als ihre Leidenschaft leben. Selbst die bestürzenden Nachrichten aus dem Radio über Japans Eintritt in den 2. Weltkrieg können die beiden nicht von ihrer Affäre ablenken. Auf die Ehefrau von Kichi hat Abe in ihrer Eifersucht einen unbändigen Hass. Als Abe Sada ihren Geliebten während des Liebesspiels beinahe erwürgt, reift in ihr die Erkenntnis, wie sie ihn auf immer für sich behalten kann. Später wird sie Kichi tatsächlich erwürgen und ihn kastrieren. Sie wird ihm sogar mit einem Messer Liebesschwüre in die Haut ritzen, obwohl sie damit die Polizei auf eine leichte Fährte bringt...
Der Pink- Film (pinku eiga) war billig zu produzieren, da er mit nur wenigen Schauspielern auskam und wurde so zu einem guten kommerziellen Geschäft für die großen japanischen Filmstudios, allen voran Nikkatsu, vor allem nach dem langsamen Sterben der kommerziell ehedem sicheren Banken Samurai- und Yakuzafilm. Als einziges Filmstudio beteiligte sich das Godzilla- Studio Toho nicht mit einer eigenen Pink- Reihe am Geschäft, alle anderen hatten eigene Reihen zu laufen. Unter diesen Pink- Filmen gab es auch gewalttätigere Werke, die so manchem westlichen Zuschauer die Blässe ins Gesicht treiben dürften. Viele moderne japanische Regisseure sehen ihre Wurzeln in den Pink- Filmen, was nicht weiter erstaunt, boten doch diese Filme große künstlerische Freiheit für ihre oft jungen Regisseure. Nikkatsus Roman Poruno waren die künstlerisch anspruchsvollere Variante der Pink- Filme; der Name kommt vom japanischen Begriff für „romantische Pornographie“.
Der vorliegende Film beeindruckt in seiner Verbindung der Infragestellung von konventionellen Verhaltensnormen, psychologischen Raffinements und überbordender Visualität. Die Bilder des Filmes sind beinahe zu „groß“ für das Heimkino. Schon die extraordinäre Anfangssequenz in einem windgegerbten Feld zeigt, wie man für die große Leinwand umsetzen kann, was in anderen Händen nur ein abgefilmtes Kammerspiel wäre. Selbst aus so alltäglichen Gemeinplätzen wie dem Inneren eines Hotels, Zeitungsüberschriften oder dem Blick auf eine Straße, auf der Soldaten marschieren, werden so traumhafte visuelle Eindrücke. Dazu kommt noch ein schwermütiger Soundtrack, dessen Songs die Geschehnisse kommentieren.
Filme wie „Abe Sada“ machen deutlich, was für große Klassiker in japanischen Archiven noch schlummern müssen und der Entdeckung durch unsere Hollywood- geprägten Augen harren. Labels wie Rapid Eye Movies haben es sich zur Aufgabe gemacht, uns diese filmischen Kostbarkeiten zugänglich zu machen, und das darüber hinaus noch in einer sagenhaften Qualität, denn am hier gebotenen Bild- und Tonstandard gibt es nichts auszusetzen, bis auf wenige Schmutzflecken auf dem Master erstrahlt das Bild hell und klar und farbintensiv. Extras sind (natürlich) rar gesät, aber das abgeschwenkte Original- Postermotiv hat seinen ganz eigenen Charme, und darüber hinaus versteckt sich hinter dem Menüpunkt „Rapid Eye Movies“ (schön gestaltete DVD- Menüs übrigens) eine kleine Trailershow mit Samurai- und Yakuza- Klassikern, die entweder bereits erhältlich oder bald von REM herausgebracht werden (darunter die wärmstens empfohlenen „Lady Snowblood“ und die „Okami“- Reihe. Die Vorfreude ist schon groß!
Zu Regisseur Tanaka (geboren 1937) möchte ich noch erwähnen, dass er einer der stilprägenden Regisseure des Genres Pink- Filme war und im folgenden Jahr nach „Abe Sada“ „Watcher In The Attic“ drehte, den wir hoffentlich auch bald in unseren Breitengraden bewundern dürfen. „Abe Sada“ hielt sich and die Aussagen, die damals nach dem Aufgreifen der Geisha von ihr zum Fall aufgenommen wurden. Diese bildeten auch das Grundgerüst für eine weitere Version in „Sada“ (1998), die in MTV- Stakkatoschnitttechnik gehalten ist. Junko Miyashita war ein Starlet, die bei fast allen wichtigen Nikkatsu- Pink- Filmen Rollen spielte.
Macht euch am besten selbst ein Bild, die Entdeckung lohnt sich! Morris

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