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In den 1950er Jahren war die Welt im amerikanischen Western noch in Ordnung: John Ford und Howard Hawks waren die wichtigsten Regisseure im Genre und der Duke, John Wayne, saß noch fest im Sattel. Schon von Beginn an war der Western ein Genre, welches vor allem Männer ansprach und für Frauen in den meisten Fällen nur bedeutungslose Nebenrollen bereithielt. Stark gezeichnete Frauencharaktere sind bis heute eher die Ausnahme als die Regel und so interessiert sich das schwache Geschlecht kaum bis überhaupt nicht für das staubige, männliche Genre. Eine frühe Ausnahme bildet der in jeder Hinsicht unkonventionelle US-Western „Johnny Guitar“, inszeniert von Meisterregisseur Nicholas Ray („Rebel without a Cause“) im Jahre 1954.

Schon die Anfangssequenz lässt erahnen wie geschickt Klischees umgangen werden: Der friedliche Reiter Johnny (Sterling Hayden) trägt keine Waffe mit sich, nur eine Gitarre und sein Charakter entspricht keineswegs dem üblichen einsamen Reiter. Auf seinem Weg wird er abgelenkt durch eine gewaltige Explosion, ein Trupp Arbeiter ist mit Sprengungen für den Bau einer Eisenbahnstrecke beschäftigt. Die schon gleich am Anfang präsentierte Konfrontation des klassischen, oftmals romantisierten, amerikanischen Westens mit dem unvermeidlich voranschreitenden technischen Fortschritt.

Schon bald stellt sich heraus, dass der anfangs gezeigte Mann zwar eine sehr wichtige Rolle spielt, eigentlicher Hauptcharakter ist er aber nicht wirklich. Wie schon der deutsche Titel „Wenn Frauen hassen“ andeutet, konzentriert sich das Drehbuch auf einen Konflikt zwischen zwei außergewöhnlichen Frauen-Figuren, welche sich nicht von Männern bestimmen lassen. Die Geschichte ist darüber hinaus überaus komplex und wartet mit unverkennbaren politischen Allegorien auf, der Kampf gegen die konservative Obrigkeit beinhaltet deutliche Anspielungen auf die Politik des legendären Kommunistenjägers Joseph McCarthy; trotz seiner linken Gesinnung wurde gegen Nicholas Ray niemals ein Arbeitsverbot verhängt.

Joan Crawford liefert eine perfekte Darstellung, ihre spröde Art und ihre unnachahmliche darstellerische Stärke fallen auch einem ungeübten Zuschauer auf – dennoch war die Diva niemals mit dem Film zufrieden, äußerte sich stets negativ in der Öffentlichkeit. Ihre Gegenspielerin ist Mercedes McCambridge („Giganten“). Auch sie füllt ihren Charakter mit Leben und wirkt als reaktionäre Landbesitzerin wunderbar unsympathisch und hasserfüllt. Zunächst noch recht steif und konstruiert, gipfelt der Konflikt zwischen den Frauen schließlich in einem großartig inszenierten Schlussduell, bei dem die Männer nur zusehen können und nicht einschreiten. Keine Frage, die matriarchalische Ausrichtung der Geschichte ist ein klarer Kommentar zur feministischen Bewegung, deren Anfänge bereits unübersehbar waren.

Doch Johnny Guitar ist kein Pantoffelheld, früher war er selbst schießfreudig und lässt sich immer noch nichts gefallen. Sterling Hayden überzeugt als alternder Cowboy und trat bereits in den 40ern in einigen Western auf, bevor seine Karriere durch ein vorübergehendes Arbeitsverbot empfindlich geschwächt wurde. Seine Rolle in „Jonny Guitar“ ist wohl sicher seine denkwürdigste, vielleicht neben seiner früheren Hauptrolle in „Asphalt-Dschungel“ (1950).

Kleine Schönheitsfehler offenbart sowohl die Kameraarbeit als auch der stellenweise leicht deplazierte Schnitt. Technisch befindet sich der Film auf oberem Durchschnittsniveau doch trotz diverser Mängel sind diese Defizite leicht zu verschmerzen angesichts des großartigen Drehbuchs. Da der Fokus sowieso auf dialogreichen Szenen in geschlossenen Räumen liegt, fehlen monumentale Aufnahmen a la John Ford auch nicht um den erwünschten Effekt zu erzielen. Übrigens wurde der Film mit der Trucolor-Technik gedreht, was ihm den typischen Look der B-Western der 40er und 50er Jahre gibt, „Johnny Guitar“ ist die letzte größere Produktion die mit diesem Format arbeitete bevor die Erfindung von Eastmancolor die Standards verändern sollte.

Die literarische Vorlage von Trivialschriftsteller Roy Chanslor ist ein unbedeutender Groschenroman wie etliche andere seiner Art auch, da überrascht es nicht, dass die Storyline unkompliziert ist und schnörkellos erzählt wird. Emotionale Tiefe bekommt die Story nur durch die intensive Bearbeitung durch Drehbuchautor Philip Yordan, welcher die Geschichte um wesentliche Aspekte erweiterte und starke Dialoge schrieb. Die genaue Psychologisierung der Hauptfiguren erzeugt eine glaubwürdige Tiefe und wirkt niemals schemenhaft.

Von der amerikanischen Kritik wurde der Film größtenteils zerrissen, in Europa (insbesondere in Frankreich) erkannte man schon früh die intellektuellen Qualitäten des Films. Der Erfolg an den internationalen Kinokassen war beachtlich und überstieg deutlich die Erwartungen der Produzenten, ein entscheidender Grund warum Hollywood-Außenseiter Nicholas Ray die Chance bekam größere Projekte zu realisieren und seine künstlerische Freiheit dabei größtenteils zu wahren.

Kleines Detail am Rande: Dennis Hopper ist hier in seiner allerersten Rolle überhaupt zu sehen, auch wenn man ihn nur schwer erkennt und er auch keine nennenswerte Szene hat. Es sollten noch über zehn Jahre vergehen bis Hopper seinen Durchbruch hatte und seine Beteiligung an „Johnny Guitar“ dürfte keinerlei Relevanz haben für seine folgende Karriere, ist daher höchstens filmhistorisch interessant.

Fazit: Gemeinsam mit „12 Uhr Mittags“ und „Der schwarze Falke“ meiner Meinung nach der interessanteste Western der 50er Jahre und bis heute ein echter Ausnahmefilm. Ein kleiner Klassiker und Pflichtprogramm für alle Genre-Fans denn „Johnny Guitar“ ist absolut einzigartig. Die mystisch angehauchte Atmosphäre bringt einen surrealen Touch und die facettenreichen Botschaften sind subtil eingebettet in einem gelungenen Gesamtkunstwerk.

8,5 / 10

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